superhero! 15.12.2012, 18:49 Uhr 2 4

Amélie

Vielleicht haben Menschen nicht Angst vor Liebe. Sondern nur davor, nicht zurückgeliebt zu werden.

Ein kleines Mädchen läuft. Das kurze hellblonde Haar klebt ihr im verweinten Gesicht, die kindlichen, mageren Arme sind wie eine Sicherheitsweste um den dürren Körper gewickelt.

Die tannengrünen Augen laufen aus, damals wie heute weigert sich Amélie einzugestehen, dass sie weint.

Die Eltern trennten sich, als sie gerade 6 war, ein paar Wochen nach ihrer Einschulung.

Türen schlagen, Streit, Hände schlagen, Tränen, Teller zerschlagen, Lärm.

Ein Seehundplüschtier in ihren Armen, Nils, als Puffer gegen die Welt.

Wochenenden beim Vater. Bérnard riecht morgens nach Bier und mittags nach Korn und abends nach gar nichts mehr, abends riecht er nach Hass. Eine sechsjährige, die bewusst den Zorn ihres Vaters auf sich lenkt, um an ihrer Schwester, an ihrem Bruder statt verprügelt zu werden. Eine kleine Narbe am unteren Rippenbogen. Ein Brandfleck am Knie. Bérnard raucht.

Ich komm nie mehr. Ich besuche dich heute zum letzten Mal.

Geh doch. Solange Jan und Marie bleiben. Scher dich zum Teufel, du kleines Miststück. Wird’s wenigstens ruhiger hier. Na los, was stehst du noch hier?

Die Mundwinkel höhnisch verzogen, eine letzte Ohrfeige. Blut ist dicker als Wasser.

Ein kleines Mädchen läuft.

Die Mutter überfordert. Arbeitet viel, um das Haus zu bezahlen. Drei Kinder.

Bringt sie zur Schule, Amélie träumt, Amélie fällt über ihre eigenen Füße, Jan und Marie werden ermahnt, aufzupassen, damit sie ja nicht wie Amélie enden. Amélie ist am Ende. Läuft aus.

Wird erwachsen. Zu schnell.

Ist klug, wahnsinnig klug, wahnsinnig ehrgeizig, nur eine 2? Wird 10, Gymnasium. Amélie lernt, liest, Amélie schreibt. Lehrer werden aufmerksam, ein kluges Kind haben sie da. – Warten sie nur ab bis sie die anderen zwei sehen!

Wird 14. Verliebt sich. Eineinhalb Jahre. Schläft in den Matthias‘ Armen ein, wacht mit einem Lächeln auf. Die Leere füllt sich nicht. Ist nicht gut genug für Matthias, nicht schön genug.

Hungert. Erbricht. Hungert. Erbricht. Hungert. Zerbricht.

Leben sich auseinander. Trennung. Wochen, die nur verschwommen vor ihren Augen vorbeiziehen.

Die Leute sagen, Amélie hätte traurige Augen. Sie lacht dann nur, meint, grüne Augen würden immer traurig aussehen. Amélie hat die traurigsten Augen der Welt, sieht aus, als hätte jede Enttäuschung ihres Lebens eine Spur in ihren Augen hinterlassen. Überspielt Enttäuschungen überragend gut, wird jedes Mal von ihren Augen verraten, lacht mit traurigen Augen.

Wird 16. Hat Angst, noch jemanden zu verlieren, will sich nicht binden. Affairen. Leute reden. Jedes Wort eine Erinnerung an Bérnard. Hässlich. Schlampig. Miststück. oh. mein. Gott.

Feiert zu viel. Viele Freunde, viele Feinde, viele Hände, die den Körper, aber keine, die das Herz berührt.

Wird Jahrgangsbeste, Abitur mit 1,1, warum nicht 1,0?

Läuft weg. Ein Jahr in Amerika, in einer fremden Familie, zum ersten Mal das Gefühl, wo hinzugehören, angekommen zu sein. Das Visum läuft aus, Rückflug, ‚home‘, wenn Amélie nur wüsste, wo zum Teufel das ist.

Die anderen Au-Pairs werden am Flughafen erwartet, Pappschilder mit ihren Namen, Willkommensbanner. Amélie läuft zum Zug. Marie hat ein Reitturnier.

Wird Studentin. Wirtschaftsingenieurin. Jahrgangsbeste. Männerstudiengang, Amélies blonder Schopf wird zum Skalp erkoren, Amélie lässt niemanden an sich heran. Immer noch zu viel Angst. Amélie ist schön, Männer drehen die Köpfe, Frauen die Gedanken.

Trifft Mats. Stahlblaue Augen. Kein Wort. Eine Umarmung, eine Umarmung von einem Wildfremden.

Ein kleines Mädchen läuft.

Ich heiße Amélie.


Tags: Amélie, Scheidung, Liebe auf den ersten Blick, Au Pair, Schmerzen
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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ich mag die vielen namen.
    (traurig)schön geschrieben.. ging irgendwie zart ins herz..

    15.12.2012, 21:13 von nnoaa
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  • 0

    Zuviel der Namen, schönes Tempo und irgendwie fragt sich, was bleibt.

    Selbstmitleid?
    zweifel?
    Fluchten?

    Nix da.
    Die A. wird doch noch mehr können.

    15.12.2012, 19:44 von FrauKopf
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