ElvaPiken 24.11.2012, 20:00 Uhr 2 8

Abschiedsbrief an die Verliebtheit

Verknalltsein kann echt nerven. Man macht sich jeden Tag aufs Neue zum Obst, verliert sich selbst und irgendwann auch jeglichen Stolz. Nein, danke.

Liebe Verliebtheit,

oder bist du doch eher nur ein Verknalltsein? Egal. Ich will, dass du weggehst. Du raubst mir nämlich ziemlich viel Energie.
Am Anfang war es schön. Ich fühlte mich durch dich beflügelt - alles erschien so leicht und beschwingt. Plötzlich hatte alles einen Sinn. Ich stand morgens auf, um IHN zu sehen. Ich überlegte, was ich anziehe, das IHM gefallen könnte. Beim Frühstück stellte ich mir vor, ER wäre dabei. Würde über meine Witze lachen, mir ein Kompliment machen, mir Kaffee nachschenken. Ich ging aus dem Haus und wählte Wege, auf denen ich IHM mit höherer Wahrscheinlichkeit begegnen würde. Vielleicht wenn ich an SEINEM Haus vorbeigehe? Dann ist der Weg zwar doppelt so lang, aber das macht ja nichts. Ich suche Orte auf, an denen ER auch sein könnte. Platziere mich so, dass ER mich sehen könnte. Alles macht Spaß. Alles hat einen Zweck. Und wenn ER dann wirklich zufällig vorbeiläuft, dann steht für einen kurzen Moment die Welt still. Dann winke ich kurz oder ich nicke einfach nur kurz oder sage kurz: "Hi". Und ER winkt auch oder nickt oder sagt "Hi". Aber hat er dabei gelächelt? Oder gezwinkert? Bestimmt hat er gelächelt, weil er sich so gefreut hat, mich zu sehen. Bestimmt hat er sich auch schon heut morgen überlegt, was er anziehen soll. Bestimmt hat er seinen Weg auch so gewählt, damit er mir hier an dieser Stelle über den Weg laufen kann. Toll! Ich wusste doch, dass er auch in mich verliebt ist.
Und dann hat dieser kurze Moment meinen ganzen Tag gerettet. Jetzt bin ich mir ja sicher, dass er genauso fühlt und das gemeinsame Frühstück ist gar nicht mehr so weit weg.

Aber dann merkte ich, dass er mich nicht immer bemerkte. Seine ganze Aufmerksamkeit lag nicht 24/7 bei mir. Er läuft auch keine extra Wege, um mich sehen. Er läuft einfach den praktischsten Weg. Er sagt einfach "Hi!", weil man das eben so macht, wenn man zufällig jemanden trifft, den man kennt. Er kann ja nicht wissen, dass ich mich da strategisch drapiert habe. Und noch schlimmer: Er scheint andere sogar interessanter zu finden, als mich. Was ist da los? Wie ist das möglich? Er hat doch gerade noch gelächelt.
Dann muss ich eben auffälliger sein. Ich lache einfach ganz laut, wenn er in der Nähe ist. Dabei werfe ich vielleicht noch die Haare nach hinten. Erzähle ganz aufgeregt eine total spannende Geschichte. So, dass jeder sie mitbekommt. Auch er. Es bekommt auch jeder mit. Manche finden es lustig, andere nur peinlich. Und er? Hat es gar nicht bemerkt, oder es hat ihn nicht interessiert.

Und anstatt zu merken, dass alles nur Illusion war und ich mir einfach keine Hoffnung machen zu brauche, mache ich genauso weiter wie zuvor. Nur, dass ich noch weitere Wege gehe, noch lauter lache, noch mehr mit den Haaren spiele. Solange, bis ich mich selbst nicht mehr wiedererkenne. Solange, bis ich mich selbst peinlich finde und mich vor mir selbst schäme. Aber ich kann auch nicht anders.
Und dann stelle ich auch noch fest, dass wir eigentlich keine Gemeinsamkeiten haben. Das er mir gar nicht gut tun würde. Dass wir völlig verschiedene Auffassungen und Angewohnheiten haben. Eigentlich hat er ziemlich viele Eigenschaften, die so gar nicht mit mir vereinbar sind. Danke, liebe Vernunft, für diese Erkenntnis.
Aber was ändert das? Nichts. Ich gehe immernoch genauso lange Wege. Das ist ganzschön anstrengend. Jeder Tag, an dem er mir nicht die gewünschte Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist ein verlorener Tag. Es ist egal, wieviele meiner Freunde über meine Witze lachen oder wie viel Aufmerksamkeit sie mir schenken. Ich habe gar keinen Blick dafür.
Ich gehe zu einer Party, auf der er auch ist und habe keinen Spaß. Weil er mich nicht beachtet. Ich weiß nicht, mit wem ich sonst geredet habe, was für Musik lief oder wie die Stimmung war. Ich weiß nur, dass er mich nicht beachtet hat.

Das ist ganzschön anstrengend. Und reine Energieverschwendung. Pures Kamikaze. Nein, danke. Das möchte ich nicht.
Deswegen sage ich dir, liebe Verliebtheit bzw. liebes Verknalltsein, bitte geht weg, ich habe keine Lust auf dich. Du machst mir mein Leben anstrengender. Du machst, dass ich mich selbst nicht mehr wiedererkenne. Und du führst vor allem zu keinem Ziel. Du machst alles nur immer schlimmer. Lass mich bitte in Ruhe und komme erst wieder, wenn du mir jemanden mitgebracht hast, dem es genauso geht.

Tschüß.

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2 Antworten

Kommentare

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    Herrlich. Und ich hab bei mehr als einer Situation geschmunzelt .. kommt mir bekannt vor :)

    27.11.2012, 20:19 von Katze.Punkt
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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