fantatierchen 11.11.2011, 00:04 Uhr 53 41

Alles auf Null

Die folgenden 7 Tage gehe ich barfuß durch eine Hölle aus Schmerzmitteln und innerer Leere, Hand in Hand mit meinen Fragen.

Und dann mache ich die Augen auf und schaue direkt in deine. Gewartet hast du, die Lippen geschlossen, bis ich meine wieder öffnen konnte. Trotzdem kleben die Tränen und tief in der Kehle würgt die Wut, die nicht will, dass du das siehst.

 Mich siehst. So.

Ich öffne den Mund, aber was herauskommt, ist so leer, dass die Worte kaum Substanz haben. Und doch perlen sie glatt und kalt wie Murmeln über die Lippen, um schwer wie Steine umgehend zu Boden zu fallen. Stumm schaust du ihnen zu, während der Schutthaufen zwischen uns wächst und wächst, obwohl ich doch eigentlich verzweifelt versuche, genau das Gegenteil zu bewirken. Ich frage. Und bitte. Am Ende flehe ich. Und hasse mich selber dafür, denn jetzt ist es zu spät für Schwäche. 

Vielleicht haben wir vor lauter kämpfen vergessen, uns zu lieben. Beim Sex, wenn ich mindestens so viele blaue Flecke wie du Kratzwunden davongetragen hast. Beim Fühlen, wenn du deine Ex getroffen und ich in den Clubs weiter mit anderen getanzt habe. Wir haben beide offensichtlich gespielt, obwohl es hintergründig längst zu Ernst geworden war, wenn du meinen Kopf beim Kotzen gehalten und ich dich meinen Eltern vorgestellt habe. Aber es ist genau diese Ambivalenz gewesen, das Unmögliche der Situation, was uns angezogen hat, nicht wahr? Die Unregelmäßigkeiten. Dass du 4 Jahre jünger bist als ich. Und ich 400km weit weg wohne. Du so schön - ich so verrückt. Niemand hat es verstanden, und exakt deshalb wollten wir es umso mehr: uns emotional auslutschen, bis der Geschmack der schweißnassen Haut beim Sex derselbe salzige wird wie der von tränennassen Wangen. 

Du beginnst, den Kopf zu schütteln. Erst langsam. Dann schneller. Und benutzt ab diesem Moment das Perfekt, wenn du über uns sprichst - was irgendwie passend ist, denn perfekt ist es auch gewesen. Perfekt, und intensiv. L(i)eben am Limit: Das Ende kam genauso unvorbereitet wie der Anfang. Zack, boom! standest du in meinem Leben. Zack, boom, beamst du dich wieder hinaus. Vor deinem Auto umarmst und küsst du mich wie beim ersten Mal, und als ich mich losreißen möchte, hält dein Körper mich ein letztes Mal zurück. Dein Herz hat mich längst gehen lassen.

Die folgenden 7 Tage gehe ich barfuß durch eine Hölle aus Schmerzmitteln und innerer Leere, Hand in Hand mit meinen Fragen. Weil man manchmal erst bemerkt, wieviel einem jemand bedeutet, wenn er unerreichbar geworden ist.

Ich esse nicht. Schlafe nicht. Spreche nicht. Da sind Spuren in meiner Seele, von dir, die ich nicht verwischen kann und möchte. Im Zeitraffer zieht die Zeit an den Augäpfeln  - drei Portionen täglich, das ist gesund! - vorüber, wenn die Lider geschlossen sind. All die Sekunden und Minuten des letzten Monats, den wir im Rausch von Nähe miteinander verbracht haben, toben dann noch einmal so quicklebendig durch meinen Kopf, dass er immer noch nicht begreifen kann, wie sie so endgültig  und jäh sterben konnten. Waren sie jemals lebendig?

Nach 8 Tagen schmeiße ich deine zuvor liebevoll in meinem Badezimmerschrank deponierte Zahnbürste weg. Und packe meine eigene wieder in das kleine Kulturtäschchen für Clubübernachtungen - zu Abschminktuch, Miniportion Tagescreme, Sonnenbrille, Kondom, Deo, Kamm.

Alles auf Null. Du bist wieder mit deiner Exfreundin zusammen, sagst du. Und ich? Mit mir selber.

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53 Antworten

Kommentare

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    mit sich selber ist es doch am schönsten. ;)

    01.01.2012, 15:13 von LIEBEMACHEN.
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    schoener text.

    12.12.2011, 10:59 von meerblau
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    beim letzten abschnitt musste ich schlucken...der schlag ins gesicht, den man selbst leider viel zu gut kennt.

    danke für diese traurige, aber dennoch schöne story ;)

    13.11.2011, 12:29 von Liebe.Freiheit.Alles
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    true.

    13.11.2011, 07:08 von thinknadika
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  • 1

    Der letzte Satz triffts... "Und ich? Mit mir selber."

    Tut nicht wirklich weh, aber nimmt Illusionen.

    12.11.2011, 22:47 von Serpiente
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  • 1

    man spürt die Emotionen in jedem Wort - super Text!

    12.11.2011, 22:39 von Julisonne13
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  • 1

    Für meinen Geschmack hast du da mit der Bildlichkeit ein bisschen fett aufgetragen. Und "L(i)eben am Limit" ist etwas grenzwertig...

    12.11.2011, 20:41 von surumadurum
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    wunderschöner Text, treffend, emotional. Verdeutlicht die Irrationalität des menschlichen Wesens in seiner Liebe. Hat man jemanden, ist einem nicht bewusst, wie stark man ihn braucht, hat man jemanden verloren, wird man sich ebendessen bewusst. 

    12.11.2011, 17:38 von Domsch
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  • 4

    So langsam wird mir klar, warum die NEON auch Praktikantinnen-Bravo genannt wird.

    12.11.2011, 17:13 von rocknruelps
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    krass. wundervoll den punkt des schmerzes getroffen. tut einem gleich mit weh

    11.11.2011, 21:27 von Elbdeern
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