Frau_von_Bylla 19.04.2011, 08:59 Uhr 24 27

50% Spinat + 23 Fotos

Das war der Moment, in dem ich anfing zu brüllen. Ich schrie mir ein dreiviertel Jahr Scheiße aus dem Leib. Yippie Ya Yeah!

"Kauf mir doch n Kopftuch, auf dem "Joshis Eigentum" steht, verdammte Scheiße!"
Das war der letzte Satz, den ich ins Telefon brüllte, als ich am Hauptbahnhof stand und eigentlich gerade auf dem Weg zu dir war.
Zwei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Zwei Wochen freute ich mich auf dich, trotz aller Schwierigkeiten.
Dass ich einen halben Monat (!) weg sein sollte war eine dieser Schwierigkeiten. Stundenlange Diskussionen um das Warum, bis hin zum Grundsatzblabla, das wir viel zu oft hatten. Mir ging es dabei um Vertrauen. Vertrauen, das du nie hattest.

Zum Geburtstag schenktest du mir eine Einwegkamera, wir dokumentierten damit unser erstes gemeinsames Wochenende. Zu Weihnachten schenkte ich dir ein Fotoalbum mit diesen 23 Bildern drin. Vier Stunden saß ich da dran. Als du es ansahst, schlichen sich Tränen in deine Augen. Du sagtest: "So soll es für immer bleiben. Jedes Jahr schenke ich dir eine Einwegkamera und wenn die Bilder irgendwann nicht mehr echt sind, dann begrab mich." Da hätte es schon klingeln sollen. Du liebtest das Album. Ich auch. Es sind bis heute die schönsten 23 Fotos, die ich besitze. Sie sind so echt. So lebendig. So wünschenswert. So verdammt verliebt.

Das erste Bild, da bist du drauf. Breit grinsend, mit deiner viel zu großen Nase und dem prolligen iPhone, mit dem du immer gepost hast, um mich zu ärgern. Auf dem nächsten Bild bin ich. Mit deiner Gitarre in der Hand, als ich gerade versuchte den Unterschied zwischen Dur und Moll zu hören. Ich hatte mich wirklich angestrengt, aber ich fand nicht, dass eins fröhlich und das andere traurig klang. Für mich klang beides fröhlich, das lag sicher an dir. Auf dem letzten Bild sind wir beide. Halb nackt, verwuschelt, betrunken. Bei einem unserer ersten Küsse.
An diesem Wochenende redeten wir viel. Über Musik, deine Musik. Über Fotos, meine Fotos. Über vergangene Beziehungen, meine Beziehungen, denn aus dir war nichts herauszubekommen. Über Winter, Familien, Exzesse, Freunde, Kunst, das Leben an und für sich. Über so vieles.

Wir nannten uns Freund & Freundin, aber niemals redeten wir über uns. Still dachten wir beide, wir bräuchten das nicht. Wir könnten das einfach so auf uns zu kommen lassen. Könnten leben und lieben, ohne viele Worte. Das mochte ich. Es war einfach. Eine Zeit lang.

Falsch gedacht, dachte ich dann Wochen später.
Du sagtest: "Weißt du, das Leben besteht aus 50% Spinat und 50% Scheiße. Ich bin Spinat. Musst du dir überlegen, ob du Spinat magst."
Das Problem war, ich hasste Spinat. Tu ich immer noch. Jetzt noch mehr. Doch das wusstest du nicht.

Wie sehr ich das grüne Gemüse hasste wurde mir mit jedem weiteren Tag bewusster.
Es wurde mir bewusst, als ich auf eines deiner Konzerte kam, im Schlepptau einen Freund, dem ich zeigen wollte, wie toll du bist. Du brachst das Konzert ab um mir vorzuwerfen, was mir einfallen würde, hier mit nem andern Typ aufzutauchen.
Es wurde mir noch bewusster, als wir auf dem Geburtstag deiner Nichte waren und ich mich mit deinem Bruder gut verstand. Danach kamen Fragen wie: "Na er sieht gut aus, wa?!"
Es wurde mir bewusster als je zuvor, als ich bei einem Job Fotos mit einem männlichen Model machte und sie dir stolz zeigte, weil ich sie wirklich gelungen fand. Du hast mir die Fotos aus der Hand gerissen und in den Mülleimer gepfeffert,
mit den Worten, dass du nicht willst, dass mein Leben noch ein anderes Fotoalbum besitzt als unseres.

