JungeJunge 30.11.-0001, 00:00 Uhr 98 15

A Beautiful Mind

Sich online verlieben – das ist wie „Cyrano de Bergerac meets Sigmund Freud“

Kürzlich stritten sich zwei Freundinnen darüber, ob man sich ernsthaft online verlieben könne oder nicht. Die eine meinte, das sei ja wohl das peinlichste, was man sich vorstellen könne, und die richtigen Partner solle man doch bitteschön im wirklichen Leben kennenlernen. „Und selbst wenn es gut ginge: Wie erklärst du das später mal deinen Kindern, wenn sie fragen, wo Mama und Papa sich eigentlich kennengelernt hätten? ‚In nem Chat’ klingt doch mal echt extrem unromantisch!“ meinte sie.

Ihre Freundin nahm es gelassener: „Ist es etwa romantischer, wenn du deinen Kindern später mal erzählst, ihr hättet euch bei ALDI an der Kasse kennengelernt? Außerdem: Mittlerweile hängt doch jeder im Internet rum, nicht nur die Freaks. Die Chance, einen interessanten Mann im Internet zu finden, ist genauso groß wie bei ALDI an der Kasse. Vielleicht größer. Willkommen im 21. Jahrhundert.“

Womöglich ist das 21. Jahrhundert in romantischer Sicht gar eine Rückkehr ins 18. Jahrhundert. Der klassische Schocker eines beliebigen Soziologie-Einführungsseminars ist der Satz: „Die romantische Liebe wurde erst im 18. Jahrhundert erfunden.“ Der Lehrende kann in diesem Fall normalerweise mit dem sofortigen Widerspruch der vor ihm sitzenden Studenten rechnen, die selber meist Anfang 20 und gerade in allerlei romantische Verwirrungen verstrickt sind. Dahinter steht aber einfach nur die Idee, dass eine bestimmte Form der Liebe – eben die romantische Liebe – sich in dieser Zeit erst entwickelt hat. Romantisch daran war, dass es plötzlich um die individuelle und unverwechselbare Persönlichkeit ging. Die Erkundung des eigenen Innenraums und die Darstellung der eigenen Individualität, die einen von allen anderen unterschied, stand auf einmal im Zentrum des Interesses. Und deswegen gehörte zur neuen romantischen Liebe auch das emsige Schreiben von Briefen, in denen Einblick in das Ich gegeben wurde und der andere verführt werden sollte.
In Choderlos de Laclos’ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ schafft es der fiese Vicomte de Valmont, die tugendhafte Madame de Tourvel über Briefe rumzukriegen, in denen er sich als sensibel und missverstanden porträtiert. Ironischerweise wird er durch das Schreiben der Briefe nach und nach tatsächlich so, wie er sich in den Briefen darstellt. Und Cyrano de Bergerac in dem gleichnamigen Drama schreibt wunderschöne Briefe im Namen eines anderen Mannes, in den sich die Adressatin dann auch prompt verliebt, angerührt von dieser „edlen Seele“, die aus den Briefen spricht.

Im Grunde läuft es bei Gesprächen online auch nicht anders ab: Man trifft auf einen anderen Menschen und lernt diesen zunächst über seine Persönlichkeit kennen, ungestört von äußeren Eindrücken. Das lässt Platz für Phantasie – und eben für Romantik. Und auch wenn es als Spiel beginnt – plötzlich mag man feststellen, dass man echte Gefühle für einen Menschen hegt, den man nur aus seinen Texten kennt. Man hat sich ein ideales Bild von jemandem aufgebaut, das ausreicht, sich in dessen Persönlichkeit zu verlieben: die romantische Liebe in Reinkultur. Vielleicht ist man verblüfft, vielleicht verärgert darüber. Aber weg kriegt man die Gefühle trotzdem nicht.

Ein bisschen hat die Gesprächssituation online auch etwas von der Situation auf der Couch eines Psychotherapeuten: Man ist ungehemmter und erzählt einer wildfremden Person schnell Dinge von sich, bei denen man vielleicht sogar bei seinen engsten Freunden überlegt, ob man sie ihnen erzählen kann. Denn es ist ja nur ein Spiel. Aber nach und nach wächst eine verführerische Illusion von Nähe.

