chanceencounterromance 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 7

Abends liebe ich dich immer ein kleines bisschen mehr als morgens...

Jekyll und Hyde, meine Seele, mein Herz und du.

Abends liebe ich dich immer ein kleines bisschen mehr als morgens...

Woran liegt das? Ich stehe morgens auf, wenn der Wecker das wohl beste Gute-Laune-Lied röhrt, das ich kenne. Ja, ich gebe zu, ich bin so ein seltenes Exemplar, das die Augen aufmacht und schon lachen kann, schon Witze reißt und auch versteht, schon freundlich und gut gelaunt ist und sich auch gerne das dumme Geplapper im Radio anhört, während es sich ein Frühstück zubereitet oder sich die Zähne putzt. Von null auf hundert in zwei Sekunden. Das spricht für mich, finde ich zumindest. Rede ich mir vielleicht auch nur ein, denn meine bisherigen Partner hat es schon immer ein wenig genervt. Mir egal, ich bin so. Was ich momentan auch bin: allein. Allein und verliebt. Verliebt in einen Mann, der es nicht checkt. Wobei, vielleicht weißt du es sehr genau und es ist dir egal. Oder du genießt es. Wie auch immer, es würde vermutlich nichts ändern. Ich liebe dich! Doch morgens kann ich immer gut damit leben. Ein Tag liegt vor mir, der meistens hell ist und freundlich. Dort hat eine dunkle, verkümmerte Seele keinen Platz. Deswegen hat meine Seele auch zwei Gesichter. Dr. Jekyll begleitet mich tagsüber, während Mr. Hyde erst gegen Abend erscheint. Er weiß immer ziemlich genau, wann ich zur Ruhe komme. Ob mir sein und damit dein Besuch gerade passt, scheint ihn herzlich wenig zu kümmern. Und dann schwirrst du in meinem Kopf herum. Ich sehe deine verwuschelten Haare vor meinem inneren Auge, kann sie fast zwischen meinen Fingern spüren. Spüre deinen Atem an meinem Nacken, und falle Abend für Abend in eine Erinnerung zurück, die ich nun schon seit zwei Jahren mit mir herumtrage. Es ist eine wunderschöne Erinnerung: Wir beide spazieren Hand in Hand an der Flusspromenade entlang und bleiben bei dem Anblick der beleuchteten Brücke fasziniert stehen. Du lehnst dich an eine hüfthohe Mauer und wir blicken uns in die Augen. Ich glaube, mein Herz hat noch nie so laut und hart geschlagen wie in diesem Moment. Und im nächsten Augenblick hast du mich schon an dich gezogen und unsere Lippen waren nur noch Millimeter voneinander entfernt. Ich spüre deinen Atem, der warm meine Wange trifft. Sehe deine Augen, die die Farbe der Dunkelheit haben, doch noch nie hatte Schwarz etwas Tieferes, Geheimnisvolleres und Attraktiveres an sich. Spüre deine linke Hand, die meine hält und deine rechte, die sich in meinen Haaren vergräbt. Du hast die schönsten Hände der Welt, weißt du das eigentlich? Sie sehen kräftig aus, die Finger sind schlank, ohne dürr zu wirken und zeigen, dass du schon einiges erlebt hast. Dein linker Mittelfinger ist krumm, weil er mal einen Ball abgekriegt hat. Es ist ein sexy windschiefer Mittelfinger, wie ich finde.

Seit dem Tag, an dem unser Kuss zu meiner wertvollsten Erinnerung wurde, ist viel Zeit vergangen. Wir sind zu einer Freundschaft zurückgekehrt, die wir in meinen Augen nie hatten. Weil ich dich schon immer geliebt habe. Wir haben kein Wort über den Kuss verloren. Das war auch nicht nötig, denn er hat mir die Geschichte erzählt, wie es mit uns sein könnte. Ich habe nie zuvor eine schönere Geschichte gehört und seitdem reist Mr Hyde jeden Abend, wenn ich die Tür hinter mir schließe und ein warmes, gedimmtes Licht meine Wohnung erhellt, in eine Welt, in der die Geschichte weitergeht. Denn so dunkel dieser Teil meiner Seele ist, so sehr wünscht er sich dich für mich. Gleich nach dem Kuss habe ich dein Gesicht gesehen. Es war erfüllt von Lust, aber Liebe habe ich nicht entdeckt. Meins dagegen hätte rot geleuchtet und die Form eines Herzens angenommen, wenn es nur gekonnt hätte. Und in diesem Moment war Mr. Hyde geboren. Denn ich wusste genau, dass es für dich nur um eine Nacht gegangen wäre. Und das konnte ich mir nicht antun. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte mit dir geschlafen. Vielleicht wärst du schlecht gewesen und ich hätte mich gelangweilt. Dann wäre die Liebe vielleicht verschwunden. Dieses starke Gefühl, dem seit jener Zeit meine Abende gehören.

Ich muss aufhören, an dich zu denken. Ich muss aufhören, in dich verliebt zu sein. Ich will meine Abende wieder für mich. Ich muss mir mein Leben wieder holen. Ich weiß das, aber es ist ein Abschied und Abschiede sind mir schon immer schwer gefallen. Es klingelt und ich verlasse für einen Moment die Welt, in der wir beide uns gegenüber sitzen, uns grinsend zuprosten und einfach glücklich sind. Ich öffne die Tür und sehe… in das schönste Schwarz meines Lebens – deine Augen!

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2 Antworten

Kommentare

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    Wundervoll! Und furchtbar zugleich, wenn man selbst nach so langer Zeit nicht loslassen kann und in den einsamen Abendstunden anfängt zu denken und dann realisiert, wie sehr er fehlt...

    16.08.2013, 21:48 von Urmeli
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    Traurig, aber richtig schön!

    16.08.2013, 21:26 von atlashand
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