lalina 22.03.2012, 18:52 Uhr 77 137

366 Tage

Unser Frühling ist vorbei, wo er für andere erst beginnt.

Ich sehe uns auf der Parkbank unter der großen Linde direkt am Wasser sitzen. Die Sonne scheint und die letzten Strahlen fallen auf den kleinen See. Es ist warm und wir beide wünschen uns, wir könnten die Zeit anhalten, denn wir wissen, dass diese Augenblicke mehr als vergänglich sind. Wir wissen, dass solche Augenblicke nicht sein dürfen. Du hältst meine Hand und ich schaue dir dabei verschämt in die Augen, muss immer wieder lächeln und will mein Glück nicht fassen, weil es eigentlich ein großes Unglück ist. Wir haben uns viel zu erzählen, müssen viel lachen und für die Menschen, die durch den Park spazieren, muss es so scheinen, als seien wir frisch verliebt. Manchmal blicke ich mich um und schaue in schmunzelnde Gesichter. Ab und zu bilde ich mir sogar ein zustimmendes Nicken der älteren Herrschaften ein, deren Enkel auf kleinen Laufrädern durch die Gegend flitzen und Hunde streicheln, die hier munter mit ihren Herrchen im Schlepptau ihre Runden ziehen. Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass unsere Gefühle diesen Park verlassen dürfen; dass sie mit uns durch die Straßen laufen und sich neben uns schlafen legen, während du meine Hand hältst und mir einen Gute-Nacht-Kuss gibst; dass sie uns am nächsten Morgen wecken und wir uns gegenseitig den Schlaf aus den Augen reiben.

Ich weiß nicht, wie viele Nachmittage es in dem letzten Jahr während unseres Sommers gab, an denen sich genau diese Szene immer und immer wiederholte. Bis spät in den Abend hinein saßen wir fröstelnd auf der Bank. Unsere Zeit war längst abgelaufen. Es warteten ungeduldige Anrufe und Nachrichten auf unseren Handys, aber wir wollten den Park nicht verlassen. Wir wollten jede Sekunde mehr als auskosten, so viel wie nur möglich von dem anderen aufsaugen, die Blicke nicht mehr voneinander abwenden, den Geruch des anderen für immer riechen, die Stimme des anderen für immer hören. Nicht nur unser Park war eine Zuflucht, sondern jeder gemeinsame Moment war ein kleines Zuhause. Wir fühlten uns wohl, richteten uns schön ein bei unseren Treffen, wussten aber stets, dass wir hier nicht alt werden; dass die Realität auf uns wartet.

Ich weiß nicht, wie du aussiehst, wenn du morgens aufwachst und ob du tatsächlich meine Hand halten würdest, wenn wir abends nebeneinander einschlafen würden. Ich weiß nicht, ob mir deine Möbel gefallen und wie es ist, mit dir gemeinsam zu kochen. Ich hatte nie einen Alltag mit dir und weiß nicht, wie es sich anfühlen würde, hätten wir einen.

Aber ich weiß, wie sich deine Hand in meiner anfühlt, wie weich deine Haut ist, wenn wir uns scheinbar zufällig berühren, und wie wir uns anschauen, wenn sich unsere Blicke treffen. Ich weiß, dass mein Herz für einen kurzen Moment auszusetzen scheint, wenn du auf mich zugelaufen kommst, um in der nächsten Sekunde doppelt so schnell zu schlagen, weil wir zusammen sind. Ich weiß, dass du oft selig lächelst, wenn ich dir etwas erzähle und dein Blick auf meinen Lippen ruht und du dir anderes wünschst, als nur das, was wir miteinander haben.

Nun sind es 366 Tage, an denen wir uns kennen, und mit jedem weiteren Tag, der vergeht, wird es schwerer um unsere Herzen. Die Treffen werden seltener, die Augenblicke trauriger. Unser Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Ein ‚Leb wohl‘ steht vor der Tür und wartet darauf, abgeholt zu werden. Wir wissen, wo unsere Grenzen sind und dass unsere Herzen diese erreicht haben. Unser Frühling ist vorbei, wo er für andere erst beginnt.

Ich wünsche mir, dass wir immer lächeln werden, wenn wir aneinander denken müssen; dass der Schmerz ein guter ist und es an den richtigen Stellen sticht. Ich habe es dir nie gesagt, aber ich glaube, ich liebe dich.

137

Diesen Text mochten auch

77 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    der letzte abschnitt hat mich sehr berührt.
    überhaupt habe ich den text regelrecht aufgesogen, weil ich so viel von mir selbst darin entdecken durfte.

    schön!

    17.04.2012, 20:27 von CaroKo
    • 0

      Schön.

      17.04.2012, 20:29 von lalina
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Der Text geht ins Herz..und lässt Tränen fließen..

    wirklich schön geschrieben!

    14.04.2012, 20:34 von Peacie
    • 0

      Ich hoffe, sie trocknen schnell wieder.

      Ganz lieben Dank.

      14.04.2012, 20:36 von lalina
    • Kommentar schreiben
  • 1

    ich kann meinen vorrednern nur zustimmen!

    sehr gelungen

    13.04.2012, 13:36 von Caro_von_der_Eulenburg
    • 0

      Dankeschön. Das schmeichelt mir.

      13.04.2012, 13:37 von lalina
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sehr guter Text!  Zum nachdenken und 'träumen'.

    11.04.2012, 12:41 von weltentdeckerin.
    • 0

      Dankeschön.

      11.04.2012, 12:46 von lalina
    • 0

      Immer wieder gern :)

      11.04.2012, 12:57 von weltentdeckerin.
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Unglaublich schön!

    02.04.2012, 22:57 von HalfAlive
    • 0

      Dankeschön.

      02.04.2012, 23:57 von lalina
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wundervoll :)

    01.04.2012, 23:05 von to-infinity-and-beyond
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich weiß, dass du oft selig lächelst, wenn ich dir etwas erzähle und dein Blick auf meinen Lippen ruht und du dir anderes wünschst, als nur das, was wir miteinander haben.
    Berührt mich, erinnert mich, kann ich zu 100% unterschreiben. Klasse Text.

    31.03.2012, 20:34 von inside_out
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Und irgendwie ist es dieser Frühling den ich nie mehr mit dir erleben werde.


     


    Total perplex nach dem ich diesen Text gelesen habe.

    30.03.2012, 09:16 von HamburgsMaedchen
    • Kommentar schreiben
  • 1

    du hast mich echt berührt mit diesem text, wunderschön!

    29.03.2012, 12:22 von rebecciii
    • 0

      Schön. Das freut mich.

      29.03.2012, 12:33 von lalina
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5
  • Links der Woche #21

    diesmal u.a. mit einer Aktion gegen den Krieg, Opas, die die Tanzfläche erobern und rosa Mädchenträumen.

  • Wie siehst du das, Patrick Desbrosses?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

  • Hitzefrei

    Wir haben Tipps gesammelt, die sich perfekt umsetzen lassen, wenn ihr Menschenmassen und tropischen Temperaturen lieber entgehen möchtet.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare