flyingtoohigh 20.05.2010, 05:50 Uhr 4 1

Am Ende

Am Ende gebe ich die Schuld allen meinen Lieblingsliedern. Und jedem romantischen Gedicht, das jemals geschrieben wurde.

Als ich neben dir stehe und dir zusehe, wie du deine Taschen packst, ist von all den Gedanken, die durch meinen Kopf rasen und all den Dingen, die ich mir eingestehen muss, das schmerzhafteste, dass ich es von Anfang an wusste. Noch bevor das, was gerade zu Ende geht, anfing, noch als die ersten Grundsteine gelegt wurden, sagte mein Verstand klar und laut vernehmlich: Nein. Und ich wusste, du bist nicht gut für mich. Und ich wusste, das kann nicht gut ausgehen. Und ich wusste, am Ende werden Tränen fließen und Taschen gepackt werden, nicht nur, weil das immer so ist, sondern vor allem, weil das mit Männern wie dir so sein muss. Immer so sein wird.

Und dann verbrachte ich Wochen und Monate damit, meinen Verstand zu übertönen, die warnende Stimme in mir leiser werden zu lassen. Mein Herz spielte trotziges Kind, steckte sich die Finger in die Ohren und sang laut „Lalalala“. Da war dieser Teil in mir, der widersprach. Natürlich kann alles anders sein, dieses Mal. Es kann Happy End sein und große Liebe, bis das der Tod uns scheidet und sowieso. Die Möglichkeit ist immer da, und Menschen können sich ändern, du kannst dich ändern, und dann können wir alles sein. Glücklich sein. Und wenn die Wahrscheinlichkeit nur ein Prozent ist, dann können doch wir dieses eine Prozente sein. Und ich musste es versuchen. Musste das Risiko eingehen.

Und warum musste ich das? Wegen allen meinen Lieblingsliedern, die ich ununterbrochen höre. In denen der Junge, mit der Gitarre und dem verträumten Blick irgendeinem Du die schönsten Dinge vorsäuselt. In denen Liebe ewig währt, auch wenn sie unmöglich ist. Und weil du dieser Junge sein könntest und ich dieses Du.

Wegen jedem romantischen Gedicht, das je geschrieben wurde. In denen selbst der Liebeskummer noch wunderschön ist. In denen selbst der Schmerz erstrebenswert scheint. Und weil es am Ende alles wert gewesen sein könnte. Und ich dir meine besten Gedichte widmen.

Wegen all diesen Filmen, die alle dasselbe versprechen. Von Cindarella bis The Notebook. In denen der andere immer der Eine ist. Die Umstände unwichtig, solange die Liebe groß genug ist. Weil unsere Liebe riesig scheint und wir deswegen auch die Umstände überwinden werden. Und wir uns dann grinsend diese Filme anschauen könnten, und uns darin wieder erkennen.

Wegen all diesen Nächten, die ich unterm Sternenhimmel verbracht habe. Ich denen ich voller Träume und Sehnsucht war, so groß, dass ich sicher war, dass irgendwo dort draußen mehr auf mich warten muss. In denen ich mir vorgestellt habe, dass das Glück auf mich wartet und ich es nur finden muss. Und weil du dieser Vorstellung vom Glück verdammt ähnlich siehst.

Wegen all diesen Ehepaaren, die mit achtzig noch Händchen haltend über die Straße laufen. Die es in Wirklichkeit gar nicht so häufig gibt, die einem aber unmöglich entgehen können. Die sich aneinander festhalten, einander stützen, wie sie das immer schon getan haben und die das Altwerden gar nicht angsteinflössend erscheinen lassen. Wenn man nur jemanden hat, mit dem man es zusammen bestreiten kann. Und weil ich es mag, wie sich deine Hand in meiner anfühlt.

Wegen all meinen Freunden, die den Kopf geschüttelt haben. Die mir gesagt haben, was ich längst schon wusste, immer wieder. Die versucht haben, mir in Erinnerung zu rufen, dass Lieder nur Kommerz sind, Gedichte nur Kunst, Filme nur Hollywood, Nächte nur Träume und glückliche Ehepaar nur Ausnahmen. Die Recht hatten mit jedem Wort und weil ich ihnen beweisen wollte, dass es anders ist, anders sein kann.

Und jetzt stehe ich neben dir und schaue dir dabei zu, wie du deine Sachen packst. Du nimmst deine Gitarre mit und ich erinnere mich schon jetzt nur noch verschwommen an die Lieder, die du mir geschrieben hast. Die Gedichte, die ich dir gewidmet habe, hast du nicht in deiner Tasche, die habe ich vor Wochen verbrannt. Deine DVD-Sammlung enthält keinen Liebesfilm, erst Recht keinen über uns. Und die sehnsüchtigen Nächte verbringe ich nun endgültig wieder ohne dich. Ich schaue dir zu und weiß nichts mit meinen Händen anzufangen. Ich habe die Arme verschränkt, lehne am Türrahmen und fühle mich fehl am Platz. Ich denke darüber nach, dass ich es besser hätte wissen müssen. Dass ich mir und uns die Tränen hätte ersparen können. Wir haben uns geliebt, überstürzt, verstandlos, wie die Liebe eben ist. Aber die Liebe hat die Umstände nicht geändert. Dich nicht geändert, mich nicht geändert, die Tatsachen nicht geändert, die Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht besiegt. Und meine Freunde sagen nichts, aber ihre Blicke sprechen für sich und wenn ich die erwarteten Tränen weine, kann ich das „Wir habens dir doch gesagt!“ in meinem Kopf hören. Und natürlich haben wir nichts bewiesen, außer dass wir auch nicht anders sind.

Aber doch, denke ich mir, während du den Reißverschluss an deiner Sporttasche zuziehst, dich umdrehst und an mir vorbeisiehst. Die Liebe zu dir fühlt sich jetzt schon an wie eine entfernte Erinnerung. Und doch. Ich musste es versuchen, aus all diesen Gründen. Nur um sicher zu gehen und nichts bereuen zu müssen.

„Ich bereue nichts“, sage ich und dann blickst du endlich auf und mich an.

Du kommst zu mir und nimmst meine Hand.
„Ich auch nicht“, sagst du, drückst einmal zu und gehst.

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4 Antworten

Kommentare

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    Ohne die Absätze 3-8 , könnte ich was anfangen damit.

    20.05.2010, 10:47 von Tanea
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    Nun ja ... Liebe eben.
    Was soll man da sagen ?
    Der letzte Satz versöhnt. Nichts bereut ? Ehrlich ? Wirklich... gaaanz ehrlich ? Na dann, alles ok, aber ändere mal dein Beuteschema .... Du weisst doch sicherlich, dass man immer nur sich selber ändern kann, nie den anderen. Also, lieber andere Mängel in Kauf nehmen, dafür aber was langfristiges einfangen, was zur Familienplanung taugt, falls das von Dir gewünscht ist.

    20.05.2010, 10:21 von Cyro
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    Weniger Fernsehen, mehr knutschen.

    20.05.2010, 09:14 von sailor
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    Von Anfang bis Ende:

    Nein. Nein. Nein.

    20.05.2010, 08:43 von frl_smilla
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