ZuckerResa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 64

Abschiedsstuss

Was verabschieden wir, wenn es immer wieder ein Wiedersehen gibt?

Es gibt Orte in dieser Stadt, in meiner Wohnung, die sind immer gleich und bekommen jedes Mal eine neue Bedeutung. Hier liefen wir lang, hier saßen wir und diskutierten, dort trafen wir uns zufällig, da saßen wir und tranken ein kühles Bier auf flaue Herzen. Die Stadt, die Wohnung, mein flaues Herz, sie sind gefüllt mit dir. Wie kann etwas so Kompliziertes, so leicht beginnen und so fest auf die Straße gepflastert sein? Als wir uns das erste Mal begegneten, wolltest du mir nachts einfach einen Abschiedskuss geben – ich wünsche mir heute, wir hätten es dabei belassen. Seit dem machtest du die Regeln, ich befolgte sie. Dies ist falsch, das dürfen wir nicht, dich verwirrt es zu sehr. Du willst jemanden an deiner Seite, einfach so Spaß haben kannst du nicht mehr. Hand auf, Hand zu. Finger hin, Finger weg. Monate ein Trampelpfad und es fühlte sich gut an, weit ab von festen Straßen zu gehen. Wenn man das Gefühl hat, man kann einem Menschen alles sagen, alles anvertrauen, man will in ihn hineinkriechen und es gibt kein Nah genug, kann man ihn dann einfach ziehen lassen?

Ich mache dir die Tür auf, wir sind beide krank, weil wir das Feiern übertrieben haben, du läufst wortlos die Treppe hoch, ziehst dir deine Jogginghose an, legst dich in mein Bett, ich mache Tee und lege mich dazu. Gesprochen haben wir bei unserer ersten Begegnung genug. Ich war die Prinzessin, du der Pokemontrainer. Jetzt bin ich ich und du liegst neben mir. Wir schauen einen Film, liegen eng beieinander. Wir kennen uns so gut wie kein bisschen. Alles was wir uns erzählt haben, schwimmt noch zwischen Fastnacht und dem Tag danach. Aber da liegen wir. Du schläfst die ganze Nacht bei mir. Als du am nächsten Tag gehst, weiß ich nicht mehr was normal ist, weiß nicht wo oben und wo unten, sowas gab’s hier auch noch nie. Zwei Wochen jeden Tag hin- und hergeschreibe.

Ich laufe auf die Tanzfläche, ich kann dich sehen und du kommst zu mir. Wir umarmen uns, sind uns irgendwie vertraut und wissen nichts und scheinbar viel. Wir tanzen, küssen uns, es fühlt sich ziemlich gut an, jetzt weiß ich, wieso es nicht bei dem Abschiedskuss geblieben ist. Da gibt es noch nichts zu verabschieden.

Ich komme auf Pizza und einen Actionfilm vorbei. Es ist, als hätten wir noch nie was anderes gemacht. Dass du mir Socken, einen Pulli oder eine Jogginghose gibst, mir eine Decke hinlegst und wir nebeneinander auf dem Sofa liegen ist ein Gefühl von Daheimsein.

Du kommst nachts um 4 zu mir gefahren, ich kann nicht einschlafen, du kommst, ziehst deine Jacke und deine Hose aus, legst dich neben mich und nimmst mich in den Arm. Wir schlafen ein, wachen auf und es gibt immer noch keinen Abschiedskuss.

Wir stehen mitten auf der Tanzfläche. Völlig ineinander versunken, wir fahren zusammen zu dir, heute ist mal regelfrei und das spielt mir gut in die Karten, denn ich merke, dass ich dir nicht nah genug sein kann. Am nächsten Tag, sagst du, es war ein Fehler, gut, aber ein Fehler. Ich sehe das ganz anders, aber mir wird schon noch bewusst, dass es einer war. Später.