Offensichtlich wusstest du nie, wie wundertoll du warst. Ständig hast du dich mit anderen gemessen, hattest immer das Gefühl nicht gut genug zu sein. Hattest Angst, ich könnte mich für jemand anderen entscheiden, der womöglich noch eine größere Nase besitzt als du und sich blöderweise auch nicht als Spinat bezeichnet. Das sagtest du sogar selbst. Dass du Angst hättest, etwas zu verlieren. Einen Teil von dir. Du hattest Wutausbrüche, die wirklich grenzwertig waren, danach entschuldigtest du dich wieder, was dir schwer fiel, denn stolz warst du irgendwie auch. Dabei verlorst du dich selbst.
Ständig habe ich versucht zu zeigen, wer du bist für mich. Warum du der bist, der du bist. Warum ich dich wollte. So sehr. Dabei verlor ich mich.
Mein Kopf suchte nach dem Sinn, doch ich war verliebt. Steckte ein, verbog mich, nahm Rücksicht, machte mich klein, veränderte mich. Schließlich muss sich der Kopf ja vor dem Herz verneigen.

Das tat er nicht mehr als mir auffiel, dass unser Fotoalbum seit Wochen unberührt auf deinem Nachttisch lag. Früher hattest du es dir so oft angeschaut. Immer vor dem Schlafengehen wenn ich nicht da war, in der Hoffnung, dann von mir zu träumen.
Das hattest du mir zumindest erzählt.
Aus Enttäuschung und stiller Erkenntnis nahm ich es und ging fort. Zwei Wochen hattest du es nicht mal bemerkt. Bis ich dann am Hauptbahnhof stand, du mich anriefst und fragtest, wo das Album sei. Ich erklärte dir, ich hätte es mitgenommen, weil und deswegen und bla. Du verstandest es nicht. Alles, was aus deinem Mund kam, waren Sätze wie: "Wem hast du es gezeigt? Ich will nicht, dass jemand unsere Beziehung sehen kann. Das gehört uns. Mir. Das ist alles, was ich habe. Und überhaupt. Wieso bist du noch immer in Stuttgart. Vor einer Stunde schon wolltest du losfahren. Wer ist bei dir? Wer redet da im Hintergrund?"

Das war der Moment in dem ich anfing zu brüllen. Ich schrie mir ein dreiviertel Jahr Scheiße aus dem Leib. Plötzlich war ich wieder da. Das laute, bunte, sich nichts sagen lassende Ich. Yippie Ya Yeah!

Monate später dann die Erkenntnis:
Alles, wofür ich gekämpft hatte, an dem ich mich festhielt, waren 23 Wunschvorstellungen, die wir ein Wochenende lebten. Festgehalten auf 23 billigen Fotoprints.
Und alles, an dem du dich festhieltest, war ich. Konnte ja nicht funktionieren.

Dumpfbacke.

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24 Antworten

Kommentare

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    Da kann jemand wohl doch mehr als fotografieren :)

    03.05.2011, 16:58 von FreiBaerle
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    Wow.
    Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wunderbar geschrieben.
    Klasse

    30.04.2011, 23:22 von VonGruenwald
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    Wirklich sehr, sehr gut geschrieben!

    30.04.2011, 20:31 von MoemaPerihan
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    ich mags!

    29.04.2011, 12:37 von StevieStern
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    ich kenne das gefühl.
    au mann

    wirklich toll geschrieben!
    Empfehlung!

    27.04.2011, 17:25 von AliceInWonderland
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    joa, ganz nett ;)

    27.04.2011, 15:44 von Skywave
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    das wörtchen "wundertoll" macht, dass ich texte nicht mehr weiterlesen kann.

    kommt sich dabei eigentlich jede, die es schreibt, so vor, als sei es ihre erfindung?

    27.04.2011, 13:37 von Kocmonabt
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    Ungefähr in der Hälfte des Textes wurde mir langweilig!

    Sorry!

    27.04.2011, 10:07 von Rocktaxi
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    Ich hab den Text vor einigen Tagen schon mal gelesen. Konnte mich nur noch an den Avatar und den Titel, nicht mehr an den Inhalt erinnern. Und nun nach erneutem Anlauf, ist alles was übrig bleibt der fade Gedanke an "Wie die Nase des Mannes, so sein Johannes".

    26.04.2011, 17:35 von nyx_nyx
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    "anriefst", "fragtest" und "verstandest"

    sind halt extrem schlimme Wortmatschhaufen, die man besser umbaut.

    Und hinter der Frage "Wieso bist du noch immer in Stuttgart" würde ich ein Fragezeichen unterbringen.

    Den Inhalt des Textes kann ich nicht fühlen.

    26.04.2011, 15:33 von Surecamp
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