MaedchenAufDerBruecke 10.03.2013, 16:19 Uhr 12 23

Ab Wandsbek Ost

Vor mir im Zug zerschellt eine Liebe. Sie rast mit 90 Kilometern in der Stunde ihrem Ende entgegen.

Ich sitze schräg hinter ihnen und bin so hilflos wie sie selbst.Wahrscheinlich kann man eh nichts mehr ändern, denke ich, warum dann nicht zugucken. Ich frage mich, ob es wohl blutig wird.

Ihr Lockenschopf, dunkle, pompöse, enge Locken wackeln über dem Sitz. Er sitzt am Fenster, nur seine Füße sind unterhalb der Reihen zu sehen: Sie stehen parallel auf dem grauen Boden und ich glaube zu spüren, wie er seine Anspannung in ihn abgibt und das ganze Abteil elektrisiert. Es ist Mittwochabend, die Pendler sind längst zu Hause und wir sind die einsamen Überbleibsel des Nahverkehrs an einem Werktag.

„Only one time. Only one time“ Sie sagt es immer wieder. Ihr lauter Akzent füllt den Raum und ich schäme mich ein bisschen, weil sie nicht weiß, dass man hier so etwas nicht in der Öffentlichkeit austrägt. Sowas ist doch privat, denke ich und schüttel unbewusst den Kopf. Sowas macht man nicht, geht mir meine Oma durch den Kopf. Betrügen schön und gut, aber darüber reden? Doch nicht hier in der Öff-ent-lich-keit (ich denke das Wort so, wie sie es benutzte, lang, jede Silbe ausgestattet mit gewaltiger Empörung, als handle es sich dabei um einen heiligen Raum).
Ich stelle mir ihn vor, er hat den Kopf gesenkt und scheint zusammengefallen in den himmelblauen Sitzen. Sie hebt ihre Hand und streckt sie ihm entgegen, versucht ihn zu erreichen, aber er lässt es nicht zu. „Only one time. Only one times.“ Der Plural rutscht ihr versehentlich dazwischen und ich frage mich, ob sie wohl lügt. Die Besserwisserin in mir denkt, dass es schöner natürlich "only once" heißt. Aber klar, das ist denen egal. Vor allem ihm. Einmal ist nicht kein Mal. Einmal ist immer. Only one time ist mehr wie it fucking hurts anyhow.

Ich muss an Kurt Tucholsky denken, der über ein Paar in London schrieb, das zwischen den vorbeiziehenden Menschen still steht und einander verlässt. Ein wenig theatralisch das Ganze, denke ich. Ein bisschen inszeniert, Schlussmachen im Zug. Sogar ein Publikum haben sie. Ich sehe den Anderen gespiegelt durch die Zugfenster, dabei sitzt er schräg hinten im Abteil. Er ist schmal und groß. Sein Gesicht leuchtet graugelb in den Scheiben, sein Pony fällt schräg auf seine dunkel gerahmte Brille. Ich verstehe nie wie das funktioniert, physikalisch, mein ich, diese Spiegelungen. Irgendeiner sieht dich immer, während du dir verstohlen deine Unterhose zurechtzupfst. Wir jedenfalls schauen uns an, er zuckt mit den Schultern und ich lächle beschämt. Zwei Voyeure, zwei Unfallbegaffer, die sich gegenseitig enttarnen. Auch wenn es kein richtiger Unfall ist, nur eine Liebe, die zu Ende geht.

