Garmonbozia 06.05.2011, 20:26 Uhr 4 1

"Ähm, vielleicht passt der Deckel einfach nicht!?" - "Doch, der passt!" ... "Komm schon!" ... "Geh' drauf, du Drecksteil!" - Das Prequel

Zurück in meinem Zimmer fällt mir wieder ein, dass sich seit neuestem zwei Personen lieben und eine davon ich bin.

Nachdem ich meinen Körper geschrubbt und meine Haare zum Quietschen gebracht habe, steige ich aus der Dusche und finde mich in einem Raum voller Dunst und Kondenswasser wieder. Meine Haut ist von der Wassertemperatur so rot wie ein Hummer nach dem Abkochen. Gesund ist das nicht. Ich trockne mich ab und danach die komplette Dusche, damit keine Kalkrückstände entstehen, die einen schlechten Eindruck hinterlassen könnten. Spätestens in einer Stunde wird meine Mutter letzteren Vorgang wiederholen, da sie wohl nicht von der Sorgfalt meiner Arbeit überzeugt ist und die Zwangsneurose mal wieder „Grüß dich!“ sagt. Im Anschluss werfe ich mir ein Handtuch um die Hüften, schlurfe in mein Zimmer zum Kleiderschrank und suche mir ein Outfit aus, das Cordelia heute ein Mal mehr von meiner Attraktivität überzeugen soll. Ich entscheide mich für ein schwarzes Polohemd, Boxershorts und Jeans. Ein legerer Look ist absolut angebracht. Mit dem Hemd sehe ich zwar aus wie ein Jurastudent, aber ich bin schließlich auch ein solcher und es spricht nichts dagegen, wenigstens ein paar Klischees zu erfüllen. Ich will ja nicht die Menschheit von ihren Vorurteilen befreien und sie auf diese Weise in die Orientierungslosigkeit verabschieden.
Sodann ist es an der Zeit, vor dem Badezimmerspiegel meine Frisur zu präparieren. Was morgens bei mir immer eine krankhaft zeitaufwändige Aktion darstellt, geht nach dem Duschen leichter von der Hand, da Haare im halbnassen Zustand eher das machen, was der Behaarte will. Tatsächlich habe ich, für meine Verhältnisse, schnell eine akzeptable Frisur gezaubert und sehe nun aus wie Michael Ballack vor seinem Wechsel zu Kaiserslautern. Ich entferne die beim Stylen entwurzelten Haare aus dem Waschbecken. Entweder habe ich Haarausfall oder einen unterbewussten Hang zur Autoaggression.

Es steht eine Begegnung mit meiner Mutter bevor, da ich nun mein Abendessen in ihrem Revier einnehmen möchte. Nachdem ich auf der Marmortreppe beinahe ausgerutscht wäre und mir auf diese Weise wohl das Genick gebrochen hätte, erreiche ich den Kühlschrank im Erdgeschoß, in dem tote Tiere aufbewahrt werden. Als Bestandteil der göttlichen Schöpfung mag ich Tiere natürlich recht gerne. Nichtsdestotrotz stochere ich gelegentlich mit Birkenstöcken in verwesenden Rehkadavern herum, esse Fleisch in rauen Mengen und gönne dem Tierschutzverein, der sich zuweilen in diversen Bahnhöfen aufhält, keine vier Euro im Monat. Klar finde ich es super, dass behinderte Kinder am Wochenende nun dumme Ziegen streicheln dürfen und Hühner, dank des lobenswerten Einsatzes des Vereins, jetzt einige Quadratzentimeter mehr Platz haben, während sie die Eier aus ihren geschundenen Körpern pressen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich im Monat auf eine Schachtel Zigaretten verzichten will.

