sarahpt_ 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 6

Altbauwohnung

In dieser müden Welt würden wir uns gegenseitig wiederbeleben, zur Not mit Mund-zu-Mund-Beatmung, und wir würden es gerne tun.

Ich würd‘ gern mit dir in ner Altbauwohnung woh’n.

Ich würde gerne nie etwas tragen, außer flauschigen Ninjasocken, Unterwäsche und deinen T-Shirts, und manchmal nicht mal die. Du würdest für uns kochen, aus der Anlage käme gute Musik und ich würde um dich herumtanzen und dir ins Ohr singen, oder auf der Theke sitzen, dich beobachten und gleichzeitig durch 9GAG scrollen, um dir ab und zu ein GIF zu zeigen. Vielleicht würden wir dann diskutieren, ob es GIF oder JIF heißt, und falls du tatsächlich denken solltest, man spricht das JIF aus, dann würde ich dich so lange mit dem Hundewelpenblick angucken oder dich eben anderweitig von meiner Meinung überzeugen, bis du nachgibst, mich küsst und das Essen anbrennt. Dann würdest du fluchen und ich lachend davon rennen, auch wenn ich mit meinen rutschigen Socken auf dem Parkett nicht sonderlich weit kommen würde. Außerdem würde ich mir sicherlich irgendwo die Hüfte anhauen, weil ich immer noch keine Kurven einschätzen kann. Ich würde dich überreden auf dem Fußboden im Schneidersitz sitzend zu essen, einfach, weil ich Küchenböden liebe und dort gerne mal Müsliparties veranstalte, und ich würde dich einen Meisterkoch nennen, auch wenn das im Vergleich zu mir wahrscheinlich jeder ist. Aber wenn ich dann mal dein Lieblingsessen machen würde, müsstest du es trotzdem essen. Sowas wie Bier stünde bei uns immer im untersten Kühlschrankfach, damit man sich auch  schön runterbeugen muss beim rausholen und damit der andere sich darüber freuen kann. Ich wäre immer noch süchtig nach Orangensaft, obwohl mein Bauch davon blubbert und du würdest immer noch kein scharfes Essen vertragen.

Manchmal würde ich heimlich auf dem Balkon rauchen, in die kleinen Pflanzen dort aschen, weil mir irgendjemand mal erzählt hat, das wäre gut für die, und dann würde ich die Kippen verstecken, aber du würdest es natürlich trotzdem schmecken und mich mit diesem Blick ansehen und dann würde ich mir mit schlechtem Gewissen ganz lange die Zähne putzen und dir einen Pfefferminz-Entschuldigungs-Kuss geben und du würdest mir verzeihen. Ich würde meine Finger in deinen verwuschelten Haaren verlieren, wann immer ich wollte und du würdest sie dann verzweifelt wieder glatt streichen. Wir würden uns gegenseitig mit Kajal, Kuli oder Edding anmalen und ich würde dein Gesicht mit meinem Zeigefinger nachfahren. Ich würde auf deine Nase drücken und Hupgeräusche machen und an deinen Backen herumspielen, du dürftest dich ja revanchieren.

Wir würden zusammen duschen und du mich auffangen, wenn ich ausrutsche, nur weil du wieder zwischen mir und dem leckeren Shampoo standest. Und nein, ich habe es nicht probiert, aber ich weiß, dass es lecker ist, weil es lecker riecht, also lass mich. Und außerdem würdest du es bestimmt manchmal heimlich auch benutzen und ich würde das schon riechen, wenn ich mich nachts an dich kuschle. Du wärst immer der große Löffel und ich der kleine. Trotzdem würde ich oft aus deinen Armen fliehen und mich stundenlang wach im Bett herumwälzen, weil mich andere Rhythmen oftmals aus dem Takt bringen und ich mich nur so schlecht anpassen kann, da ich ja alleine schon kaum schlafen kann. Du würdest dann irgendwann davon wach werden und einfach nicht mehr weiterschlafen, weil es sowieso sinnlos ist und dann darüber lachen, dass ich wieder mal mit Socken geschlafen hab, aber du würdest genauso gut wie ich wissen, wie kalt meine Füße immer sind. Dein Dress Code für Zuhause bestünde aus oben ohne, weil ich auf deinen Oberkörper steh und ihn öfters als Heizung missbrauchen würde. Wenn‘s kalt ist, würdest du auch mal ein T-Shirt von dir von mir bekommen, aber die Pullis gehören mir.

