Nothingness 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 6

359 Kilometer

Niemand kann das nachvollziehen, wie es ist, eine Fernbeziehung zu führen, wenn er nicht selbst schon mal eine hatte.

„Lass es dir schmecken und fahr vorsichtig. Ich liebe Dich“, schrieb ich auf die Brottüte und faltete sie zu. Ich machte das gerne. Ihm Nachrichten hinterlassen, wenn er wieder fahren musste, mich wieder verlassen musste. Dann konnte ich mir vorstellen, wie er auf dem langen Weg eine Pause einlegen würde, sein Ei und sein Brot essen würde und dann die kleinen Nachrichten finden und sich freuen würde. Das mochte ich.

Und mit seinem Verschwinden fing für mich ein neues Leben an. Etwas trostlos, voller Arbeit, mit wenig Freude, mit wenig Ablenkung vom Alltag. Ich wollte dieses Leben nicht. Alleine schlafen gehen, alleine aufwachen. Alleine den Tag verbringen.
Telefonieren ist zwar eine nette Idee, um die Entfernung zwischen ihm und mir zu überbrücken, aber dennoch unbefriedigend. Kein Duft seines Körpers, keine weiche Haut beim Kuscheln, keine Lippen zum Küssen. Trostlos.

Niemand kann das nachvollziehen, wie es ist, eine Fernbeziehung zu führen, wenn er nicht selbst schon mal eine hatte. Wie das ist, wenn Monate und hunderte von Kilometern zwischen zwei Menschen liegen.
Man würde meinen, der Abschied sei das Schlimmste. Doch es gibt etwas, das noch mehr weh tut. Werde ich ihn je wieder sehen? Wenn ich in der Tür stehe, ihn umarme und küsse. Werde ich ihn so das letzte Mal berühren? Das letzte Mal küssen? Immer damit rechnen müssen, den anderen nie wieder zu sehen. Es zerschmettert mir den Kopf, dieser Gedanke.

Und wenn ich dann alleine in meinem Zimmer sitze. Sein Geruch noch an mir, in meinen Kissen, seine Anwesenheit noch immer präsent in meinem Zimmer. Haben wir die Zeit zusammen richtig genutzt? Hätten wir weniger streiten sollen, um des Zusammenseins wegen? Hätten wir mehr Zeit verbringen sollen? Waren es genug Berührungen? Manchmal habe ich mich dabei ertappt, wie ich versucht habe, so viel wie möglich von ihm aufzunehmen. So viel wie möglich zu fühlen und mir so viel wie möglich zu merken. Seinen Körper, die kleine Narbe zwischen seinen Schlüsselbeinen, seine Hände und die Form seiner Fingernägel, sein Gesicht, sein Lächeln, wenn er morgens aufwachte. Ich wollte in den Monaten seiner Abwesenheit nichts vergessen, wollte mir alles wieder in Erinnerung rufen können. Wollte ihn in Gedanken riechen und schmecken können.

Doch das funktioniert so nicht. Man wird immer denken, dass man die Zeit nicht optimal genutzt hat, man würde vielleicht einiges anders machen. Würde weniger Widerworte geben, würde mehr kuscheln, küssen und Sex haben. Um für die verlassenen Monate vorzusorgen.

Inzwischen habe ich versucht, den Moment zu nutzen, doch nicht auf Kosten meiner Persönlichkeit. Wenn wir streiten, geschieht das nun mal so. Doch das ist nicht schlimm. Denn ich weiß, er wird wiederkommen. Ich weiß, wir werden uns wieder küssen können. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihn spüren und riechen konnte, dass wir von Angesicht zu Angesicht reden konnten, dass ich ihn verletzt habe und dass er mich verletzt hat, dass wir uns sehen.

Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

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    Man kann die Nähe nicht speichern und hervorholen, wenn man sie am nötigsten brauchst.

    27.10.2009, 12:04 von Ozelotte
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    hm. ich muss fast weinen...in drei wochen muss ich für ein jahr weg, ins ausland. ohne meinen freund. die vorige fernbeziehung ist kaputtgegangen. aber diesmal ist einiges anders, ich bin älter geworden und optimistischer dieser fernbeziehung gegenüber. auch wenns mir jetzt grade vor dem abschied schrecklich weh tut zu wissen dass ich ihn zumindest bis weihnachten gar nicht sehen werde...

    11.09.2008, 11:26 von arc-en-ciel
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    Ich hab' zwei Fernbeziehungen hinter mir. Beides mal war es nicht ich, die es beendete.
    Es tut wirklich sehr weh.
    Aber die Vorteile, wie besonders jedes Treffen ist, wie man jedes mal Bauchkribbeln hat, wenn man sich sieht, das sollte man dabei auch nicht vergessen.

    22.03.2008, 21:55 von Mrs.Rocknroll
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    Ich kenne das auch. Hab jetzt schon die 3. Fernbeziehung, alle mit den gleichen Mann. Ist für mich sehr schwierig und für ihn weniger. Eben weil er mehr um die Ohren hat. Er findet es sogar gut so. Und während ich warte, dass sich irgendwann was weiterentwickelt, lebt er nur in der Gegenwart. Schwierig.

    26.01.2008, 15:23 von drops_of_august
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @oceaneyes Ich denke es ist schwierig, eine befristete Zeit mit einer immer andauernden Trennung über Jahre hinweg zu vergleichen. Du wusstest, die Zeit würde rum gehen und ihr würdet irgendwann wieder eine normale Beziehung führen. Inzwischen weiß ich auch, dass es bald ein Ende haben wird, da wir zusammenziehen werden. Es gab aber auch Fernbeziehungen, wo es diese Möglichkeit nicht gab.
      Einzige Freude? Sicherlich nicht. Aber doch eine sehr große und wichtige im Leben. Und ich fände es schade, wenn das nicht so wäre.
      Selbst wenn wir uns sehen und dann schon mal einen guten Monat zusammen leben (und im gleichen Zimmer, meistens ohne Fluchtmöglichkeit) werden wir für uns nicht uninteressant, wie ich finde. Wir haben uns immer viel zu erzählen - und schweigen können wir zusammen auch. Von daher ist das für mich kein Punkt, der eine Fernbeziehung positiver macht.

      27.01.2008, 00:15 von Nothingness
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    Ich selbst führe seit über 3 Jahren eine Fernbeziehung, allerdings sehen wir uns jedes Wochenende. Mein Mann ist Soldat und unter der Woche nicht zu Hause. Die Abschiede sind auch für uns nicht leicht, aber wir haben einen Weg gefunden, die Beziehung zu gestalten.
    Streit gibt es auch bei uns mal, manchmal sogar am Telefon - das sind die schlimmsten. Aber es gehört dazu und macht es authentisch.
    Uns Monate nicht zu sehen, können wir uns nur schwer vorstellen, aber wer weiß, was die Zukunft noch so bringt.
    Ich wünsch Dir/euch jedenfalls alles Gute für die Beziehung.

    24.01.2008, 15:06 von unstable
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      @unstable Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Sich mehrere Monate über nicht zu sehen, dann aber für etwas längere Zeit, oder nur jedes Wochenende. Kann man da jemanden überhaupt richtig kennen lernen? Ich stelle mir das irgendwie schwierig vor. Für mich könnte ich mir nur einen Mischmasch daraus vorstellen.
      Euch auch alles Gute.

      27.01.2008, 00:20 von Nothingness
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