Maedschoen 10.07.2010, 15:39 Uhr 0 4

Amnesie I

Es zerreißt mich, ich möchte schreien und weinen, mit dem Kopf gegen die Wand rennen, ihn schütteln, seinen Kopf gegen die Wand schlagen...

Ich sehe ihn an und sehe alles was ich habe, alles was ich kenne, alles was ich liebe.
Ich kenne ihn besser als mich selbst.
Ich schaue in diese Augen und begreife erst jetzt was dieses Wort bedeutet: Amnesie.
Amnesie.
Ein Wort das eher harmlos wirkt, unscheinbar und doch hatte ich in meinem Leben noch nie so viel Angst wie in diesem Augenblick in dem er mir gegenüber sitzt, mich anschaut und erkennt das ich eine Fremde für ihn bin.
Es zerreißt mich, ich möchte schreien und weinen, mit dem Kopf gegen die Wand rennen, ihn schütteln, seinen Kopf gegen die Wand schlagen, vielleicht hilft´s ja, denke ich, während ich ganz still da sitze und mich nicht von der Stelle rühre, keinen Millimeter.
Ich kann nicht.
„Atme...“, seine Stimme scheint ganz weit weg zu sein, als hätte ich wachs in den Ohren, oder gleich eine fette Weihnachtskerze.
Ich habe tatsächlich vergessen zu atmen.
Als wäre ich aus unendlichen tiefen wieder ans Ufer gekommen, hohle ich schnappend Luft.
Mitleid, Hilflosigkeit, Zweifel all das sehe ich wenn ich ihn anschaue und all das macht mir so viel Angst.
Da sitzt er, alles was ich dachte nie bekommen zu können, sitzt vor mir und ist doch nicht da.
Ich kann nicht sprechen, nicht mit ihm reden.
Ein Wort zu ihm würde mir noch schmerzlicher klar machen das ich eine Fremde bin.
Trotzdem sitzt er hier.
In unserer Wohnung.
Unserem zu Hause.
Bei dem Gedanken muss ich schlucken und tief Luft holen.
Ohne ihn, kein zu Hause.
Ich stehe auf, wenn ich ihn länger anschaue fang ich noch an zu weinen.
Ich rede nicht mit ihm, lege ihm alles zurecht, zeige ihm wo das Bad ist, wo er schlafen kann und wo ich schlafen werde.
Er schläft in unserem Bett, ich werde auf der Couch schlafen.
Keine Sekunde würde ich es aushalten in unserem winzigen Schlafzimmer, alles riecht und schreit nach uns in diesem winzigen Raum.
Er ist im Badezimmer während ich fassungslos auf die Pizzaschachteln starre, leere Bierflaschen, „Mädchenbier“ wie er es nennt und das Bier für „echte Männer“.
Ich kann die Sachen nicht anrühren, ich kann sie nicht wegräumen und den Tisch sauber wischen.
Gestern noch, gestern haben wir hier gesessen, schlechten Indie Rock gehört und gelacht, ich hab mein Mädchenbier getrunken und war nach 3 ½ schon betrunken.
„Unfassbar“, hat er gelacht, als ich mich mit leichten Gleichgewichtsstörrungen auf dem Weg zum Bad gemacht habe, bis auf die Toilette hab ich sein Lachen gehört.
Höhnisch hallt es nach, sein Lachen.
Es verspottet mich geradezu.
Ich lasse alles wie es ist knipse das Licht aus und gehe ins Wohnzimmer.
Ich schließe die Türe und öffne das Fenster.
Während ich unter die Wolldecke krieche und sie mir bis über die Nase ziehe, höre ich wie er aus dem Bad kommt und das wohlbekannte knarren der Dielen zum Schlafzimmer höre.
Es hört sich kaum anders an.
Ich fange an zu weinen.
Dicke Tränen kullern über meine Wange und das Schluchzen schüttelt mich völlig unerwartet.

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