FinsterLicht 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 44

Abschied

Die Luft ist schwül und drückend heiß, als ich auf meinen Wecker schaue. 5:13 Uhr.

Vor einer dreiviertel Stunde bist du wortlos zur Arbeit gegangen.
Ich tat so, als würde ich schlafen.
Um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen.
Dabei habe ich heute Nacht nicht eine Minute meine Augen zugemacht.
Diese ekelhafte Hitze.
Um mich herum und in mir.
Diese stillen Schreie der zwei Menschen in diesem Bett.
Als wäre ein dritter im Raum, der uns geknebelt und gefoltert hätte.
Aber gefoltert haben wir uns selbst.

Noch drei Stunden, bis ich unsere Kleine in den Kindergarten bringen werde.
Beim Gedanken an ihr Lächeln, beim aufstehen, wenn sie gekrault wird, kommen mir Tränen.
Ich drücke das Kopfkissen auf meinen Kopf und schreie hinein, während ich mir wünsche, dass jemand anderes dieses Kopfkissen auch dann noch auf mein Gesicht drückt, wenn ich es nicht mehr tue.
Das durch die Rolladen fallende Licht beleuchtet die Szenerie, mit dem typischen kalten, unschuldigen Licht, was immer um diese Uhrzeit da ist.

Ich bleibe noch ein bisschen liegen, bis mein Handy vibriert.
WhatsApp.
"Ich wusste, dass du wach warst. Ich weiß, dass du nicht geschlafen hast. Ich habe auch nicht geschlafen. Sei nach der Arbeit nicht zu Hause."
Ich lege das Handy weg und stehe auf.
Schlurfen.
Es fühlt sich an, als würde ich durch ein Moor gehen und mit jeden Schritt weiter einsacken.
Im Bad stütze ich mich auf das Waschbecken.
Im Spiegel sehe ich eine blasse, ausgemergelte Person, mit dicken Tränensäcken und tiefen Augenringen.
Ich zweifle daran, dass die Creme in der Lage ist, das auszubessern.

Anschließend gehe ins Zimmer der Kurzen.
Ich versuche, mich zusammenzureißen.
"Hey du, aufstehen!"
Sie dreht sich theatralisch, wie jeden Morgen und nimmt mich in den Arm.
"Aber nur, wenn du mich kraulst, Papa." flüsterst du.
Sie nennt mich nur ganz selten Papa.
Aber öfter, als ihren Erzeuger.
Eigentlich ist das der Zeitpunkt, an dem ich mich freue und grinse.
Heute weine ich.
"Okay."
Sie dreht sich um und ich kraule sie.
"Weiter da oben!"
"Okay, aber gleich stehst du auf, ja?"
"Jaaaaaa"

Sie sieht meine Tränen nicht.
Und ich beginne, zurückzudenken.
An das erste Treffen.
Wir drei haben uns vor einem Starbucks getroffen, damals warst du noch drei Jahre alt.
Ich bin auf die Knie gegangen und habe mich dir vorgestellt, während du dich hinter den Beinen deiner Mama versteckt hast.
Aber du hast gegrinst.
Ich auch.

Danach haben wir Kuchen gegessen.
Ich hatte eine Schokotorte und einen großen Cappuchino.
Deine Mama hatte einen komisch-aussehenden Möhrenkuchen und einen mittleren Karamell-Macchiato.
Du hattest einen Kinder-Kaffee mit Sahne und warst gerade in den Kindergarten gekommen.
Die ganze Zeit hast du erzählt, wie toll es da ist, was du gespielt hast und das du nicht in die Kuschelecke durftest, weil du deine Milch beim Frühstück umgeworfen hast.

Plötzlich drehst du dich um und siehst, dass ich weine.
Du nimmst mein Gesicht in deine kleinen Hände und schaust mich mit deinen großen Augen an.
"Wenn einem das Herzchen wehtut, dann muss man mit jemandem darüber reden. Mit einem Großen, der dir dann hilft." sagst du in deinem Oberlehrerton, aber dein Gesicht sagt mir, dass du mitfühlst.
Ich lächle dich an und beteuere, dass ich nicht weine, sondern schwitze, weil es so unglaublich warm ist.
"Lügner!" stellt du fest. Dann hüpfst du grinsend aus deinem Bett.

Ein paar Minuten später bist du fertig und kommst in die Küche.
Marmladentoast und Kakao, wie jeden Morgen.
Und nach dem Fühstück siehst du schon wieder aus, wie Emely Erdbeer.
Und als du lachend ankommst und versuchst, mir mit deinem Erdbeerschnütchen einen Knutscher aufzudrücken, schicke ich dich lachend ins Badezimmer.

Dann gehen wir zum Kindergarten.
Ich hasse das.
Die ganzen übermotivierten Eltern, die nur noch ihre Kinder zum Thema haben und was sie nicht schon alles können.
Zum Kotzen.
Ich hab dort noch nie mit einem Menschen geredet, irgendwie fühle ich mich hier, wie in einer anderen, falschen Welt.
Du ziehst dir deine Schuhe aus, gibst mir einen Kuss auf die Wange, läufst los in euren Raum und rufst mir noch ein fröhliches "Bis später!" zu.
Ich winke dir zu und gehe schnellen Schrittes auf die Strasse.

