povisorisch 26.03.2018, 14:47 Uhr 0 0

Abschied in den Sommer

und vielleicht bis in ein anderes Jahr.

Unser Haus ist zerbombt, liegt in Trümmern. Und doch liegt meine Hand am Knauf der Eingangstür, die lose in den Angeln hängt - in den hängenden Wänden von eben. Mein Atem ist ein Seufzen, die Erkenntnis schwebt über mir, weht wie eine Fahne über die eroberte Ruine: Ich kann nicht mehr darin leben. Die Fenster sind zersplittert, die Bomben haben Löcher in die Wände gestanzt. Ich könnte dort nicht einmal mehr duschen. Herrgott, nicht mal das scheiß Licht könnte ich mehr anschalten. Und doch ist da ein Funken; der mich ab und zu zurückwandern lässt, die Hand zum Knauf der Einganstür wandern lässt. 

Und dann blicke ich zu dir, sehe dich an, du blickst in die Zukunft; in eine andere in Richtung. Ich bin vor dir eine Hülle, die ich nicht füllen kann. Die Lichter, die du in mir angezündet hast, haben sich zu einem Lauffeuer ausgebreitet; haben die Landschaften, die in mir waren ausgebrannt. Vereinzelt steht noch das Skelett eines Busches, ein karger Baum, die verkohlte Ahnung eines Waldes. Äste knacken, fallen dumpf auf den Boden. Ich sehe mich um und die Weite macht mir Angst.
 
Du warst da und hast mich durch den Wald geführt, die Orte in mir gezeigt, die ich nicht entdeckt habe, an die ich mich nicht getraut habe.

Doch unsere Versprechen von gestern, sie waren doch nur die bunten Girlanden im Garten unseres Festes. Luftballone ohne Schnur, an denen wir sie festhalten könnten. Sie schwirren ohne Gewicht, haben keinen Weg und kein Ziel. Und doch sind diese kleinen Worte, die beiläufigen Gesten, die kurzen Blicke, das Wenige, das nicht leugbar scheint, ein Gewicht zu haben scheint, dass sich irgendwo niederschlagen muss. Wir glauben so verzweifelt daran, suchen nach den Spuren im Treibsand. Aber unsere sorgfältig ausgewählten Worte verwehen, die Worte, die wir aus Liebe gewählt haben, die Worte, die wir kaum über die Lippen bekommen haben. Und nun sind sie gesagt, streifen uns doch nur ganz sacht, haben keinen Halt in der Welt, verwehen, waren nie da. 

Wir sind nur die Kinder unserer Zeit, die Marionetten aus dem Weltkontext. Wir füllen die Hüllen der Protagonisten, spielen die Rollen, die uns auf den Leib geschrieben worden sind. Wir machen die Fehler, die schon lange vor uns kalkuliert worden sind, spielen das Drehbuch nach, du bist eine Marionette, so wie ich eine bin und die Fäden nicht abschneiden kann. So wie ich nicht entscheiden kann, wie ich dieses Stück zu Ende spielen soll. Das Ende ist schon von Anfang an festgelegt.

Ich bin für dich ein Nichts, ein Spiel, vielleicht sind wir füreinander alle ein Nichts, können für niemanden etwas sein, weil wir keinen Bestand haben, weil unsere Worte leer sind und weil sie sich nirgendwo niederschlagen. Das ist was Milan Kundera die unerträgliche Leichtigkeit des Seins genannt hat. Du bist für mich unerträglich leicht. Du bist Schnee, der nicht liegen bleibt, mir nur einen Morgenfrost lang, Gänsehaut in den Nacken weht. 

Wir geben Versprechen, nur um der Illusion willen, wir hätten damit ein Gewicht in die Welt gesetzt, hätten etwas auf das wir uns verlassen können. Aber sie verschwinden, sie sind ein Nichts. In meinem kleinen Leben bist du für mich vielleicht ein Nichts, weil ich vergessen und verdrängen werde, weil wir vergangen sind und weil nichts bleiben wird. Aber ich sehe immer noch mit warmen Blick auf dich. Ich liebe die Menschen, die wir mal füreinander waren. Ich kenne dich heute nicht mehr, und darum liebe ich dich vielleicht auch nicht mehr, aber meine Erinnerung bleibt warm. Sie wird nicht bleiben können, damit sie einer bunten Gegenwart Platz machen kann, aber meine Erinnerungen an dich, sie bleiben meine kleinen Schätze. Und ich verstecke sie gut. Vor allem vor dir. Der einzige Mensch, der mir sie stehlen könnte, bist du, weil du weißt, wo sie liegen und weil du sie einfach verschwinden lassen könntest, wenn du ihre Existenz leugnest. 


Die Leute reden von Liebe, als wäre sie frisch gebackenes Brot. Als würde ihr Duft durch die Straße ziehen, als wäre sie etwas Unleugbares. Sie zeigen auf die Liebe, wie sie auf einen Baum zeigen und sagen: Sieh wie schön die Blüten im Frühling blühen. 
Ich frage mich, was davon ist echt und was ist nur der Wunsch nach Realität, nach Echtheit?

Ich verabschiede mich von dir, trage meine Schätze, verstecke sie vor dir, verstaue sie, aber ich verspreche ihnen ein Besuch. 
Nur vielleicht in einem anderem Jahr.

 


Tags: Abschied, Trennung, Trauer
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