fraeulein.puenktchen 05.08.2008, 12:40 Uhr 3 1

Alles voller Sommersprossen

Deine Bartstoppeln haben dafür gesorgt, dass mein Kinn ganz rot und wund ist. Hierfür trägst ausnahmsweise Du mal die Verantwortung.

Für all die anderen kleinen und großen Katastrophen, uns beide etwa, bin ich ganz alleine verantwortlich. Du hast nichts getan, dich trifft keine Schuld. Du hast mich einfach machen lassen. Ich dachte eben, dass es vielleicht ein bisschen länger dauert, bis du auch mal was machen willst. Nein, gedacht habe ich nie wirklich. Und ich denke noch immer nicht nach, denn es würde mir das Herz brechen oder zumindest einen Sprung hinterlassen.

Dann könnte ich nicht mehr so wie jetzt hier neben dir liegen, nackt, in dem Bett, das wir gemeinsam zusammengebaut haben. Es fällt mir ohnehin schon schwer, deine Berührungen zu ertragen. Wenn du mich an dich presst und mein Körper deinen warmen Duft aufsaugt. Wenn du meinen Rücken streichelst, während ich dir das Haar zersause. Wenn du mich stundenlang küsst und deine Bartstoppeln in mein Kinn pieksen. Es ist jetzt ganz rot und wund und sogar heiß, wenn ich darüber streiche.

Wenn wir so daliegen, dann fällt es mir wirklich schwer, die Tränen zurückzuhalten. Es ist ein eigentümliches Gefühl, dieses Ziehen im Bauch, das Stechen in der Brust und das Kribbeln im Kopf, kurz bevor dieser heiße salzige Tropfen aus meinem Augenwinkeln kullert. Er rollt dann über meinen Nasenrücken oder die Wange, und weil ich nicht will, dass er mich kitzelt und du mich so siehst, wische ich ihn schnell weg und hoffe, dass du jetzt nicht aufhörst mich zu küssen, denn dann würdest du deine Augen öffnen und es würde dir wehtun zu sehen, wie du mir wehtust. Nein, das will ich wirklich nicht. Diese Momente kaputt machen. Mehr haben wir nämlich nicht.

Noch fünf Minuten, dann musst du aufstehen. Die Arbeit ruft. Ich frage mich, wie ich mich selbst dazu bringen kann, diese Minuten einfach zu genießen, anstatt traurig darüber zu sein, dass sie bald vorüber sind. Irgendjemand hat mal geschrieben, dass der glücklichste Moment in seinem Leben auch der traurigste Moment war, denn natürlich war ihm bewusst, dass er nie wieder so glücklich sein würde. Nein, das heute morgen war nicht der glücklichste Moment in meinem Leben. Aber schön war es trotzdem. Verstanden habe ich schon immer, warum Glück auch traurig ist. Jetzt aber weiß ich auch, wie es sich anfühlt.

Du fragst mich, ob ich mit dir duschen will. Ich lehne ab, weil ich mich am liebsten schnell anziehen und davonlaufen würde. Im Lebewohl sagen war ich noch nie gut. Doch es muss sein. Bald schon. Ich habe keine Kraft mehr für diese Art von Selbstzerstörung. Es ist, als ob ich wieder zwölf wäre und du wärst mein Teddybär. Ich kann dich immer knuddeln, wenn mir danach ist, aber du bist nur ein lebloses Stoffbündel und wirst niemals zu mir kommen, um mich von dir aus zu knuddeln. Außerdem ist man mit zwölf langsam zu alt für Teddybären. In diesem Alter sollte man den Teddy in den Speicher bringen und ihn auch dort oben lassen. Sich einzubilden, er würde alleine nicht klarkommen und das kleine zwölfjährige Mädchen vermissen, das ist Wunschdenken.

Aber jetzt, genau in diesem Augenblick, ist es noch nicht an der Zeit, Lebewohl zu sagen. Ich stehe auf, gehe ins Bad und komme zu dir unter die Dusche. Ich küsse deinen Hals, dein Kinn, deine Augen. Alles voller Sommersprossen. Du umarmst mich ganz fest, während das heiße Wasser auf uns niederprasselt. Du küsst mich, aber ich kann kaum atmen wegen dem vielen Wasser. Danach gibst du mir ein Handtuch und ich bekomme sogar das größere von beiden. Du bist eben ein wahrer Gentleman. Ich putze mir die Zähne und du beugst dich zu mir herunter, um mir einen Kuss auf die Schulter zu geben.

Ich wünschte, du wärst nicht dieser Gentleman. Ich wünschte, du hättest mit mir geschlafen, dann hätte ich nämlich einen Grund, sauer auf dich zu sein. Aber so bist du nun mal nicht. Du hast mich eben gern und du nutzt es deshalb nicht aus, dass ich fast alles machen würde, was du von mir willst. Du hast mich gern, aber du liebst mich nicht. Vielleicht werde ich nie verstehen, warum du mich trotzdem stundenlang streichelst und küsst. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht sollte ich dich einfach auf den Speicher bringen. Aber vielleicht werde ich das nie übers Herz bringen.

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3 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Auf Metaphern kann ich verzichten, aber Vergleiche werde ich mir wohl nie verkneifen können ^^ Vielen Dank für deinen Kommantar!

      06.08.2008, 10:03 von fraeulein.puenktchen
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    Uh Mann.. Das hat mich grad mitgenommen, weil ich grade genau das erlebe bzw fühle. Wundervoll beschrieben. Ich werds gleich nochmal lesen ;)

    Liebste Grüße

    05.08.2008, 18:08 von Tiger-Lili
    • 0

      @Tiger-Lili Vielen Dank auch dir für dein Kommentar! Auch wenn es natürlich traurig ist, in so einer Situation zu sein...
      Liebe Grüße zurück!

      05.08.2008, 19:09 von fraeulein.puenktchen
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  • 0

    wunderschön geschrieben.
    ich kenne da jemanden, bei dem es mit "uns" auch immer so sein wird.

    05.08.2008, 14:43 von Polly_
    • 0

      @Polly_ wirklich schön geschrieben.
      ich weiß um ehrlich zu sein auch nicht, was man dazu mehr sagen könnte.

      05.08.2008, 14:57 von HerrAlexX
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      @HerrAlexX Auch dir vielen Dank! Und ich weiß auch nicht, was ich dazu noch mehr sagen könnte...naja ^^

      05.08.2008, 15:01 von fraeulein.puenktchen
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