Nachdem Freud und andere frühe Psychotherapeuten eine Weile die Psychoanalyse praktizierten, stellten sie etwas eigenartiges fest: Ihre Patientinnen (es waren vor allem Frauen der Wiener Oberschicht) hatten eine Tendenz dazu, sich in sie zu verlieben. Nachdem sie die intimsten Details aus ihrem Leben ausgeplaudert hatten, war so etwas wie eine emotionale Verbindung entstanden. Sie hatten das Gefühl, da gebe es jemanden, der sich für Ihre Individualität interessiert. Praktischerweise war es auch noch jemand, der nicht direkt an das eigene soziale Netz angeschlossen war, demgegenüber man also auch keine Rolle spielen musste. Und das ist ungemein verführerisch – um die Wiener Jahrhundertwende genau wie auch heute noch im Internet. Wir haben schon im alltäglichen Leben zu häufig das Gefühl, dass unsere Individualität nicht genügend gewürdigt wird und wir im Grunde austauschbar sind. Unseren Job kann jemand anderes genauso gut erledigen, und in der Liebe entsteht der Eindruck, dass man vor allem besonders gut aussehen muss und ausgetauscht wird, sobald jemand daherkommt, der noch besser aussieht.

Doch irgendwann kommt ein Punkt, an dem man noch mehr wissen will. Liebe ist auch Geruch, der Klang der Stimme, Lachen und Chemie. Und so kommt ein Tag, an dem man sich im wirklichen Leben begegnet und herausfinden muss, ob das Bild, das man sich gemacht hat, auch der realen Person standhält. Das ist wie ein neues Kennenlernen.

Wer will, kann sich dann auch bei ALDI an der Kasse verabreden...

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98 Antworten

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    auf den Punkt gebracht.
    ich würde den Artikel auch zu gerne empfehlen, nur verstehe ich leider nicht wie das funktioniert... kanns mir wer sagen?

    12.03.2010, 18:23 von hutmacherin
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    ich hab meinen freund mehr oder weniger durch internet kennen gelernt. weil ich so dumm war sein bild zu kommentieren. wir haben bald einen monat lang jeden tag miteinander telefoniert, stunden um stunden, bis ich den mut fand, ihn kennen zu lernen. im realen leben. da hab ich dann wohl einmal glück gehabt.

    16.10.2007, 21:33 von himmelstaenzerin
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    solange die liebe ehrlich ist..ist raum zeit und ort unwichtig, es kommt nur auf die zwei menschen an :)

    12.09.2007, 01:30 von gluehwuermchen21
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    man kann sich vielleicht nicht direkt im internet verlieben. aber man kann sich durchaus in jemanden verlieben, den man dort kennengelernt hat ... so gehts mir momentan

    24.07.2007, 15:58 von danie1207
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    Habe meinen letzten Freund Online kennengelernt, tausende Nachrichten, tagelange Telefonate und dann das erste Date - leider hab ich nicht auf mein Bauchgefühl und den ersten Eindruck gehört.
    Ich war geblendet von den Gesprächen, seiner Stimme und dem romantischen Bild, dass sich im Netz und am Telefon aufgebaut hatte.
    Meine ersten Worte nach dem Date an meine Freundinnen: "Den will ich nie wiedersehen!". Hätte ich das mal durchgezogen - aber ich dachte an die Wochen vorher, gab ihm ne zweite Chance und schon steckte ich in ner miesen Beziehung.
    Weiß bis heut net wie das eigentlich passiert ist - scheiß rosa Wolken.
    Dann bin ich aufgewacht und schon waren fast 2Jahre vorbei - verschwendete Zeit. Klar hab ich einige Dinge fürs Leben gelernt, aber ich hätte mir das echt ersparen sollen.
    Wer will soll es probieren - aber wer im Chat so nett zu Dir ist, kann auch problemlos zu anderen Damen genauso nett sein - DAS INTERNET UND DAS MOBILTELEFON SIND DER TOD DER LIEBE.
    Alles ist viel zu leicht und zu schnell verfügbar - man muss sich nicht mehr mit dem Anderen auseinandersetzen, sondern wechselt einfach.
    Haben wir das wirklich gewollt?

    (Natürlich hat das Internet auch Vorteile, aber eben auch großen Einfluß auf unser Sozialverhalten.)

    25.01.2007, 19:38 von anytime
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    "Vielleicht ist man verblüfft, vielleicht verärgert darüber. Aber weg kriegt man die Gefühle trotzdem nicht."

    "Liebe ist auch Geruch, der Klang der Stimme, Lachen und Chemie."

    Ein Thema, das ich noch nie so bedrachtet habe.
    Danke

    22.12.2006, 20:09 von criolla
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    Toll. Nichts als die Wahrheit!

    14.12.2006, 09:08 von Julietta_verdi
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    Du hast Recht... wohl oder übel - man will es sich irgendwo erst nicht eingestehen, man ist sauer, dass es "so" passiert ist und nicht persönlich (beispielsweise bei Aldi!) - aber ist es am Ende denn wirklich ausschlaggebend WO man sich verliebt hat?

    Wenn ich ehrlich sein soll.. du hast meine momentane Situation beschrieben - und ich habe leider Gottes Angst, dass dieser wondervolle Mensch, den ich kennengelernt habe, anders ist, als ich es mir vorstelle...

    06.12.2006, 15:48 von MissErfolg
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