Maedschoen 12.07.2010, 12:27 Uhr 0 1

Amnesie II

Fortsetzung Amnesie I

Wenn ich ganz sicher bin, dass er eingeschlafen ist und ich sein gleichmäßiges Atmen höre, schleiche ich mich in unser Schlafzimmer und lege mich neben ihn.
Manchmal beobachte ich ihn die ganze Nacht und schleiche mich zwei Minuten bevor sein Wecker klingelt zurück ins Wohnzimmer und stelle mich schlafend bis er das Haus verlässt.

Nachts, wenn er schläft, dass ist die einzige Möglichkeit mit ihm zusammen zu sein.
Denn egal welcher Mensch jetzt auch in ihm haust, im Schlaf ist er mein Simon.
Dann kann ich leise flüsternd mit ihm reden, ihm sagen wie mein Tag war und mich an die Illusion klammern, dass er das alles hört und sein Unterbewusstsein in den tiefen seiner verschwundenen Erinnerungen kramt und er sich eines Tages wieder an mich erinnert.

Tagsüber rede ich nicht mit ihm. Kein einziges Wort. Nicht mal ein „Hallo“ kommt mir über die Lippen, wenn er nach Hause kommt und den Kopf zur Tür reinsteckt.
Ich will nicht mit diesem Fremden reden, der in unserer Wohnung hockt und dein Gesicht trägt.

Philipp wird ihn bald abholen, sobald er aus seinem Sommerurlaub zurück ist.
Der Arzt meinte er solle zu seiner Familie. Doch die hat Simon nicht mehr.
Unsere enge Bindung könnte ihn unter enormen Stress setzen und das wäre im Moment Gift für ihn.
Bla, bla, bla.
Gift für mich ist dieser Fremde.
Jeden Tag wenn er wach ist und durch die Wohnung schleicht, als ob ich nicht wüsste, dass er da ist.
Lächerlich.

Über kleine gelbe Post-its teile ich mich mit. Und auf jedem einzelnen Sieze ich ihn.
Völlig normal, denn wir kennen uns ja schließlich erst vier Tage.

Er trägt deine Klamotten. Frechheit.
Nach der ersten Nacht, kam er aus unserem Schlafzimmer und ich musste nach Luft schnappen, als ich sah, dass er dein Lieblings Shirt trug.
Frechheit. Bodenlose.
Vom Leib hätte ich es ihm am liebsten gerissen.
Er trägt deinen Geruch, hat deine Stimme und dein Lachen, selbst wenn er schnarcht klingt es nach dir. Doch jedes Mal wenn er mich anschaut, begreife ich, dass du nicht mehr da bist.

Wenn er mich anschaut, dann mit einer Spur Mitleid. Aber überwiegend lese ich in seinem Gesicht, dass er völlig ratlos ist und wenn er in der Küche auf deinem Stuhl hockt, dann wirkt er so verloren und einsam.
Den Hals könnte ich ihm dafür umdrehen.

Wenn ich dann die Küche betrete und er zu mir hochblickt, da beginne ich langsam zu begreifen, dass du für immer fort sein könntest.
Und ich verliere den Verstand.

Als du die Wohnung verlässt, schleiche ich ins Schlafzimmer und wühle ein bisschen in seinen Klamotten. Als ob ich was finden würde, dass ich nicht schon kenne.
Fast keuche ich, als ich dein/ sein Notizbuch aufschlage.
Darin liegt ein Foto von uns. Schnappschuss. Strand. Alle happy.
Auf der Seite in der das Foto lag steht: „Ich kenne sie nicht, noch weniger als ich mich selbst kenne. Ich weiß nicht wer ich bin, doch ich weiß das ich noch nie in meinem Leben so glücklich war wie auf diesem Foto.“
Ich knalle das Buch zu. Fast so als würde ich irgendein unliebsames Insekt zwischen den Seiten platt machen wollen.
Ich lasse es wieder zwischen den T-Shirt und Shorts verschwinden, wo ich es eben rausgefischt habe und mache auf dem Absatz kehrt.
Bevor ich das Zimmer verlassen kann, fällt mein Blick auf das Nick Cave Shirt.
„Das gehört ihnen nicht“, höre ich mich trotzig sagen, während ich es mir greife und unsanft die Türe schließe.
Frechheit.
Bodenlose.

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