Ich kann nicht anders, als dir nachts und viel zu betrunken zu sagen, dass ich nicht glaube, dass da gar nichts zwischen uns ist. Ich glaube es dir nicht, weil kein Mann sich mir jemals schon so seltsam gegenüber verhalten hat. Das hier ist keine Freundschaft Plus, keine Freundschaft ohne und kein Anfang einer Beziehung. Das hier ist irgendwie alles auf einmal.

Ich mache die Tür zu. Es ist ein Tag der sich dreht, einer der sich gewaschen hat. Das ganze Haus und jeder Ort ist zu klein für mich und meine Gedanken.

Es ist Freitagnacht, wir begegnen uns, telefonieren bis wir uns irgendwo auf den Straßen treffen. Gute Laune herrscht bei uns. Dann bist du einfach weg. Du rufst an, ich soll vorbeikommen. Klassischer Fall von „ich weiß, ich sollte nicht, aber ich kann nicht anders“. Also fahre ich zu dir. Du berührst mich, ich weiß nicht ob ich dich oder mich dafür hassen soll, dass ich nicht nein sagen kann. Es gibt keinen Abschiedskuss.

Den gab es nie. Vielleicht gibt es ihn noch. Aber was verabschieden wir dann? 

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48 Antworten

Kommentare

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  • 0

    damn! I feel you my dear.. I really do. 

    super schön! danke dafür. 

    21.12.2015, 19:52 von pelinita
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    <3 <3

    24.06.2015, 22:26 von kuku
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    • 0

      Ja, das glaube ich langsam auch. 

      04.06.2015, 18:30 von ZuckerResa
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    • 0

      Haken dran?

      10.06.2015, 17:08 von ZuckerResa
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  • 1

    Dat, wat Sailor sacht.

    03.06.2015, 20:47 von MaasJan
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  • 4

    Zauberschön.
    Ich werd für dich barfuß im Regen tanzen...

    03.06.2015, 09:52 von sailor
    • 2

      und ich spiel die musik für dich :)

      03.06.2015, 10:42 von Freyr
    • 0

      O Gott...
      =8D

      Mir ist irgendwie komisch jetzt...

      03.06.2015, 10:53 von sailor
    • 0

      haha, ist auch schwer verdaulich :)

      03.06.2015, 11:23 von Freyr
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    • 1

      So I broke into the Palace

      With a sponge and a rusty spanner

      She said: "Eh, I know you, and you cannot sing"

      I said: "that's nothing - you should hear me play piano"

      Morrissey - The queen is dead

      03.06.2015, 21:02 von sailor
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    • 1

      Kennen wir uns...?

      03.06.2015, 21:13 von sailor
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    • 0

      Ich auch nicht...

      04.06.2015, 08:05 von sailor
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    • 0

      In der Tat...

      04.06.2015, 10:50 von sailor
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    • 1

      Genau...

      04.06.2015, 15:14 von sailor
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  • 0

    Wieso liest man unter diesen Texten immer so viele "Mir geht's genauso"s? Trotzdem: Mir geht's genauso. Und du hast es schön aufgeschrieben.

    02.06.2015, 23:55 von Zerdenkerin
    • 0

      Vermutlich, weil ihr gleichermaßen langweilig seid.

      03.06.2015, 11:36 von MaasJan
    • 0

      Scharfsinnige Analyse, ich geh jetzt in mein Bier weinen...

      03.06.2015, 17:50 von Zerdenkerin
    • 1

      Bestechend, yip. Wie verwässertes Bier liest sich der Text dann auch..

      03.06.2015, 20:45 von MaasJan
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  • 1

    Die Klagen schlecht erzogener Menschen nerven.

    02.06.2015, 15:04 von Boahmaschine
    • 6

      Deren Kommentare auch.

      02.06.2015, 23:46 von ZuckerResa
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  • 0

    Ich glaube es wäre hilfreich, sich erstmal über seine eigenen Gefühle gedanken zu machen.

    02.06.2015, 14:56 von -Maybellene-
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  • 0

    Noch besser hättest du es nicht treffen können :(

    02.06.2015, 14:21 von ConnyCatFox
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