hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 13

All apologies

Vielleicht haben wir uns zu hart gefickt, emotional oder so, irgendwo ist was aufgerissen und die Seele ist ein bisschen ausgelaufen.

Älter geworden sind wir beide, vor allem um die Augen rum. Im Spiegel erkennt man das nicht gleich, haben uns gut gehalten, sagt man ja so, weil einem keine Wahl bleibt. Aber wenn wir Fotos anschauen von früher, sind wir für einen kurzen Moment ruhig, vielleicht weil wir es selbst nicht fassen können, wie man uns die Zeit ansieht. Dann doch, auch wenn wir oft noch zu viel trinken und lang wach bleiben. Nach der Stille, lachen wir laut über unsere Frisuren und wie klein wir damals waren, ohne es zu ahnen. Immerhin kennen wir uns noch, viele andere sind längst zwischen den Jahren verschwunden. Gletscherspalten. Wir reden aber nicht mehr oft die Nächte kurz und klein, so wie früher. Müssen ja früh raus. Been there, done that.

Ich hab dich kennengelernt, da kannten wir uns selbst noch nicht richtig. Ich glaube es war in der fünften Klasse, auf dem Schulhof, an dem Tag, als sie die Klassen zusammengestellt haben. Da kamst du mir entgegen in hellblauen Radlerhosen und hast blöde geguckt und ich habe blöd zurück geguckt, vor allem wegen der Radlerhosen. Du hast dich neben mich gestellt und gefragt: „Und in welche Klasse kommst du?“ Ich wusste es nicht, ich wusste absolut gar nichts, erst recht nicht, wie man auf so etwas gut antwortet, und da hab ich einfach noch mal blöd zurück geguckt. Bist stehen geblieben, neben mir auf der Stufe, fand ich gut. Du bist dann in meine Klasse gekommen, war ja nicht deine Entscheidung, und ich hab dich oft in Mathe angeschaut von hinten, wo ich saß, weil du beim Rechnen immer die Lippen bewegt hast. Es war die Zeit, in der man was man fühlt eben so hinnimmt, als Teil von sich selbst, ganz normal, gar nicht wie etwas, das einem aufgezwungen wird, wie ein schmerzender Arm oder so, der da ist, den man nicht fragt, was er eigentlich will. Was er verdammt noch mal will. Deshalb hab ich nichts gesagt, nicht was ich fühle, nicht was ich mir gewünscht habe. Ich hab mich immer nur auf Mathe gefreut. Und auf Sport, weil du dann die Radlerhosen getragen hast. Nicht mehr und nicht weniger ging, höchstens die vage Vorstellung von etwas, das schön ist.

In der achten Klasse, ich weiß es noch, da hatte ich Flaum über der Lippe und du hast Latzhosen getragen. Stand dir überhaupt nicht, du hast mich immer Butthead genannt, wegen dem Flaum eben, ich hatte keinen Spitznamen für dich, das hätte ich mich nie getraut, wäre auch nur irgendwas Gutes geworden, nichts mit Distanz. Ich mochte dich schon immer anders, als du mich, glaub ich. Es war die Zeit, in der einem was man fühlt plötzlich vorkommt, wie ein dritter Arm ohne Finger. Hängt leblos an der Seite, schlägt gegen die Hüfte, nichts kann man damit anfangen. Ich hab Sachen wegen dir an die Wand geworfen, hab mein Kissen zuhause nass gemacht und kam mir gar nicht lächerlich vor. Normal, dieser Schmerz. Du hattest lange Haare, blonde, ich weiß nicht, ob es wegen Kurt Cobain war, aber die waren strähnig und blondiert. Du hast sie dir immer so aus der Stirn gestrichen, ich wollte dir die auch mal aus der Stirn streichen. Ich hab an dich gedacht, wenn ich abends eingeschlafen bin und wenn ich morgens aufwachte, hatte ich Angst, dass du es merken würdest gleich in der Klasse. Mein Flaum hab ich irgendwann abrasiert, die Latzhosen hast du noch eine Weile getragen. Viel geredet haben wir damals nicht, ich glaube ich hab mir öfter was vorgestellt, als du. Jeder auf seinem Planet, ich im Feuer, du auf der dunklen Seite. Du warst lieber mit den älteren aus der Siedlung unterwegs, die hatten nicht mehr so viel Flaum. Ich saß in meinem Zimmer und hab Lieder gehört, die mich an dich erinnert haben. Tun sie heute noch, ich kann sie sogar noch singen.

