sacrion 30.05.2012, 22:56 Uhr 2 2

Am Ende der Liebe bleibt noch der Schmerz

Ein Plädoyer für die Liebe & gegen die Treue.

Am schlimmsten sind die Nächte, dann, wenn die Dunkelheit ihn umgibt und ihn allein lässt mit sich und seinen Gedanken, nicht fähig, die Vergangenheit loszulassen. Wenn er so daliegt, an die Wand starrt, und nichts hört ausser seinem Atem - und ihrem. Und er sich dann zu ihr wendet, sieht, wie das Mondlicht auf ihren Körper fällt, ihr eine gespenstische Stille verleiht. Die Kälte des Lichtes vereint sich mit ihrer Wärme, die sie ausstrahlt, zu einem gleichsam anziehenden wie abstoßendem Gefüge der Gefühle.

Am schlimmsten sind die Tage, dann, wenn sie durch die Stadt läuft, einsam, gehetzt von ihrer Vergangenheit. An jeder Ecke findet sie ein Stück von sich, in jedem Café, in jeder Bar, überall quält sie ihre Vergangenheit, entkommen indes kann sie ihr nicht. Die Frühlingssonne steht gleißend im strahlend blauen Himmel, kündigt vom Sommer, die Gärten erstrahlen in einem Meer aus Blüten, der Wind streift durch die Natur und lässt sie frösteln.

Er liebt die Tage. Er liebt es, sich mit ihr durch die Stadt treiben zu lassen, ziellos, planlos, furchtlos, sich ganz und gar dem Schicksal ergebend, jenem Schicksal, welches sich erbarmte, sie zusammen zu führen. Er liebt es, sie um sich zu haben, ihrer niemals überdrüssig zu werden, sie vielmehr in jeder Sekunde mehr lieben zu lernen. Hier gibt es keine Vergangenheit, nur die Zukunft mit ihr, selbst die Gegenwart verschwindet unwirklich in einem Sturm der Gefühle.

Die Nächte sind noch schlimmer als die Tage. In ihrem Bett zu liegen, einsam, still. Noch immer riecht das Laken nach ihm, auch wenn sie es schon hundert Mal gewaschen hat. Noch immer sieht sie sein Bild an ihrer Wand, obwohl die Wand längst eine andere ist. Noch immer hört sie ihn die Treppe hochkommen, klingeln, obwohl das Haus längst ein anderes ist. Sie hat ihre alte Wohnung verlassen, ihre Vergangenheit aber mitgenommen. Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Sie kämpft sich in den Schlaf, wissend, dass der Morgen nur einen weiteren Tag ohne ihn bringt.

Die Tage sind noch schlimmer als die Nächte. Wenn sie nicht da ist, er den Tag alleine verbringt. Dann ist sie wieder da, seine Vergangenheit, erdrückt ihn, erstickt ihn, greift nach ihm, will ihn in sein altes Leben zurück zerren. 
Unerträglich nagt der Zweifel an ihm, schreit ihn an, dass er kaum noch etwas zu hören vermag, ausser ihrem Lachen. Er schaut in den Spiegel. Hast du dich richtig entschieden?, fragt er den Menschen, der da vor ihm steht, doch der antwortet ihm nicht.

Sie steht im Bad, schaut in den Spiegel. Vor Zeiten sah sie von dort ein hübsches Gesicht an, voller Lebensfreude, mit einem Lachen, dass er als engelsgleich bezeichnete. Heute sieht sie nur noch Trauer. Selbst Wut ist ihr nicht geblieben. 
Was ist nur passiert, fragt sie sich, wie jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick, was ist nur mit uns passiert? 

Er geht spazieren im Park, sieht die Enten auf dem See schwimmen, die Hunde auf dem Rasen tollen, die Kinder auf dem Spielplatz spielen. Er streichelt ihr über den Bauch, der seit nunmehr 8 Monaten wächst, Tag um Tag. Sie setzen sich auf eine Bank, schauen den Kindern beim spielen zu und freuen sich auf ihr gemeinsames Leben, auf ihr gemeinsames Kind. Bald sind sie eine richtige Familie. Ich mag den Frühling, sagt sie. Ist es nicht unglaublich, wie die Zeit an uns vorbeizieht? Es ist schon wieder Frühling, der triste Winter, der stürmische Herbst sind vorbei, ebenso der Sommer. Ja, es ist unglaublich, sagt er. Vor einem Jahr war ich mit meinen Freundinnnen in London, sagt sie, weißt du noch?

Sie liegt zu Hause auf ihrem Sofa, ist erschöpft von der Arbeit. Sie flüchtet sich in die Arbeit, damit sie nicht an die Vergangenheit denken muss. Heute morgen war ihr Vorgesetzter bei ihr, redete mit ihr über ihren Job, lobte ihren Fleiß, ihr Engagement. Aber er mache sich auch Sorgen um sie, sagte er. Seit einem Jahr hat sie sich keine Pause gegönnt, vor einem Jahr hat sie den Job angetreten und seitdem keinen Urlaub gemacht. Es geht ihr gut, versichert sie ihm.

Vor einem Jahr trafen sie sich. Sie war neu in der Stadt, kannte niemanden, war wegen ihrem neuen Job hergezogen. Er streifte durch die Stadt, seine Freundin war in London, 2 Wochen. Er saß in einem Café, alleine, und sie setzte sich in seine Nähe. Ihre Blicke trafen sich, und beide wussten es. 2 Wochen liebten sie sich, gingen jeden Tag in einem anderen Restaurant essen, gingen jeden Tag in eine andere Bar. Er nahm sich extra 2 Wochen Urlaub für sie. Sie liebten sich, jeden einzelnen Tag.

Nach 2 Wochen war es vorbei. Ein letztes Mal trafen sie sich, und er erklärte ihr, dass es vorbei sei. Sie wussten es beide, von Anfang an. Es ist vorbei, sagte er. Sie nickte nur stumm. Ein letzter Blick, ein letzter Kuss, dann war es vorbei. Aber nicht völlig.
Denn am Ende der Liebe bleibt den beiden immer noch der Schmerz...

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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Unheimlich toller Text!

    06.06.2012, 13:01 von Nicki91
    • 0

      Vielen Dank!

      06.06.2012, 18:37 von sacrion
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