Die bräuchtest du in den klaren Sommernächten eh nicht, denn wir würden in Decken gekuschelt auf dem Balkon sitzen und all unsere Sternschnuppenwünsche sofort in Erfüllung gehen lassen. Du würdest meine Wein-infusionierte Tollpatschigkeit auslachen und meine Nase anstupsen, einfach so, und ich würde versuchen, mit meiner Zunge deinen Finger zu berühren.
An kalten Tagen würden wir Serien oder Fi(lme gu)cken (ja, ich weiß, das ist kindisch). Du würdest Tee trinken und ich kalte Milch, weil ich finde, dass sie aufgewärmt irgendwie rund schmeckt und ich das nicht mag, genauso wie ich Handcreme hasse, weil sie kalt riecht. Das Fenster wäre gekippt, wenn’s draußen regnet und wir würden viel Pizza essen, weil’s für mehr vielleicht nicht reicht, aber für uns immer gut genug wäre.
Manchmal würde ich mich nach flauschigem, vierbeinigem Nachwuchs sehnen und dich anbetteln, dass wir uns ein Haustier zulegen, aber du würdest höchstens einer Katze zustimmen, die muss aber dick und flauschig sein, weil du Corgis leider irgendwie nicht Hund genug findest. (Gulasch, Bark Ruffalo und Ivan sehen dich vorwurfsvoll mit ihren niedlichen Corgi-Augen an und die Queen ist enttäuscht von dir, dass du es wagst, eine solch majestätische Kreatur zu verschmähen. Und ja, ich bin mir bewusst, dass diese Hunde im Prinzip nur Brote mit Stummelbeinchen dran sind, und auch, dass sie sehr fluffige Popos haben. Und das ist mir egal.)
Wir hätten viele Schallplatten und Bücher, und du hättest endlich Harry Potter ganz gelesen und würdest verstehen, was ich meine, wenn ich sage, dass Dumbledore ein manipulativer Egoist war und Snape ziemlich overrated ist. Und dann würden wir einen Filmemarathon machen und unsere Katze McG nennen.

Du würdest mich oft ansehen, auch wenn ich gar nicht hingucke, und ich würde es hassen und lieben zugleich. Manchmal würden wir Blickduelle machen und uns lange in die Augen schauen. Du würdest grinsen und ich irgendwann weggucken, weil in mir drinnen immer alles kribbelt, wenn du das tust.

Ich würde dir ab und zu kleine Briefe schreiben und sie in der Wohnung verstecken, z.B. im Kühlschrank, oder hinter deinem Rasierer, und du würdest sie dort dann finden, wenn du mehr als drei Barthaare hast – also nie.
Wir würden gegenseitig unsere Wäsche aufräumen und du wärst dafür, dass mein Lieblings-BH öfter in der Schublade bleibt, weil du ihn eh nicht aufbekommst. Die farbliche Bandbreite unserer Klamotten würde nicht sehr viel weiter als schwarz, grau und dunkelblau reichen, bis auf deine grauenhaften Boxershorts mit ihrem Karomuster, die wir trotzdem beide tragen.

Und wenn sich in mir drin wieder alles grau anfühlt, würdest du mir morgens aus dem Bett helfen, mich unter die Dusche stellen und ich würde die Augen schließen und so tun, als säße ich unter einem Wasserfall. Du würdest meine Haare waschen und mich davon überzeugen, dass selbst grau lebendig sein kann, weil du weißt, dass ich das Gleiche für dich tun würde.