Erwartungsgemäß rennt dann irgendwann auch meine Mutter ins Esszimmer, wo ich mich bereits mit frischem Vollkornbrot und Roastbeef breit gemacht habe, und tut kund: „Ich hab auch frisches Vollkornbrot und Roastbeef aus dem Ort mitgebracht. Ach, da bist du ja schon fündig geworden.“
„Sieht so aus“, erwidere ich. Kaum dass ich den ersten Bissen in meinen Mund befördert habe, werde ich auch schon gefragt, ob das Roastbeef zart sei und ob es eine ansprechende Würzung für sich beanspruchen könne. Ich warte einen kurzen Moment, bis meine Geschmacksnerven ihre Arbeit aufgenommen haben, und lobe das Roastbeef in angemessener Weise. Irgendwann ist dieses Thema allerdings tot diskutiert und es folgen einige Schweigeminuten, die mir nichts ausmachen, was Pulp Fiction zufolge der eindeutigste Beweis dafür ist, dass man seinem Gesprächspartner in Wirklichkeit voll liebt. Nachdem ich einige Male seelenruhig in knuspriges Brot beißen durfte, versucht meine Mutter dann aber doch wieder, eine Konversation in Gang zu setzen, in dem sie mich fragt, ob ich heute Abend noch etwas vorhätte. Wir befinden uns mittendrin im täglichen Verhör, dem sich die meisten Söhne und Töchter obligatorisch stellen müssen. Es brodelt in mir und ich suche verzweifelt nach einer Antwort, die die Befragung im Keim ersticken könnte. Ich hasse in meiner Privatsphäre bohrende Interviews.
„Ich gehe noch ins Kino“, sage ich. Etwas Besseres fällt mir nicht ein. Ich hätte gerne die Wahrheit gesagt, aber diese wäre für meine Mutter zu interessant gewesen und hätte mich mit einem neuen, längeren und unangenehmeren Fragenkatalog konfrontiert. Nach der von mir gewählten Antwort fragt sie bloß noch „Wann?“ und „Mit wem?“ und „Welcher Film?“ und ich sage „Um acht!“ und „Mit den üblichen Verdächtigen!“ und „Kennst du nicht!“ und schon ist die Sache genauso gegessen wie mein Abendbrot, so dass es keinen Grund mehr gibt, hier zu bleiben, und ich mich wieder in meinem Zimmer verschanzen kann.

Da ich eben gegessen habe, gehe ich reflexartig auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Mein Nachbar ist weder zu sehen noch zu hören. Der deutsche Wetterdienst hat für morgen Abend eine Unwetterwarnung veröffentlicht. Hoffentlich wird sich die durchaus morsch wirkende Birke in des Nachbars Garten dem morgigen Sturm geschlagen geben und den einen oder anderen Schädel spalten. Ich wohne in einem Neubaugebiet, was für einen Menschen, der sich nach Ruhe sehnt, nicht gut ist. Ständig stampfen putzige Kinder mit ihren kleinen Füßchen auf den Boden, kompensieren ihre Zwergwüchsigkeit durch penetrante Lautstärke, schießen mit einem besorgniserregenden Talent Fußbälle gegen Hauswände und kommentieren ihre eigenen Aktionen am Ball, als wären sie Bastian Schweinsteiger und Marcel Reif in einer Person. Kinder mit Tagträumen würden gerne mit „Schweini“ tauschen. Verständlich. Wenn man gut Fußball zockt, spielt die Physiognomie des Gesichts nur noch eine untergeordnete Rolle, ganz zu schweigen von der Leistungsfähigkeit bestimmter Hirnareale. Die meisten Kinder, die hier ihrem ADS-Syndrom frönen, siezen mich, was ich bizarr finde, aber bei näherer Betrachtung absolut Sinn macht. Die Tochter von Freunden meiner Eltern läuft immer mit dem Kopf gegen die Wand, wenn sie Bock auf Aufmerksamkeit hat. Die Leute sagen: „Unsere Kinder werden immer verrückter im Kopf.“ Ich sage: „Echt?“ Oder: „Wicked.“ Je nach Lust und Laune. Vor zwei Wochen hat ein achtjähriges Mädchen ihrem vierjährigen Bruder einen gehörigen Hieb mit einer Eisenstange verpasst. Hier im Baugebiet. Nicht vor einer Kulisse mit Schauspielern. Ich wurde früher auch ab und zu Opfer des Neids großer Geschwister, aber mein Bruder hatte nur seine Fäuste zur Verfügung. Meine Kippe gesellt sich schließlich zu den anderen im Aschenbecher, welcher alle zwei Tage von meiner Mutter ausgeleert wird. Entweder wird mein Rauchverhalten tatsächlich kontrolliert oder ich habe nur Paranoia.

