Abrechnung
„Schade, dass du nicht gestorben bist!“
Meine erste Erinnerung an dich: Wir stehen in der Küche. Du streitest schon wieder mit Mama. Sie macht dich so zornig, dass du in Rage gerätst, mich packst und mir in den Po beißt. So fest, dass ich anschließend beim Kinderarzt sogar ein zweites Mal in die Gummibärchendose greifen darf.
Die zweite Erinnerung ist nicht viel besser: Ihr streitet wieder. Mama steht am Treppenabsatz, macht einen unbedachten Schritt und stürzt 13 Stufen in den Keller. Du bleibst oben stehen, lachst aus vollem Halse und rufst ihr hinterher: „Schade, dass du nicht gestorben bist!“
Die dritte Erinnerung: Ich komme vom Kindergarten nach Hause. Meine große Schwester hat mich abgeholt. Wir stehen im Esszimmer und ich schaue zu, wie du von jedem Geschirr, jedem Besteckset jeweils die Hälfte in große braune Kartons packst. Mama steht mit verschränkten Armen hinter dir, sieht uns und schickt uns weg. Ich war fünf Jahre alt.
Du wolltest uns nicht – unter keinen Umständen, hast du dem Gericht gesagt. Noch bevor es zu den eigentlich wichtigen Themen bei einer rechtmäßigen Scheidung kam.
Meine Schwester war bei eurer Trennung zwölf Jahre alt. Sie hatte mehr gemeinsame Jahre mit dir verbracht, war dein Lieblingskind. Mit ihr bist du die Jahre drauf noch Eis essen gegangen. Sie war so glücklich, wenn sie heimkam und mir voller Stolz erzählte, dass du ihr die begehrte Jeans gekauft hast, die sich Mama nicht leisten konnte. Ich verstand das alles nicht so recht, freute mich aber für sie.
Die folgenden Jahre hast du uns regelmäßig zu Besuchen abgeholt. Oder auch nicht. Ich weiß noch, wie wir in unseren besten Kleidern samstags vor der Haustür standen und warteten, warteten, warteten und du doch nicht kamst. Unsere Händchen und Füßchen waren schon kalt, als uns Mama wieder ins Haus holte und versuchte, uns aufzumuntern.
Einmal waren wir bei dir und deiner neuen Frau. Du hast dich mit meiner Schwester zurückgezogen. Ich blieb mit der Frau zurück. Sie spielte mit mir, während ich schmollte, weil du mich nicht dabei haben wolltest. Gegen Ende des Tages kamt ihr zurück. Ihr hattet ein Bild gemalt. Eine Wurst mit einem Kindergesicht. Darunter stand mein Name: „…, die beleidigte Leberwurst!“ Nie werde ich die Enttäuschung, Wut und Trauer vergessen, die dieses Bild in mir auslösten. Und wie ihr beide gelacht habt.
Meine Jugend war furchtbar. Du hast meiner Mutter das Herz gebrochen. Bis heute pulsiert der Scherbenhaufen, den du in ihrer Brust zurückgelassen hast. Sie hat uns gegen dich aufgehetzt, alles Schlechte im Leben hätten wir dir zu verdanken. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir jahrelang keine Wurst aufs Brot bekamen, weil die zu teuer war. Unsere Treffen wurden seltener doch regelmäßiger. Ostern, Weihnachten und nach den jeweiligen Geburtstagen haben wir dich, deine Frau und deinen lang ersehnten Sohn besucht. Als mein Halbbruder auf die Welt kam, hat sich das Verhältnis zwischen dir und meiner Schwester verändert. Sie buhlte ab da noch mehr um deine Aufmerksamkeit, lenkte ihre Wut und ihren Hass auf meine Mutter – anstatt auf dich. So blieb für mich kein Raum mehr, wenn wir beisammen waren. Ich war ab da nur noch stiller Gast.
Dich hat es nie interessiert, wie es mir geht, ob ich gut in der Schule bin. Die einzigen Informationen, die du über mich erhieltest, kamen von meiner Schwester. Ich bekam oft mit, wie du über mich und mein Leben urteiltest, ohne jemals persönlich mit mir geredet zu haben.
Vor der Hochzeit meiner Schwester habt ihr euch verstritten. Du wolltest nicht für sie zurückstecken, lieber mit deiner neuen Familie zum 60. Geburtstag einer deiner elitären Freunde nach Italien fahren. Seitdem redet ihr nicht mehr miteinander. Obwohl es euch beiden leid tut. Aber ihr seid zu stolz, um wieder aufeinander zuzugehen. So läuft das jetzt fast sechs Jahre. Du hast deinen Enkel noch kein einziges Mal gesehen.
Das Einzige, was aus damaligen Zeiten übrig geblieben ist, bin ich. Das letzte Bindeglied zu einer Zeit deines Lebens, die du doch so gern ungeschehen machen möchtest. Ich weiß das. Denn bis heute redest du nicht mit mir. Anstatt mit meiner Schwester zu dir zu fahren, bin ich die letzten Jahre mit meinem Freund zu Besuch gekommen. Du hast ihn gefragt, wie es bei ihm im Studium läuft, was sein Nebenjob macht. Wenn ich selbst ansetzte, um dir etwas aus meinem Leben zu erzählen, hast du das Thema gewechselt.
