Achtundvierzig Stunden
Worte vom Umzug, vom neuen Job fielen in die kleine Küche. Seine Gedanken, unsortiert wie Postkarten, die sich stapelten auf der Kommode im Flur.
Er sitzt an dem Tisch, seine Hände umklammern die grüne Flasche. Leer, das Bier. Er auch. Seit Stunden sitzt er an diesem Küchentisch. Und sie ihm gegenüber.
Beide haben die Nacht durchgeredet, er mit Bier. Sie trank Wasser nur. Wie immer eigentlich. Fad. Dafür hat sie den klareren Kopf gehabt, von Anfang an. Worte vom Umzug, vom neuen Job fielen in den Raum, in die kleine Küche, auf siffigen Boden, seine Gedanken unsortiert wie die Postkarten von Freunden, die sich stapelten auf der Kommode im Flur.
Unerwartet kommt das, denkt er, so plötzlich. Sie spricht von Veränderung, erklärt sich, setzt ihn nüchtern ins Bild – in ihr Bild, frisch fertiggestellt, ein Bild, in dem er nicht mehr vorkommen wird, ein Foto mit der Digitalkamera gemacht, Momentaufnahme – klick – und fertig.
Sein Speicher ist inzwischen voll. Ihre Worte passen nicht mehr hinein, fallen auf den fleckigen Linoleumboden der Küche, rollen umher zwischen leeren Bier- und Wasserflaschen, prallen am Kühlschrank ab und bleiben schließen in der Flusenecke beim Herd am Boden kleben. Wort um Wort, satzweise kommen neue hinzu und schieben sich übereinander. Fasziniert sah er dem Buchstabenstapel beim Aufbau zu.
Auf das schwarze TRENNUNG hatte sich ein blaues VERNÜNFTIG gesetzt, und nun kullerte ein rotes LIEBE heran. Oh, da! Ein Nachzügler noch in Grün: PLAN. Die Worte schieben sich ineinander und ringen um Platz. Jetzt steht da ‚Triebe’, und „Verrannt“. Und etwas, das wie FIGLLEUNGNÜNPN aussieht. Hm. Es waren wohl doch ein paar Bier zuviel.
Normalerweise wettet er gern. Heute würde er jedoch nicht auf Liebe setzen. Ein ganzer, fettgedruckter Satz kommt dazu, schlängelt sich durch die Bierflaschen und setzt zur Landung in der Worte-Ecke an: „Hörst Du mir zu?“ Er sieht hoch. Sieht in ihr Gesicht, abwesend, registriert ihren intensiven Blick und die leichte Wut, die ihre Unterlippe zum Zittern bringt.
„Ich höre zu. Aber verstehen kann ich Dich nicht.“ Er muss es laut gesagt haben; sie rollt genervt mit den Augen. „Das bringt nichts, Du bist betrunken. Wie so oft. Du hast Dich verändert."
Den Stuhl, sie schiebt ihn zurück, macht Anstalten, aufzustehen. „Ich gehe jetzt.“ Er sieht ihr zu. Sie überlegt, es arbeitet in ihrem Kopf. Ob sie den Satz noch sagt oder ob sie es sein lässt? Kleine Wette; er tippt auf ja.
Sie strafft sich, geht auf ihn zu und küsst ihn auf die Wange.
„Es tut mir leid“.
Gewonnen.




Kommentare
"Die Worte schieben sich ineinander und ringen um Platz. Jetzt steht da ‚Triebe’, und „Verrannt“. Und etwas, das wie FIGLLEUNGNÜNPN aussieht. Hm. Es waren wohl doch ein paar Bier zuviel."
26.06.2008, 00:22 von TschoernGenial. :)
inspiriert vom Kettcar Lied? Wenn ja, großartig. Wenn nein, dann glückwunsch zur unbewussten meisterinnehaften verknüpfung. grandios.
20.05.2008, 12:37 von airygreenmag deine Texte immer, aber das weisst du ja. Schöne Wortspiele und sehr visuelle Beschreibung, ich seh's direkt vor mir...
04.05.2008, 12:56 von CitizenErasedStarker Text. Hölle trifft es wirklich.
02.05.2008, 12:21 von Behemot
02.05.2008, 10:13 von ssanniIn der Tat... das wäre Schmerz in Endlosschleife.
Wo es doch auch ohne diesen Satz schon endgültig genug ist.