Zurück in meinem Zimmer fällt mir wieder ein, dass sich seit neuestem zwei Personen lieben und eine davon ich bin. Cordelia hat mir mal gesagt, sie glaube an Engel und ich war froh, dass es nicht der Weihnachtsmann war. Da Engel in der Regel mit weißen Zähnen dargestellt werden, versuche ich nun die Farbe meines Gebisses wenigstens ein bisschen aufzuhellen. Darüber hinaus möchte ich nicht wie ein Aschenbecher aus dem Mund riechen, wenn ich meiner Zukünftigen gegenüber trete, welche im Übrigen keinen Schimmer von meinem Nikotinmissbrauch hat. Man muss ja nicht gleich alle Mängel des Verkaufgegenstandes publik machen. Um bestimmte Dinge zu vertuschen, kann man schon mal die Qual des Zähneputzens über sich ergehen lassen. So viel Zeit nimmt das ja nicht Anspruch. Zwei Minuten, sagt der Zahnarzt mit der Bierfahne, wobei jener nicht weiß, dass ich die Hälfte der Zeit damit beschäftigt bin, mir unnütze Haare aus der Nase zu reißen. Ich schließe den Vorgang ab. Meine Naturzähne sind jetzt beinahe genauso weiß wie das Plastikpräparat, das mich vor einer Entstellung bewahrte, nachdem mir ein Freund im Alkoholrausch eine Breitseite verpasst hatte. Betrunkene Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen neigen verstärkt zu Gewalttaten. Ihre Opfer sind häufig Leute, die aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen andere Leute diffamieren müssen, um sich selbst auf eine höhere Position zu stellen.

Ich bin mir relativ sicher, dass ich heute keinen Geschlechtsverkehr mehr haben werde. Morgen muss ich mich nämlich in aller Herrgottsfrüh so verhalten, als würde ich eine Vorlesung besuchen. Außerdem gehe ich ja offiziell um acht ins Kino, womit eine allzu späte Rückkehr in die Heimat ohnehin schwer zu rechtfertigen wäre. Eine romantische Tatgelegenheit wird sich demnach mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ergeben. Des Weiteren schätze ich den jetzigen Stand der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen Cordelia und mir so ein, dass heute Abend allenfalls ein Kuss drin ist. Sie wirkt auf mich eher wie eine Frau, die Liebschaften behäbig angeht. Da man sich jedoch nie sicher sein kann und ich mit meinen Prognosen hin und wieder auch mal daneben liege, öffne ich meine intime Schublade, die mindestens ein Mal in der Woche von allen Seiten entstaubt wird, hole zwei Kondome hervor und verstaue diese pflichtwidrig in meinem Geldbeutel. Nicht dass ich vor Geschlechtskrankheiten oder Nachwuchs Angst hätte, aber man hat ja auch eine gewisse Verantwortung seiner Partnerin gegenüber, habe ich mal irgendwo aufgeschnappt.
Die restliche Zeit bis zu meiner Abfahrt verbringe ich mit latenter Nervosität vor dem Fernseher. Eine Seifenoper lehrt mich wie die Realität optimalerweise auszusehen hat. Ich sehe lauter hübsche Menschen, die sich gegenseitig ficken, koksen, sich prügeln, auf dem Straßenstrich landen, intrigieren, Babys entführen und Schlaftabletten schlucken. Auf der anderen Seite lehnt das Gros der Darsteller Zigaretten vehement ab, trinkt abends gemütlich eine Cola, verhütet doppelt und dreifach, lernt auf Klausuren und bezahlt artig für das dezente Make-Up. Der Grat zwischen zu stillender Sensationslust und Vorbildfunktion für das pubertäre Publikum ist ein schmaler. Der Saulus der Soap wird nach seiner Läuterung irgendwann zum Paulus oder kommt bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Orientiert sich der Drehbauchautor einer Seifenoper an der Realität oder ist es umgekehrt? Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich billige Kopien von Jeanette Biedermann und Konsorten. Wer war zuerst da, Yvonne Catterfeld oder Janine Huber von nebenan? „Was darf’s denn sein? Ein O-Saft! Mit Strohhalm? Lass mal stecken, Alter! Tu, was du nicht lassen kannst!“