In dieser müden Welt würden wir uns gegenseitig wiederbeleben, zur Not mit Mund-zu-Mund-Beatmung, und wir würden es gerne tun.

Wenn du arbeiten musst, würde ich Silent Disco machen und manchmal aus Versehen laut mitsingen und du würdest durch die Nase schnauben und dir vornehmen, mir endlich tanzen beizubringen. Ich würde frech grinsen und dich küssen und du würdest, nur um mich zu ärgern, den Kopf ein bisschen zurückziehen, damit ich dich noch näher ranziehe.

Manchmal würde einer von uns vom Regen durchnässt zuhause ankommen und alles volltriefen, aber der andere würde schon mit einem Handtuch und heißer Schokolade warten. Vielleicht wäre ich auch wieder ungeschickt, und würde etwas verschütten oder so, und wenn es ganz ungünstig läuft, wäre ein Handy oder ähnliches eines meiner Opfer und wir würden verzweifelt versuchen, es zu retten. Meistens würdest du mit verzeihen und dann einen Kuss auf die Stirn geben, aber manchmal würden wir uns wegen solchen Dingen auch richtig streiten und manchmal würden diese Streits auf gewissen Ebenen geraten, auf denen ich nicht viel sagen kann, weil ich immer in den wichtigen Momenten diesen blöden Kloß in der Kehle habe und meine Stimme dann so weinerlich klingt, und das hassen wir beide, weil das einfach nur weh tut.
Wir würden dann also aneinander vorbei reden, uns stumm anschreien und Türen zuknallen. Ich würde manchmal nächtelang abhauen und du würdest wütend zuhause bleiben und dir allem Sorgen machen, dass ich wieder dumme Sachen anstelle.
Stattdessen würde ich stundenlang durch die Stadt, in der wir leben, laufen, so lange bis ich die Kälte nicht mehr spüre und die Notiz in meinem Kopf mit Läden und Cafés, die ich unterwegs gesehen hab, aber mit dir wieder entdecken will, voll ist. Dann würde ich wieder irgendwelche S-Bahnlinien abfahren, obwohl ich lieber in U-Bahnen heule, weil die genauso im Keller sind, wie meine Stimmung dann. Mir wäre egal, was die anderen denken, und auch, dass die Frau Ende 50, die für uns verdächtig nach Old Cat Lady aussieht, aber immer schnieke Jacken trägt, mir schon wieder im Vierer gegenüber sitzt, mich mitfühlend ansieht, sich vielleicht fragt, wo du denn bist und ob sie dem schniefenden Etwas mit ran gezogenen Knien, Kopfhörern im Ohr und mittlerweile KISS Make Up ein Taschentuch anbieten soll. Wahrscheinlich würde ich es eh nicht mitbekommen, weil mein Kopf unendliche Spiralen drehen würde, um all das, was ich hätte sagen können und sollen.
Vielleicht würdest du mich anrufen und obwohl ich in solchen Momenten lieber alleine bin, würdest du schon wissen, wann ich mein Handy nicht abschalte, weil ich deine Nähe trotz allem brauche.

Ja, ab und zu würde ich dich verlassen und du auch mich. Ich würde mit mir selber tanzen, meine Augen dabei schließen, damit sie niemand anderen außer dich berühren, und ich würde uns schrecklich vermissen, nur um die einzig wichtigen, richtigen Worte zu finden.
Ich würde immer zurück zu dir kommen und du würdest es wissen, wenn ich dann in der Früh vor dir stehe, denn

Ich würd‘ auch manchmal morgens Brötchen hol’n.


Tags: ich muss aufhören meine Texte auf Grundlage von AMK Songs zu schreiben, 3. Stock, AnnenMayKantereit
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1 Antworten

Kommentare

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    Supergut geschrieben!

    28.04.2016, 20:06 von Dumblebee
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