Am Ende der Liebe bleibt noch der Schmerz
Ein Plädoyer für die Liebe & gegen die Treue.
Am schlimmsten sind die Nächte, dann, wenn die Dunkelheit ihn
umgibt und ihn allein lässt mit sich und seinen Gedanken, nicht fähig,
die Vergangenheit loszulassen. Wenn er so daliegt, an die Wand starrt,
und nichts hört ausser seinem Atem - und ihrem. Und er sich dann zu ihr
wendet, sieht, wie das Mondlicht auf ihren Körper fällt, ihr eine
gespenstische Stille verleiht. Die Kälte des Lichtes vereint sich mit
ihrer Wärme, die sie ausstrahlt, zu einem gleichsam anziehenden wie
abstoßendem Gefüge der Gefühle.
Am schlimmsten sind
die Tage, dann, wenn sie durch die Stadt läuft, einsam, gehetzt von
ihrer Vergangenheit. An jeder Ecke findet sie ein Stück von sich, in
jedem Café, in jeder Bar, überall quält sie ihre Vergangenheit,
entkommen indes kann sie ihr nicht. Die Frühlingssonne steht gleißend im
strahlend blauen Himmel, kündigt vom Sommer, die Gärten erstrahlen in
einem Meer aus Blüten, der Wind streift durch die Natur und lässt sie
frösteln.
Er liebt die Tage. Er liebt es, sich mit
ihr durch die Stadt treiben zu lassen, ziellos, planlos, furchtlos, sich
ganz und gar dem Schicksal ergebend, jenem Schicksal, welches sich
erbarmte, sie zusammen zu führen. Er liebt es, sie um sich zu haben,
ihrer niemals überdrüssig zu werden, sie vielmehr in jeder Sekunde mehr
lieben zu lernen. Hier gibt es keine Vergangenheit, nur die Zukunft mit
ihr, selbst die Gegenwart verschwindet unwirklich in einem Sturm der
Gefühle.
Die Nächte sind noch schlimmer als die
Tage. In ihrem Bett zu liegen, einsam, still. Noch immer riecht das
Laken nach ihm, auch wenn sie es schon hundert Mal gewaschen hat. Noch
immer sieht sie sein Bild an ihrer Wand, obwohl die Wand längst eine
andere ist. Noch immer hört sie ihn die Treppe hochkommen, klingeln,
obwohl das Haus längst ein anderes ist. Sie hat ihre alte Wohnung
verlassen, ihre Vergangenheit aber mitgenommen. Nicht, dass sie eine
Wahl gehabt hätte. Sie kämpft sich in den Schlaf, wissend, dass der
Morgen nur einen weiteren Tag ohne ihn bringt.
Die
Tage sind noch schlimmer als die Nächte. Wenn sie nicht da ist, er den
Tag alleine verbringt. Dann ist sie wieder da, seine Vergangenheit,
erdrückt ihn, erstickt ihn, greift nach ihm, will ihn in sein altes
Leben zurück zerren.
Unerträglich nagt der
Zweifel an ihm, schreit ihn an, dass er kaum noch etwas zu hören
vermag, ausser ihrem Lachen. Er schaut in den Spiegel. Hast du dich
richtig entschieden?, fragt er den Menschen, der da vor ihm steht, doch
der antwortet ihm nicht.
Sie steht im Bad, schaut in
den Spiegel. Vor Zeiten sah sie von dort ein hübsches Gesicht an,
voller Lebensfreude, mit einem Lachen, dass er als engelsgleich
bezeichnete. Heute sieht sie nur noch Trauer. Selbst Wut ist ihr nicht
geblieben.
Was ist nur passiert, fragt sie sich, wie jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick, was ist nur mit uns passiert?
Er
geht spazieren im Park, sieht die Enten auf dem See schwimmen, die
Hunde auf dem Rasen tollen, die Kinder auf dem Spielplatz spielen. Er
streichelt ihr über den Bauch, der seit nunmehr 8 Monaten wächst, Tag um
Tag. Sie setzen sich auf eine Bank, schauen den Kindern beim spielen zu
und freuen sich auf ihr gemeinsames Leben, auf ihr gemeinsames Kind.
Bald sind sie eine richtige Familie. Ich mag den Frühling, sagt sie. Ist
es nicht unglaublich, wie die Zeit an uns vorbeizieht? Es ist schon
wieder Frühling, der triste Winter, der stürmische Herbst sind vorbei,
ebenso der Sommer. Ja, es ist unglaublich, sagt er. Vor einem Jahr war
ich mit meinen Freundinnnen in London, sagt sie, weißt du noch?
Sie
liegt zu Hause auf ihrem Sofa, ist erschöpft von der Arbeit. Sie
flüchtet sich in die Arbeit, damit sie nicht an die Vergangenheit denken
muss. Heute morgen war ihr Vorgesetzter bei ihr, redete mit ihr über
ihren Job, lobte ihren Fleiß, ihr Engagement. Aber er mache sich auch
Sorgen um sie, sagte er. Seit einem Jahr hat sie sich keine Pause
gegönnt, vor einem Jahr hat sie den Job angetreten und seitdem keinen
Urlaub gemacht. Es geht ihr gut, versichert sie ihm.
Vor
einem Jahr trafen sie sich. Sie war neu in der Stadt, kannte niemanden,
war wegen ihrem neuen Job hergezogen. Er streifte durch die Stadt,
seine Freundin war in London, 2 Wochen. Er saß in einem Café, alleine,
und sie setzte sich in seine Nähe. Ihre Blicke trafen sich, und beide
wussten es. 2 Wochen liebten sie sich, gingen jeden Tag in einem anderen
Restaurant essen, gingen jeden Tag in eine andere Bar. Er nahm sich
extra 2 Wochen Urlaub für sie. Sie liebten sich, jeden einzelnen Tag.
Nach
2 Wochen war es vorbei. Ein letztes Mal trafen sie sich, und er
erklärte ihr, dass es vorbei sei. Sie wussten es beide, von Anfang an.
Es ist vorbei, sagte er. Sie nickte nur stumm. Ein letzter Blick, ein
letzter Kuss, dann war es vorbei. Aber nicht völlig.
Denn am Ende der Liebe bleibt den beiden immer noch der Schmerz...







Kommentare
Unheimlich toller Text!
06.06.2012, 13:01 von Nicki91Vielen Dank!
06.06.2012, 18:37 von sacrion