Als ich dann Abi gemacht habe, waren wir gleich auf. Du warst nicht mehr in meiner Klasse, aber wir haben uns jede Woche gesehen, manchmal sogar jeden Tag. Ich konnte oft nicht einschlafen wegen dir, alles hat weh getan, aber ich bekam auch immer Nachrichten, wenn du wach lagst. Da ging das los mit den Handys und mit den SMS. Ich konnte dir nie in 160 Zeichen sagen, was ich dir sagen wollte, deshalb musste ich immer alles Taschengeld für die Telefonrechnung ausgeben. Dabei wäre das so einfach gewesen. Deine Antworten, wenn denn eine Antwort kam, waren nicht länger als drei Worte meistens. Aber hey, das war nur fair. Entweder du hast mir das Herz rausgerissen oder ich hab dich sitzen lassen. Unentschieden, es gab immer genug billigen Weißwein, um sich wie Jim Morrison zu fühlen und dich zu vergessen. Riders on a storm of billigem Fusel. Ich bin wegen dir über eine Wiese gerollt, im Regen, show me the way to the next whiskey bar, mit Alkoholvergiftungen, die sich in seltsamen Briefen ergossen, die ich nie abgeschickt habe, und wenn doch, dann kam nie eine Antwort, mit der ich umgehen konnte. Ich hoffe heute noch, dass mich keiner gesehen hat, damals auf der Wiese, ein paar Frösche vielleicht. Kröver Nacktarsch hieß das Zeug, das mir das Hirn weich gemacht hat und das Herz hart. Wenn du Lust hattest, kamst du abends in der WG vorbei. Dann haben wir miteinander geschlafen. Wenn nicht, dann hab ich dir Gedichte geschrieben, die ich dir nie gezeigt habe. In denen hab ich nie mit dir geschlafen, ich wollte immer noch näher an dich ran, als ich konnte mit Körperteilen. Aber du hast mich nur manchmal gelassen, und manchmal hatte ich auch Kopfschmerzen. Damals hab ich dich manchmal nackt gesehen. Du warst so zerbrechlich, dass ich nicht lang hinschauen konnte, aus Angst, du würdest verschwinden. Dabei warst du es, die mich so lange gebrochen hat, bis ich vergessen habe, wer ich gewesen bin.
 

Ich bin dann umgezogen, in andere Städte, erst nach Leipzig, dann nach Berlin. Das war auf jeden Fall eine Flucht, nicht vor dir natürlich, niemals, eher vor der Leere, die sich gelegt hatte über unsere Stadt. Ich wollte Ordnung, eine Schublade, in die alles rein ging. Du bist mitgekommen, etwas später immer, total unauffällig, und du hast geschworen, dass es nicht wegen mir war. Ich hab trotzdem gewusst, dass du gelogen hast und nichts dazu gesagt. Du hast nie reingepasst, nirgends, es war zum Piepen. Ich hab dich manchmal abends eingeladen zu mir in meine kleine Wohnung mit dem Fußboden, an dem du dir immer Schiefer in die Socken eingezogen hast. Du bist oft über Nacht geblieben und ich hab dann gedacht, dass es egal ist, welche Straßen vor dem Haus verlaufen, wenn du nur da bist. Du bist dann bei mir eingezogen, hast gesagt „Wozu soll ich woanders sein, wenn du nicht dort bist.“ Ich hab dir das geglaubt, das war eine gute Zeit, wir haben dann ein Kind bekommen, es ist bis heute das einzige, was gut ist, das wir miteinander gemacht haben, das wird es immer bleiben. Ich bin dann bald wieder ausgezogen, keine Ordnung mehr, nichts war mehr in Ordnung, du bist allein zurück geblieben, wenn ich mich richtig erinnere, hast du gesagt, dass ich gehen soll. Seitdem ist es anders geworden zwischen uns. Vielleicht haben wir uns zu hart gefickt, emotional oder so, irgendwo ist was aufgerissen und die Seele ist ein bisschen ausgelaufen. Vielleicht spinn ich aber auch.

