mariada 31.05.2007, 10:00 Uhr 22 25

An jedem verdammten Sonntag

Die Hitze ist kaum auszuhalten. Nichts regt sich. Die Luft ist so schwer, dass sie einen nahezu erdrückt.

Ich stehe hinter der Theke und warte auf Gäste. Es kommt niemand. Seit zwei Stunden war niemand da. Ich würde vermutlich auch nirgends hingehen, wenn ich nicht müsste. Dieses Wetter macht mich noch wahnsinnig. Ich bin für so etwas nicht gemacht. Bin kein Sommerkind. Hochsommer macht mich agressiv, denn ich kann nichts mit mir anfangen. Weder am Tag noch in der Nacht. Ich kann auch Menschen in der Hitze nicht ertragen, die den Sommer lieben. Die debil grinsend durch die Gegend laufen, genüsslich ihr Eis schlecken und sich darüber freuen, dass er endlich da ist. Süße Mädels in geblümten Kleidchen und bunten Leinenröckchen, die Weinschorle trinken und ihre Decke immer in der Sonne ausbreiten. Oh, wie ich das hasse. Und mehr als das alles, hasse ich die Sonntage. Sie setzen dem Ganzen noch die Krone auf. Diese unerträgliche Hitze wird am Morgen von einer idyllischen Stille begleitet, während der Nachmittag nicht nur den geblümten Mädchen sondern auch noch glücklichen jungen Familien gehört. Jeden Sonntag hinter dieser Theke frage ich mich, wie sie es in aller Welt schaffen genau am Sonntag Nachmittag glücklich zu sein. Gibt es da ein ungeschriebenes Gesetz? Einen Ehrenkodex?

Meine Gedanken werden abrupt unterbrochen, als sich zwei Mittzwanziger, ein Pärchen, draußen in den Schatten setzt. Na endlich. Wenigstens keine Familie und das Mädel trägt schwarze Shorts. Sehr sympathisch. Sie bestellen ein großes Wasser und jeweils einen griechischen Salat. Höflich, locker, glücklicherweise nicht dämlich grinsend. Ich bringe die Bestellung und stelle mich mit meinem Kaffee ans Fenster, um für alle Fälle etwas Präsenz zu zeigen ohne dabei in die Sonne zu treten. Beobachte die beiden. Sie scheinen etwas zu streiten. Vielleicht diskutieren sie auch heftig über etwas weltbewegendes. Sie schüttelt ihren Kopf und beißt trotzig in ihr Baguette. Eine Weile konzentrieren sie sich schweigend auf ihr Essen. Dann plötzlich nimmt er ihr Gesicht in die Hände und küsst sie. Zunächst zwar etwas irritiert, lächelt sie dann doch. Wenig später ordern sie die Rechnung. Während ich noch das Portemonnaies schließe, stehen sie auf und gehen. Noch einen kurzen Moment sehe ich ihnen nach und räume dann den Tisch ab.

Und da passiert es. Während ich mit meinem Tablett unter dem Sonnenschirm in die Hitze hervortrete ist es plötzlich wieder da. Dieses Gefühl. Das Pärchen immer noch im Augenwinkel, wie es gerade um die Ecke verschwindet und ich allein zurückbleibe in diesem heißen, stillen Sonntag. Noch nie zuvor habe ich daran zurück gedacht. Vermisst habe ich es auch nicht. Doch plötzlich waren sie wieder da. Die etlichen Sonntage der vergangenen fünf Sommer. Sie waren immer gleich. Immer. Ich habe darauf bestanden, während du dich maßlos darüber aufgeregt hast aus Angst vor Gewohnheit. Wir haben uns immer für besonders gehalten, unsere Liebe für besonders gehalten, sodass du immer befürchtet hast die Sonntage könnten dieses Besondere zerstören.

Meistens hattest du ein Fußballspiel. Ich habe dir zugesehen, obwohl ich Fußball nicht ausstehen kann. Später sind wir bei dem Italiener vorbei, haben Pizza, Rotwein und Eis besorgt und uns vor die Glotze geschmissen. Zuerst einen 20.15-Film, dann irgendeinen britischen Krimi im Zweiten und im Anschluss noch History. Danach bin ich immer eingeschlafen. Du warst stets geknickt, denn es war unser letzter gemeinsamer Abend für die nächsten fünf Tage und du hättest ihn gern bis zum Schluß ausgekostet. Ich fand es schön, denn es zeigte viel Gefühl. Mein Zug ging aber immer um 6.43 Uhr. Für mich war es ein Tag nur für uns, für dich eine Plage. Meistens am Freitag und am Samstag. Manchmal aber auch unter der Woche am Telefon. Gott, was haben wir gestritten. Wir könnten doch ausgehen. Ins Kino oder ins Theater oder einfach am Main spazieren. Wir müssen doch nicht jeden verdammten Sonntag vor der Glotze verbringen, hast du immer gesagt. Hin und wieder habe ich nachgegeben, doch spätestens auf dem Rückweg von irgendeinem Spiel, ein paar hundert Meter vor dem Italiener habe ich dich mit meinem Lächeln ködern können.