Die erste Zigarette des Tages.
Süßer Zug am Lolly des Todes.
Er begleitet mich auf dem Weg zu deiner Wohnung.
Den Schlüssel zu ihr halte ich, in meiner Hosentasche, fest umschlossen, als wäre es der Heilige Gral.

Langsam schließe ich die Tür auf.
In dem Schrank im Schlafzimmer steht noch meine große Reisetasche, die ich mal mitgebracht hatte, als wir in den Urlaub fliegen wollten.
Jetzt packe ich meine Sachen und gehe in den Urlaub, alleine.
Ich komme nicht mehr zurück. 

Ich nehme die Sim-Karte aus meinem Handy und lege es auf deinen Schreibtisch, neben einem kurzen Brief. Dem letzten, der an dich geht.

"Alle Chats, die ich geführt habe und alle Fotos, die ich gemacht habe, sind noch im Speicher. Nichts ist gelöscht.
Du liegst falsch. 
Aber es ist besser, wenn ich trotzdem gehe.
Was auch immer du tust, tu es, um deiner Tochter willen."

Dann schließe ich die Tür und fahre ins Nirgendwo.
Meine Gedanken sind bei deiner Tochter.
Nicht bei dir.
Und bei keiner anderen.
Hoffentlich wirst du es schaffen, ihr das Leben zu bereiten, dass sie verdient.

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37 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ein emotionaler Ausflug in die Traurigkeit. Danke.

    22.01.2015, 12:21 von belowZero
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  • 0

    Titel geklaut, sowas gemeines!

    20.10.2014, 14:36 von -Maybellene-
    • 1

      Es gibt auch sicher gaaaanz wenige Texte hier mit diesem Titel :)

      20.10.2014, 14:51 von Agmokti
    • 0

      Jaaaa, zudem ist mir gerade aufgefallen das er den Text früher reingestellt hat, als ich meinen.
      Dachte der wäre neu, oh man :D :D

      20.10.2014, 16:13 von -Maybellene-
    • 1

      ahaha, supa.

      Kann ja mal passieren.

      20.10.2014, 16:16 von Agmokti
    • 0

      Hm dann hast du wohl geklaut xD

      20.10.2014, 18:16 von FinsterLicht
    • 0

      Ich hoffe du nimmst es mir nicht übel :(
      .. aber du bist immer so erfolgreich mit deinen Texten, da dachte ich.. vllt. hilft das.
      ;D

      21.10.2014, 06:58 von -Maybellene-
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  • 1

    Oh Gott, ich habe ehrlich Gänsehaut.

    20.10.2014, 13:40 von never_not_ever
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  • 1

    sehr berührend

    28.09.2014, 14:19 von Emma_Minze
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  • 2

    Schon das kurze Intro hat mich in den Bann gezogen und ich hab mich jetzt extra angemeldet, um die Geschichte lesen zu können.



    Sie hat auch mich berührt und gerade deshalb ärgert mich das Durcheinandergemenge von "Du und sie" für Freundin und Tochter. Bring das mal auf die Reihe - das hat der Text verdient!

    20.09.2014, 19:44 von MieseKatse
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  • 1

    War das das Ende? Also wirklich das Ende?
    Ich hoffe nicht...

    19.09.2014, 16:34 von Tayrina
    • 0

      Zumindest endet hier die Geschichte ;)

      19.09.2014, 16:37 von FinsterLicht
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  • 1

    Sehr emotional, einfach gut!

    18.09.2014, 16:28 von ferdikrams
    • 0

      Dankeschön =)

      18.09.2014, 16:40 von FinsterLicht
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  • 2

    Schreiberisch sind da einige Ecken und Kanten, aber die Stimmung kommt gut rüber. Das fand ich gut.

    05.09.2014, 12:45 von nyx_nyx
    • 0

      Du erinnerst mich daran, dass ich diese noch schleifen wollte...


      Aber danke =)

      05.09.2014, 12:58 von FinsterLicht
    • 1

      Allzuglatt is auch nicht gut, aber man darf ruhig sehen, dass da Liebe im Handwerk steckt ;)

      05.09.2014, 13:11 von nyx_nyx
    • 0

      ^^ Hm, wenn ich die da nicht drin gefunden hätte, würde dieser Text hier nicht online sein =)

      05.09.2014, 13:33 von FinsterLicht
    • 0

      Gut, hab mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Wie dem auch sei. Deine Ideen mag ich, wie du dir die Projektionsfläche gestaltest auch.

      05.09.2014, 13:37 von nyx_nyx
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  • 1

    Es tat so weh das zu lesen.
    Du hast das so klasse geschrieben...
    Mir kamen sogar die Tränen..

    Toller Text!

    05.09.2014, 00:53 von fabian.eck
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  • 2

    Die Story nimmt einen richtig mit. Ist auf jeden Fall sehr mitreißend und doch klasse für ein ernstes Thema. 

    03.09.2014, 03:13 von 5tripes
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