„I think, I’ll leave.“ Seine Stimme ist so viel leiser, als ihre. „I have to get out.“ Er redet nicht mit ihr, sondern verhandelt mit sich selbst. Sie fängt derweil an zu weinen. Ihr Lockenkopf bebt und ihr Weinen kommt wie eine Welle, die zwischen den Sitzen durch den Zug rollt, so mächtig ist es. Ich möchte wegschalten, ich schäme mich ihrer lauten Tränen, aber wir sind nicht im Vorabendprogramm. Das ist das Leben, da kann man nicht aufs Erste zu den Giraffen und Löwen fliehen, wenn man es nicht mehr erträgt.
„But I love you.“ Schluchzt sie und ich möchte ihr zurufen, dass sie diesen Mist doch bitte jemandem anderen erzählen soll. Mit solch elenden Plattitüden hält sie uns nicht bei der Stange. Wir wollen es nicht, aber wir sind mitten drin. Im Zugfenster hinten sehe ich den Anderen nur scheinbar ins Leere starren. Er ist hoch konzentriert. Sein einer Kopfhörer baumelt gedankenlos herab und berührt hin und wieder die Scheibe. Als sich unsere Blicke treffen, ernte ich Zustimmung. Das Publikum hat also entschieden. Nur er, schräg vor mir, weiß es noch nicht. Seine Füße stehen still, einer neben dem anderen und bewegen sich nicht. „Geh.“, denke ich. „Geh!“ Die nächste Haltestelle ist nicht mehr weit, ich merke wie der Zug abbremst, ganz sachte. Geräuschlos. Dabei wäre ein hohes lautes Quietschen jetzt gut. Irgendwas Dramatisches. Ich denke, er sollte schon mal aufstehen, sich bloß nicht auf Diskussionen einlassen, vielleicht sogar einschließen in einer dieser schrecklichen Bahntoiletten. Nur weg von ihr. Sie verdient ihn doch gar nicht. Sie weiß doch gar nicht, was sie an ihm hat.

Als der Zug zum Stehen kommt, halten wir den Atem an, sogar ihr Schluchzen hat aufgehört. Alle drei warten wir bewegungslos, darauf, dass er sich erhebt.

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12 Antworten

Kommentare

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    Das Ende mag ich, aber den Text zuvor finde ich etwas überheblich und arrogant. Erstens weißt du doch gar nicht, was sie mit "nur ein mal "meint, zweitens weißt du gar nicht, was da los ist. Wer weiß.

    25.03.2013, 15:44 von bunteschaos
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    "Sein einer Kopfhörer baumelt gedankenlos herab..."
    10 points!

    Aber der geilste Satz ist noch immer in einem KOmmentar zu deinem Text:
    Liebe ist doch manchmal echt ein Arschloch...

    Ein Beispiel dafür, dass Kunst nicht schöne Ausschmückung sein muss, sondern einfach nur treffend! :-)

    21.03.2013, 18:23 von Filousoph
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    ich mag das ende
    dafür gibts ein herz

    12.03.2013, 18:46 von wuebbipoa
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    Ich nehme mal nicht an, dass er aufgestanden und gegangen ist. Und ich nehme mal an, dass es nicht mal zum aufstehen gereicht hat, oder? Liebe ist doch manchmal echt ein Arschloch...:-(


    Schöner Text :)

    12.03.2013, 13:42 von LilyNerina
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  • 1

    "Sie verdient ihn doch gar nicht. Sie
    weiß doch gar nicht, was sie an ihm hat."

    Solche Sätze machen auch in Wandsbek oder Tonndorf die Geschichte reif fürs Abstellgleis.

    12.03.2013, 13:00 von frl_smilla
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    wirklich schicke schreibe, aber der inhalt macht mich leider gar nicht an. vielleicht liegts aber auch am aus meiner sicht fehlenden ende.

    12.03.2013, 10:21 von oern
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    Ich nutze diese Bahn auch immer. Aber ich war es nicht...

    12.03.2013, 10:06 von johnparadise
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  • 1

    Irgendeiner sieht dich immer, während du dir verstohlen deine Unterhose zurechtzupfst
    :) wunderbar!.

    12.03.2013, 09:27 von Freulein_Taktlos
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    Toller Spannungsaufbau, ich hab mich gefühlt als würd ich auch in dem Zug sein!

    11.03.2013, 19:02 von xx99
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    Ich muss an Kurt Tucholsky denken, der über ein Paar in London schrieb, das zwischen den vorbeiziehenden Menschen still steht und einander verlässt. 


    Aus welchem Buch/Text ist das? Und ich mag deinen TExt <3

    11.03.2013, 18:25 von Crazyblu
    • 0

      Der Text heißt "Liebespaar in London" und ist von 1931. Bei mir steht er im Sammelband "Und Überhaupt..."
      Und danke!

      13.03.2013, 13:25 von MaedchenAufDerBruecke
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