K.Hope 23.09.2014, 20:11 Uhr 5 0

70% Glück

Warum man sich manchmal nicht mit weniger als Allem zufrieden geben sollte

„Schau mal, du siehst das doch auch, oder? Das geht uns doch, denke ich, beiden so. Wir harmonisieren halt irgendwie einfach nicht so hundertprozentig miteinander. Ist doch besser, wenn wir das jetzt schon merken und wieder auf eine freundschaftliche Ebene zurück finden können, solange wir uns noch gut verstehen, hm?“

Er hat sich neben mich gesetzt und drückt meine Hand. Ich weiß, dass diese Geste tröstend gemeint ist. Und doch wirkt sie irgendwie fehl am Platz. Irgendwie falsch. Irgendwie nicht hundertprozentig richtig. - Wie so vieles zwischen uns.

Unwillkürlich schießen mir ein paar Tränen in die Augen. Es tut weh, diese Worte zu hören. Es ist ein kleiner aber fieser Stich ins Herz, als mir all diese Dinge durch den Kopf rasen, deren Verlust diese paar simplen Wörter bedeuten. Kein händchenhaltend durch die Stadt Laufen mehr, während ich ihn verstohlen immer wieder von der Seite betrachte, um diesen Eindruck festzuhalten, dass er jedes mal ein bisschen stolzer, ein kleines bisschen größer wirkt, sobald sich unsere Finger kreuzen. Keine spielerischen Streitereien um die Bettdecke mehr. Kein stundenlanges Telephonieren mehr, bis ich es endlich schaffe, in meinem großen, leeren Bett einzuschlafen, wenn ich alleine darin liegen muss. Keine Raufereien in zerwühlten Laken mehr, keine gemeinsamen Duschen, keine Küsse, keine beschlagenen Autofensterscheiben.

Ja, es tut weh. Es tut weh, wenn einem in einer einzigen kurzen Gefühlswelle klar wird, dass man wieder allein sein wird. Dieses Gefühl mal wieder aufgeben zu müssen, wieder versagt zu haben. Und doch ist da auch noch ein anderes Gefühl, dass sich bis zum Ausspruch dieser Worte in meiner Magengegend versteckt hatte, dass sich aber doch nicht leugnen lässt – Erleichterung.

Ich schau in diese blauen großen Augen, die mich mit einer Mischung aus Schuldgefühlen, eigener aufrichtiger Trauer und der Erwartung einer Reaktion, abgesehen von ein paar Tränen und dem Anziehen meiner Knie, anschauen. Diese Augen in denen ich mich manchmal verlieren möchte, mit denen ich so viel Wärme und Geborgenheit verbinde. Und die doch nie wirklich dafür gesorgt haben, dass mein Herz ein paar Schläge ausgelassen hätte.

Es ist noch nicht das, was ich mir als kleines Mädchen vorgestellt hatte. Nicht dass, von dem ich mit sechzehn glaubte, es müsse so sein. Nicht dass was in den Disney-Filmen passiert.

Da sind keine tausend Schmetterlinge in meinem Bauch, wenn wir uns sehen. Mein Fuß wird nicht von einem unsichtbaren Band plötzlich nach oben gezogen, wenn wir uns küssen. Da war nie plötzlich ein bunt leuchtendes Feuerwerk im Zimmer, wenn wir Sex haben. Und ich finde nicht alles schlichtweg ausschließlich anbetungswürdig was er tut (und vice versa).

Es sind nun mal nicht die 100%.


Und wieder einmal komm ich ins Grübeln. Sind das noch Dinge, die wirklich existieren? In einer Welt, in der Selbstverwirklichung das höchste Gut ist, in der jeder nach Perfektion strebt, jeder immer noch ein bisschen mehr will, jeder etwas besonderes sein wollen muss, um nicht ungewöhnlich und seltsam zu sein, verlangen wir nicht vielleicht zu viel? Von uns selbst, von unserem Leben und auch von der Liebe?

Was ist, wenn ich nun mal nie wieder sechzehn sein kann? Wenn nie der eine Mann kommen wird, der mein Herz zum hüpfen bringen kann und der mich trotzdem nicht nah an einen Herzinfarkt treibt? Wenn es niemanden gibt, der all meine Macken und Eigenheiten (und – seien wir ehrlich – davon gibt es genug) so mag, wie sie sind und dessen Macken und Eigenheiten ich nicht erst ertragen lernen muss, sondern die ich auf irrationale Weise anziehend finde. Vielleicht kommt nicht morgen spontan ein Prinz auf seinem weißen Schimmel vorbei geritten und nimmt mich mit auf sein Schloss, wo er sich dann um unsere fünf entzückende Kinder kümmert, damit ich weiterhin meine Karrierepläne verwirklichen kann. Am besten ist die Medizin dann auch schon so weit, dass er die doch bitte auch noch selbst gebären kann, damit ich meine Figur nicht riskieren muss. (Hey, das ist schließlich mein Märchen.)

Vielleicht sind 70% ja verdammt gut.

Vielleicht sind 70% ja alles was ich erwarten kann, alles was ich noch erleben werde.

Vielleicht.


Aber so weit bin ich noch nicht. Noch kann ich die Hoffnung einfach nicht aufgeben, dass das nicht alles nur Fantasie war. Nicht nur Märchen und Hollywood-Vermarktungsstrategien und pubertäre Selbstüberzeugungskraft.

Natürlich, ich wurde schon ein paar Mal enttäuscht. Und ich habe schon ein paar Mal enttäuscht. Aber anscheinend noch nicht oft genug, um mich davon zu überzeugen, dass es nicht auch anders sein kann. Dass es einfach sein kann. Dass ich irgendwann aufhören werde zu zweifeln. Aufhören werde, Herzklopfen aus Panik davor zu verletzen oder verletzt zu werden zu bekommen, anstatt von einer Horde Amphetamin-süchtiger Schmetterlinge. Dass ich mir irgendwann sicher sein werde.

Weil ich meine 100% gefunden habe.

Und weil ich meine 100% verdient habe.

Und bis es so weit ist, bleibt mir wohl nicht viel anderes übrig als wieder aufzustehen. Und zu hoffen. Und auf Dich zu warten.


Tags: Trennung, Märchenprinz
5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Warum tut man sich das an?

    100% ist das, was du dafür hältst. Da hat 'der andere' relativ wenig mit zu tun. Der dient lediglich als Projektionsfläche deiner Ansprüche.

    Das kann man regulieren und akzeptieren lernen. Sowas heißt dann, glaube ich, erwachsen werden.
    Ich fand es irgendwann befreiend, nicht mehr der willenlose Sklave meiner eigenen Ansprüche zu sein und zu erkennen, das IN DER TAT jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Und nein, nicht im Sinne einer neoliberalen Konsumgesellschaft.

    Aber das wird schon.

    Und 70%? Das ist ''ne Menge... Das reicht für Verfassungsänderungen vollkommen aus...

    Viel Glück...

    02.10.2014, 12:53 von sailor
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  • 0

    Ist schwierig, dir irgendeinen Rat zu geben, wenn du nicht genau erläuterst weshalb es denn nur diese 70 % sind.

    02.10.2014, 11:43 von -Maybellene-
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Es gibt Stimmen, die behaupten, Grübeln sei per se aussichtslos...

      02.10.2014, 12:54 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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