Avienne 14.01.2013, 18:27 Uhr 34 119

Abschied ist ein bisschen wie Sterben.

Nur, dass man dabei ist, wenn es passiert.

Wie lange hatte ich darauf jetzt warten müssen? 4 Jahre? 5 Jahre? Und jetzt steht er auf einmal hier vor der Haustür, als wäre er der Postbote und es wäre völlig normal. Ist es nicht. So lange habe ich darauf gewartet, dass er das tut. Er hatte eine Ehe in der Zwischenzeit, ich einen Studienabschluss und ein neues Leben. Schon lange hatte ich mich damit abgefunden. Dachte ich. Denn jetzt, wo er da stand, wollte ich nichts lieber, als ihn an seiner vom Regen triefenden Jacke ins Haus zerren, ihn von innen gegen die Haustür drücken und ihn küssen. So wie ich ihn damals geküsst hätte, wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal gewesen war.

Tue ich aber nicht. Stattdessen starre ich ihn an, zu lange, während ich versuche ein Szenario zu finden, das in dieser Situation angebrachter erscheint. Ihn anbrüllen? Ihn höflich hineinbitten? Er sieht verwirrt aus. Ich starre weiter. Regen, der vom Wind ins Haus geweht wird, weckt mich.

„Komm rein.“, sage ich in einem Ton, der eigentlich suggerierte, dass ich will, dass er wieder geht. Regentropfen rinnen seine Schläfen hinab, tropfen in sein Gesicht von seinen strubbeligen braunen Haaren herunter. Der Mann ist ein wandelndes Klischee. Er sieht auf seine Schuhe, steht im Hausflur, blickt auf wie ein Welpe, der in eben diesen gerade gepinkelt hat. Es ist eiskalt im Flur, ich kann die Uhr in der Küche ticken hören. Unsere Blicke treffen sich. Als würde er direkt durch mich hindurchblicken und alles sehen, was ich verberge. Nichts hat sich geändert. Nichts. Außer das Alter auf unseren Personalausweisen. Ich muss etwas sagen, die Situation wird immer bizarrer. „Zieh deine Jacke aus, ich hol’ dir ein Handtuch.“, wird es schließlich, weniger schroff als zuvor. Er macht wie befohlen.

„Mir ist nicht kalt.“, beklagt er sich im vorwurfsvollen Ton, als ich ihm im Wohnzimmer den Sessel direkt neben der Heizung zuweise.

„Ich weiß.“, entgegne ich und ernte dafür ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel.

„Willst du rauchen?“, frage ich.

„Aufgehört“, antwortet er. „Wie geht’s dir?“

„Gut.“, sage ich, mechanisch. „Dir?“

„Gut.“, sagt auch er.

Schweigen. Eine Stille, die so laut ist, dass einem fast das Herz platzt von all den ungesagten Dingen.

Reden hatten wir nie nötig.

„Tee?“, frage ich und stehe auf ohne eine Antwort abzuwarten. Er folgt mir leise in die Küche. Das Teewasser kocht. Meine Hand zittert, als ich nach dem Wasserkocher greife. Auf einmal steht er hinter mir, nimmt mir den Wasserkocher ab. Seine plötzliche Nähe treibt mir die Tränen in die Augen. Er dreht mich zu sich um. Dunkelgrüne Augen schauen mich besorgt aus der Nähe an. Viel zu nah. Diese Sorgenfalte.

„Ich wollte dir nicht wehtun. Nie.“

„Ich weiß.“

Meine Stimme zittert, ich zittere. Ich bin verloren. Nichts hat sich geändert.

Mit den Fingerspitzen wischt er mir eine Träne von der Wange.

„Sag mir, dass ich gehen soll und ich gehe.“, flüstert er, während er mir eine Haarsträhne hinter mein Ohr streicht. Ich schaue auf, sehe tränenverschleiert in seine Augen. Fünf Jahre habe ich gebraucht, um in mein Leben zurückzufinden. Aber alles erscheint so trivial, wenn er da ist. Als wären wir wieder sieben Jahre alt - und wie lange man zum Spielen draußen bleiben darf, ist alles was zählt. Er war mein bester Freund so lange ich denken kann. Er kam mit mir zum Reiten, ich feuerte ihn beim Fußball an. Als sich seine Eltern trennten, saßen wir stundenlang in seinem alten VW auf dem Parkplatz und hörten Lose Yourself in der Dauerschleife. Nach dem Abi machten wir Urlaub zu zweit anstatt Rudelsaufen in Calella. Den Studienplatz machten wir voneinander abhängig. Den Ring für seine Verlobung suchte ich mit ihm aus. Einen Tag später landeten wir im Bett. Ich gestand, dass er mehr für mich war, als nur mein bester Freund. Er heiratete sie trotzdem.

„Geh.“, sage ich.

Denn nichts wird sich ändern. Nichts.

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34 Antworten

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    Dein Text geht direkt ins Herz. Gänsehaut & Glasaugen. Wunderschön geschrieben! 

    16.05.2013, 09:55 von luanakoala
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    Ich habe keine Ahnung wie oft ich diesen Text gelesen habe... und immer wieder bleibe ich an dieser einen Stelle hängen..."Unsere Blicke treffen sich. Als würde er direkt durch mich hindurchblicken und alles sehen, was ich verberge." Grandios!

    06.04.2013, 18:15 von HeavenCanWait
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    Ouh! Ganz wunderbar geschrieben, lebensnah, echt, geht unter die Haut!

    16.03.2013, 19:17 von AausL
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    schöner artikel, nur der Ttel passt nicht ganz. Kann man beim sterben nicht dabei sein, wenn es passiert? tod ist auch abschied

    17.02.2013, 09:05 von mmesasha
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    Aber wirst du dich nicht fragen: Was wäre passiert, wenn ich ihn nicht weggeschickt hätte?" Hättet ihr dann eine Chance als Paar gehabt?


     

    29.01.2013, 13:31 von AngieS
    • 0

      Nicht jeder Autor, der als Ich-Erzähler schreibt, erzählt aus seinem eigenen Leben. Da muss ich dich enttäuschen.


      Das Leben ist keine romantische Komödie. Deswegen haben die beiden kein Happy End bekommen.
      Dass sich einige Wege immer und immer wieder kreuzen und es dafür Gründe gibt, die wir nicht verstehen - daran glaube ich hingegen. Vielleicht ist ihre Zeit noch nicht gekommen, vielleicht wird sie das nie. 
      Nur ändern wird sich nichts.

      30.01.2013, 18:15 von Avienne
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    Ich habe Tränen in den Augen. Traurigschöner Text und ein "Geh" ist in diesem Fall wohl die beste Entscheidung.

    27.01.2013, 11:48 von KeksFreundin
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    gänsehaut.

    25.01.2013, 17:57 von Luisa-So
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    großes kompliment

    25.01.2013, 15:04 von vilsi
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    Wunderschön! 

    Wir investieren so viel Zeit in verschenkte Momente. Sie geben einem das Gefühl, das wichtigste im Leben zu sein und dann? Dann bestürzt sie die Angst der Veränderungen und das Risiko können Sie nicht eingehen sich von den Gewohnheiten zu trennen.
    Na dann eben nicht! - Aber Sie kommen früher oder später immer wieder zurück, weil sie nicht das gefunden haben was sie an dir hatten! 

    25.01.2013, 00:30 von vonmiraus
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    Wunderschön geschrieben, auf eine traurige Weise.

    24.01.2013, 19:44 von JennyInWonderland
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