Ich schaute die Straße entlang. Das Pärchen war weg. Niemand mehr da. Ich spüle die Gläser und denke an die letzten Anderthalb Jahre. Vor allem an die Sonntage. Ich weiß noch, dass ich anfangs nicht zu Hause bleiben konnte ohne irgendwann an den britischen Krimis vorbei zu zappen. Also verlängerte ich mein Wochenende und zog meist auch Sonntags los. Etwas später verbrachte ich sie bei irgendeinem Typen. Dann habe ich angefangen zu arbeiten und freiwillig die Sonntagsschichten übernommen. Niemand will sonst am Sonntag arbeiten. Sonntags wollen alle glücklich sein. Ich hasse sie. Vor allem im Sommer.
Ich fühle mich leer und traurig und beschließe dich anzurufen, wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme.

Was du gerade tust, frage ich dich. Entspannen , ist deine Antwort. Dann noch ein bisschen Smalltalk. Du erzählst von deiner Neuen und ich von meinem Liebeskummer. Ich solle mir in erster Linie darüber bewusst werden, was ich eigentlich will, rätst du mir. Ich wüsste es nicht, sage ich. Genau das ist dein, bzw. euer Problem, erwiderst du. Ich kann nicht mehr an mich halten und frage dich, ob du von Zeit zu Zeit an uns denkst. Ja, das tust du. Uns auch wenn ich jetzt lache, so sind es die Sonntage, die dir am meisten fehlen. Ich muss tatsächlich schmunzeln.

Nachts kann ich wieder einmal nicht einschlafen, weil zu heiß. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit ärgere ich mich nicht. Ich denke über deine Worte nach und darüber, was ich eigentlich will. Mir kullern ein paar Tränen und mein Herz zieht sich zusammen, weil der Liebeskummer nachlässt und Einsamkeit sich breit macht. Weil ich wieder einen traumhaften Menschen verabschiede, der mir nicht das geben kann was ich brauche. Und weil ich es satt habe im Morgengrauen zu gehen um in der nächsten Nacht wiederzukommen. Die Tränen kann ich nun gar nicht mehr halten und mein Herz zerreist vollends in dieser Nacht. Wegen eines jeden verdammten Sonntags, den ich allein hinter der Theke verbringe.

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    Oh jeh...Ich mag deinen Text;o) Sonntage als Single sind die Hölle. Weil es immer die Sonntage waren, an denen man als Pärchen die ganze Zeit im Bett liegen konnte, und einfach nur zusammen war...

    03.02.2008, 13:29 von Miau...
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    wunderbar traurig...so viele empfinden genau das gleiche, jeder sehnt sich nach zweisamkeit und doch sind wir allein.

    01.11.2007, 12:56 von Fehlerteufelchen
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    Sonntage sind echt scheiße... mit oder ohne Beziehung... naja, ohne Beziehung vielleicht noch ne Nummer schlimmer ;-)

    15.06.2007, 19:19 von Bully
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    uii wasn schöner text.... der letzte absatz ist einfach nur wunderschön ausgedrückt... hach jaa..man versinkt richtig in dem text..ich wünsch dir dafür ein paar sehr schöne, montage, dienstage, mittwoche, donnerstage, freitage und samstage und irgendwann auch wieder wunderschöne sonntage!!

    10.06.2007, 20:59 von cumuluswolke
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    Hey!
    Ich bin dir sehr dankbar, dass du so schön und treffend geschrieben hast, Alltag, Träume und schlichtweg das "Leben", wie es einige hier empfinden würden zu beschreiben fällt mir selbst absolut nicht leicht.... Schade nur, dass du so über den Sommer herziehst, er ist das einzige, was mein Herz in Takt hält........
    Beste Grüsse aus München, Flo

    10.06.2007, 03:16 von Flocki
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    Wunderschöner Text...man fühlt mit Dir.
    Aber diese Sonntage sind nur so lange beschissen wie es die Umstände zulassen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.

    05.06.2007, 16:58 von sabrina1980
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