Heute lebst du ganz nah bei mir, ein paar Straßen weiter. Ich sehe dich manchmal auf dem Balkon stehen, du tust so, als ob du deine Blumen gießt, und ich tue so, als ob du mir egal bist. Schön siehst du aus, immer noch, wirst du immer, glaub ich. Ich träume abends im Bett mit offenen Augen hin und wieder, nicht zu oft, aber manchmal eben, dass du mich zu dir hoch holst, du machst mir dann einen Tee heiß und einen Rotwein auf, wir schauen uns an und es ist wie immer, wie früher wollen wir nicht sagen. Aber wenn ich die Augen dann zu mache, sehe ich die Risse, durch die du abgehauen bist. Du Miststück. Manchmal lauf ich an der Grundschule bei mir um die Ecke vorbei, im Sommer spielen die Kinder draußen, wenn einer eine blaue Radlerhose anhat, was zum Glück nicht oft vorkommt, muss ich immer an dich denken. Will ich aber nicht. Und wenn Nirvana irgendwo läuft, what else could i write, i dont have the right, einmal sogar im Supermarkt, dann denk ich auch an dich und dann höre ich den Sender erst mal eine Weile nicht mehr, aber nicht lang. Und wenn du dann auf deinem Balkon stehst und so tust, als wäre ich nicht da, dann nehme ich mir vor, dich nie mehr bei mir schlafen zu lassen. Schaff ich aber nicht, das Bett ist einfach zu groß für eine Decke.

Alt geworden sind wir, keine Ahnung, wie lang wir das noch mitmachen miteinander, vielleicht fallen wir irgendwann einfach auseinander ineinander. Ich hab oft keine Kraft und du treibst dich rum, es ist okay, nicht schön, aber okay. Wir haben uns eingerichtet miteinander ohneeinander. Wir kennen uns jetzt schon so lang, ich kann mich gar nicht mehr an alles erinnern, vielleicht schon, aber ich will nicht. Eine Ewigkeit zwischen uns, die so dünn ist, wie die Wand meiner rechten Herzkammer. Manchmal sitze ich abends hier und denke über dich nach und dann versteh ich gar nichts mehr. Wir müssten uns doch eigentlich nichts mehr vormachen. Uns nichts mehr antun, das alles schwieriger macht. Uns füreinander entscheiden oder eben nicht. Alte Freundin. Altes Miststück. Alte Liebe. Du kannst mich mal. Vielleicht tust du es ja irgendwann auch. Bleiben.   



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8 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Groß.
    Manchmal ist die Liebe so groß, dass sie nicht in ein kleines Leben passt.

    08.09.2015, 15:47 von Vada
    • 1

      vielleicht passt sie auch nie in gar kein leben.

      09.09.2015, 10:14 von hib
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  • 1

    ~"Es war die Zeit, in der man was man fühlt eben so hinnimmt, als Teil von sich selbst, ganz normal, gar nicht wie etwas, das einem aufgezwungen wird, wie ein schmerzender Arm oder so, der da ist, den man nicht fragt, was er eigentlich will. Was er verdammt noch mal will."~

    Interessanter Vergleich :) Ich bin mir gerade nicht richtig sicher ob diese Zeit bei mir wirklich vorbei ist... 

    06.09.2015, 13:34 von grins
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  • 0

    ❤️    

    05.09.2015, 21:04 von absolut.space
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  • 2

    he hib, hug her!

    05.09.2015, 11:56 von ga
    • 0

      ganz gern, geiler ga!

      05.09.2015, 15:27 von hib
    • 0

      do dis ding, digga!

      08.09.2015, 16:29 von ga
    • 0

      let's love like lalalala!

      09.09.2015, 10:15 von hib
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