Als ich nach einer fruchtlosen Ausbildung beschloss, mein Abitur nachzuholen, hast du mich das erste Mal besucht. Da wohnte ich schon seit 5 Jahren nicht mehr zuhause. Aber anstatt dir meine Wohnverhältnisse anzuschauen, hast du dich auf die Küchenbank gesetzt und versucht, mir den Kopf zu waschen. Was mir denn einfiele, mit 28 Jahren noch einmal zur Schule zu gehen. Ich solle doch endlich arbeiten gehen. Das war das erste Mal, dass du wirklich mit mir geredet hast. Über mich.
Zeitgleich wie ich, schrieb auch mein Bruder Abitur. Er hat einen Schnitt von 3,4. Das war schlimm für dich. Mein Schnitt war 2,4, aber das weißt du nicht, weil du nicht danach gefragt hast. Schulisch gesehen, bin ich die Beste in der Familie.
…
Ich war noch klein, als du gegangen bist und drei Leben zerstörtest. Meine Mutter leidet bis heute. Meine Schwester auch.
Und ich? Die, die nie eine Rolle spielte. Die nie Aufmerksamkeit, Liebe und Nestwärme bekam. Ich leide nicht. Ich habe mich von dir und meinem alten Leben frei gemacht. Ich habe eine Familie geheiratet, die mich so liebt, wie ich bin. Die sich für mich interessiert und stark macht, wenn es nötig ist. Jahrelang hatte ich mit der inneren Einsamkeit zu kämpfen, weil jeder so sehr mit sich beschäftigt war, dass für andere kein Platz war. Jetzt bin ich Teil von etwas Wunderbarem und stark. Alles, was ich in meinem Leben geschafft habe, habe ich alleine geschafft. Und darauf bin ich stolz.
Ich habe dich 25 Jahre lang gehasst. Dafür, dass du mich nicht als Mensch wahrgenommen hast, dass du nie für mich da warst, dass du mir nicht nur körperliche sondern unendlich viele seelische Schmerzen zugefügt hast. Jetzt habe ich aufgehört, dich zu hassen. Denn jetzt bist du mir egal. Der Kreis schließt sich.





Kommentare
Ich bin wieder einmal beeindruckt. Mir kamen während des Lesens GEdanken wie: Ja, da hilft nur eins loslassen und sich und sein Leben schön gestalten und peng: was lese ich im Schluss? Tolles Happy End, was aber wirklich viel Blut, Schweiß und Tränen kostete.
06.09.2012, 22:53 von SultanineIch glaube man darf nicht aufhören nach einem erfüllten und schönem Leben zu streben und vor allem darf man es sich von niemendem ausreden und kaputt machen lassen. Die größte Befreiung ist da doch letztendlich keinen Hass zu spüren, denn Hass macht das Herz schwer. Loslassen und sich anderen Dingen zuwenden, das Leben ist voll davon!
die beste rache ist ein schönes leben!!!
27.05.2012, 10:48 von Gluecksaktivistindu hast es geschafft. du kannst stolz auf dich sein.
ich freue mich mit dir!
Ja, Gänsehaut hatte ich auch beim Lesen.
27.05.2012, 09:06 von Die.sass.daZwei wuchtige, emotionale Absätze zum Schluss, die einem ein positives Gefühl geben. Für dein weiteres Leben
Liebe Bender - GÄNSEHAUT. Wunderbar hast du deine ergreifende Lebensgeschichte in Worte gefasst, die mich sehr bewegen.
Jetzt bin ich Teil von etwas Wunderbarem und stark.
Und das nenne ich ein HappyEnd.
27.05.2012, 08:46 von Jackie_GreyVielen lieben Dank :*
27.05.2012, 12:20 von Bender018Es tut mir leid...
25.05.2012, 23:45 von LillyIdolNein, nicht du tust mir leid. Du hast das nicht nötig, das grottendoofe Mitleid. Aber vielleicht nimmste von mir ein wenig Mitgefühl an.
Man kann Menschen wie uns nicht trösten. Ich könnte dir jetzt sagen, dass du froh sein kannst, dass dein Vater verschwunden ist im Gegensatz zu meiner Mutter. Die musste ich erst selber abschaffen. Aber ich weiß, dass man Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann und dass jeder sein eigenes Los tragen muss... gut oder schlecht.
Du machst es gut... alle Achtung!
Ich danke dir!
27.05.2012, 12:19 von Bender018Was für ein hartes Schicksal! Wie kann ein Vater so aggressiv gleichgültig gegen sein Kind sein? Weil Du nicht der Sohn geworden bist, der Du seiner Meinung nach hättest werden sollen? Ich kann eine solche Haltung einfach nicht begreifen. Frage mich dann auch, was ein Mensch selber erlebt hat, der so drauf ist. Nicht, dass es ihn entschuldigt. Aber es könnte was erklären. Und umso besser, wenn es Menschen wie Dich gibt, die zumindest bemüht und reflektiert genug sind, die selbst erlittenen Verletzungen und Enttäuschungen nicht unbedingt auf solch gemeine Art und Weise an die eigenen Kinder weiterzugeben.
25.05.2012, 13:18 von jeanmidinuitBin hier grad zufällig draufgestossen und muss feststellen dass es so viele Parallelen gibt, Wahnsinn. Gut für dich, dass du es da rausgeschafft hast, ich bin noch dabei. Tat gut das zu lesen! Danke
25.05.2012, 12:48 von Red-she-devilTraurig, aber gut, wenn du da heil rausgekommen bist.
25.05.2012, 11:10 von EliasRafaelWenn aufhören kann jemanden zu hassen, liebt man ihn auch nicht auch nicht mehr. Und in manchen Fällen ist das auch gut und richtig so.