Je später die Stunde, desto unruhiger die Verliebten. Ich halte es für sinnvoll, jetzt in Richtung Seelenverwandtschaft aufzubrechen. Es ist zwar noch reichlich früh, aber wenn ich mich in fremde Gefilde begebe, zeige ich, trotz Wegbeschreibung, in den meisten Fällen einen eher femininen Orientierungssinn, überdies zittere ich am ganzen Körper. Es ist klar, dass ich mich heute von meiner besten Seite zeigen muss - eine schwierige Sache, wenn einem vor lauter Aufregung die Reihenfolge Subjekt-Prädikat-Objekt nicht mehr geläufig ist. Die Floskel „Hauptsache wir lieben uns.“ gibt mir ein wenig Mut - oder auch nicht, so genau weiß ich das nicht. Ich ziehe meine Schuhe an, schnappe mir Mulholland Drive, verstecke die DVD hinterm Rücken und verabschiede mich von meiner Mutter, die sich wundert, warum ihr Sprössling schon um sieben Uhr das Haus verlassen will, doch wenn dieser anmerkt, dass er vor dem Kino mit den üblichen Verdächtigen noch etwas trinken gehe, sind weitere Einwände unangebracht. Nach der obligatorischen Belehrung, man müsse vorsichtig und vor allem nicht alkoholisiert fahren, steige ich ins Auto und statte der örtlichen Tankstelle einen Besuch ab, weil es nichts Gutes zu bedeuten hat, wenn handelsübliche Zeiger im roten Bereich verweilen. Tanken verursacht bei mir stets Magenschmerzen und Schweißausbrüche. Obwohl der Geruch von Benzin meiner Nase gefällt, kann ich es nicht ausstehen, den Treibstoff in mein Auto zu befördern. Das liegt daran, dass ich mich dabei nicht wesentlich intelligenter anstelle als Paris Hilton. Ich habe wahrscheinlich zu wenig Testosteron in mir, um typisch maskuline Handlungen befriedigend auszuführen. Die Geldübergabe bekomme ich hingegen problemlos auf die Reihe, derweil mir der Tankwart ein Small-Talk-Angebot unterbreitet, das ich ablehnen muss. Ich setze meine im Idealfall 30 Kilometer lange Reise fort. Dabei lasse ich mein Autoradio ausgeschaltet, der Konzentration zu Liebe. Bis zu Cordelias Wohnort läuft alles reibungslos, doch dann biege ich irgendwo verkehrt ab. Leider ist rechts immer noch nicht das neue links. Ich fahre ungefähr 20 Minuten orientierungslos durch das Straßenlabyrinth und bin überrascht, als ich dann doch plötzlich Cordelias Elternhaus erreiche. Ein Mensch, der sich für Gartenarbeit erwärmen kann, würde die Anordnung von Bäumen, Blumen und Sträuchern, welche das recht große Haus umranden, „schön“ oder „urig“ nennen. Ich habe allerdings nur Augen für meine Schweißflecken unter den Achseln, aber die kann man ja verdecken, sofern man seine Arme korrekt positioniert.

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4 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wenn man gut Fußball zockt, spielt die Physiognomie des Gesichts nur noch eine untergeordnete Rolle, ganz zu schweigen von der Leistungsfähigkeit bestimmter Hirnareale

    viele gute sätze drin, der obere ist super..das einzige was holpern und stolpern lässt, ist der name cordelia..heißt heute jmd noch so? ich bin froh das ich es nicht tue. dieses »d« bleibt irgendwo zwischeen rachen und epiglottis stecken..

    10.05.2011, 00:57 von Chaosmotte
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      @Chaosmotte Ich kenne jemanden, der kennt jemanden, der so heißt. Und ja, ich geb dir recht, der Name ist blöd.

      10.05.2011, 01:03 von Garmonbozia
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    parkuhr, 50 cent halbe stunde.

    da kann man sich mal in aller breite ausquatschen.

    07.05.2011, 21:27 von Beatnick
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    hahahah, ich hab das gelsen, hihi, rein raus, nix hab ivh mir gemerkt!

    06.05.2011, 20:41 von burning_soul
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