myownsunshinestate 30.11.-0001, 00:00 Uhr 73 67

An einem Julitag

Die Zeit mit Dir war, als hätte jemand ein Dutzend Bücher genommen, die Seiten herausgerissen und die Kapitel wahllos wieder zusammengefügt.

Ich traf Dich das erste mal an einem Julitag im Louvre. Da war dieses zottelige blonde Wesen mit dem braunen Augenpaar, das als einziges in diesem Raum nicht auf die überraschend kleine Mona Lisa gerichtet war, sondern auf mich. Noch heute weiß ich nicht, wie genau das mit uns eigentlich angefangen hat, wer den ersten Schritt machte, die ersten Worte sprach. Wer zuerst die Lippen des anderen mit seinen berühren wollte.

Du warst ein paar Jahre jünger als ich, zum Austausch in Paris und ich, überstürzt und unüberlegt aufgebrochen, mit meiner Gitarre und Gepäck für eine Woche auf der Flucht in dieser Stadt, weil mir wieder alles zu eng wurde, zu viel, zu erdrückend in meiner verhassten Heimatstadt.

Als wir uns ein halbes Jahr später hier in Berlin wiedertrafen, erschien mir die Zeit mit Dir wie eine unzusammenhängende Aneinanderreihung von Kurzgeschichten. Als hätte jemand ein Dutzend Bücher genommen, die Seiten herausgerissen und die Kapitel wahllos wieder zusammengefügt. Ich konnte nicht genug von Dir bekommen, davon, wie Deine Nackenhaare in meiner Nase kitzelten, wenn wir ineinanderverschlungen in Deinem Bett unterm Dachfenster lagen und die Wolken beim Vorbeiziehen beobachteten, vom Geruch Deines Parfums in meinen T-Shirts am nächsten Morgen und davon wie Du den Rauch der Zigaretten in kleinen Ringen durch die Nase aufsteigen ließt.

Du warst der arroganteste Mensch den ich kannte, rebellisch, klug und wunderschön. Es interessierte Dich nicht, was andere von Dir dachten und insgeheim bewunderte ich Dich dafür. Ich bewunderte alles an Dir. Wie Du aus dutzenden Farbklecksen aus Acryl- und Ölfarben Landschaften und Gesichter entstehen lassen konntest, wie Du immer mehr Vodka vertragen hast als ich und wie Du schief zu den Liedern sangst, zu denen wir betrunken tanzten.

Zusammen erkundeten wir Venedig, Lissabon, Madrid, Toulose und in unseren Träumen noch mehr. Wir liebten uns auf den Dächern dieser Städte und malten uns aus, wie wir eines Tages ausbrechen würden aus allen Zwängen, nur Du und ich und die weite Welt.

Doch ich spürte diesen Blick jedes Mal. Wenn Du dachtest, ich würde noch schlafen und Du mich ansahst, als hättest Du damals schon gewusst, wer aus mir werden würde. Und Du hast Recht behalten. Ich bin einsam und allein, unfähig Nähe zu ertragen, neurotisch und zwanghaft.
Impulsiv.
Depressiv.

Wenn ich heute die unzähligen Zigaretten auf meinem Fensterbrett ausdrücke und in den Himmel schaue, frage ich mich wohl, was Du mittlerweile machst. Ob Du immernoch Dein Glück suchst, ziellos, planlos, aber immer unterwegs in den Straßen dieser Welt.

Denn das mit uns war nie so geplant, nie so gedacht. Und fühlte sich vielleicht gerade deshalb so richtig an.

In all den Jahren mit Dir bin ich älter geworden, wollte mehr, vor allem mehr Sicherheit und Beständigkeit, doch Du bliebst immer genau so jung wie an diesem Julitag im Louvre. Wir trennten uns unter Tränen und jedem von uns zeriss es das Herz. Das mit uns funktionierte einfach nicht mehr, unsere Vorstellungen vom Leben drifteten immer weiter auseinander, so dass an ein gemeinsames nicht mehr zu denken war.

Ich traf Dich nie wieder, aber in jedem meiner Lieder, die ich schreibe, steckt ein Teil von Dir. Und vielleicht, ja vielleicht spürst Du genau wie ich, dass das mit uns nicht zuende ist. Dass es da noch Seiten gibt, die wir nicht gelesen haben und die nur darauf warten, dass wir mit ihnen unsere Geschichte weiterschreiben.

Ich habe Dich nicht vergessen.









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73 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich kann es nicht erklären, aber dieser Text lässt einen wünschen, man selbst wäre das Mädchen und hätte diese Zeit erlebt.

    Sehr gut geschrieben.

    21.02.2015, 16:10 von _Jubilee_
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  • 0

    Ich kenne dieses Mädchen nicht. Trotzdem sehe ich sie beim Lesen dieses Textes barfuss durch den Regen hüpfen, mit Glitzer im Gesicht durch den Morgen tanzen und im Schneidersitz an Fenstern sitzen. Ich sehe mich.

    18.02.2015, 17:05 von Kittykatt
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  • 1

    keine ahnung warum, ich liebe diesen text.

    05.02.2015, 17:23 von lenacathrine
    • 1

      Super!

      05.02.2015, 17:32 von quatzat
    • 0


      05.02.2015, 20:01 von myownsunshinestate
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    Passiert...

    04.02.2015, 13:07 von sailor
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    EIn Herzschmerztext, der mir ausnahmsweise gefällt.

    Chapeau!

    03.02.2015, 14:53 von Freulein_Taktlos
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  • 0

    Sehr schön geschrieber Text. 

    Aber ich fand deine alten noch schöner, da waren mehr Emotionen dahinter. Aber dennoch.. Chapeau! 

    02.02.2015, 22:57 von safethedistance
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    Der vierte Abschnitt gefällt mir wohl am besten. Sehr schöner Text!

    02.02.2015, 22:50 von nightminds
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