cociduh 09.10.2012, 13:26 Uhr 6 5

34 Minuten

Itunes. Play. Zufällige Wiedergabe.

Ich fühle mich wie gelähmt. Jeden Tag aufs Neue, jeden Tag der alte Trott.

9:00, der Wecker klingelt. Eine andere Melodie als noch vor ein paar Wochen, doch mittlerweile klingt so vertraut. Snooze.

Ich liege im Bett, starre an die Decke und denke an...Nichts. Ein unheimlich beschwerendes Phänomen. Langsam ziehen sich die Gedanken durch das Hausarbeitsthema hinüber zu der Küche, die unbedingt mal eine Putzeinheit gebrauchen könnte hin zum kleffenden Hund der Mieterin unter uns.

9:10, die Bettdecke ist zu warm und draußen ist es zu kalt. Snooze.

Hausarbeit, Küche, der Geburtstag vom letzten Wochenende, das Sportprogramm, die alte Dame von gegenüber, die ihr Haus verkauft hat, der Mensaplan für heute, das Wetter.

9:20, ich krieche grummelig aus meinem Bett, ziehe die Vorhänge auf und sehe grau. Es nieselt.

Die neuen Nachbarn haben ihr Wohnzimmer bereits dekoriert. Pflanzen auf dem Fensterbrett, der Laptop steht aufgeklappt vor dem Fenster. Noch ein Blick aufs Handy.

9:24, „Guten Morgen“, schrille ich gekonnt und euphorisch meiner Mitbewohnerin entgegen, die mit einem „Hallooho“ entgegnet, als wir uns im Flur begegnen. Automatisch bediene ich die Kaffeemaschine, fülle derweil meine Schüssel mit Müsli. Ein Schluck Milch in den Kaffee, ein bisschen mehr davon für die Cornflakes. Mit meiner Decke und meinem Frühstück bewaffnet schlender´ ich zurück in mein Zimmer. Die Tür geht schwer auf und umso schwerer wieder zu. Ein Tritt und schon schnappt das Schloss zu. Ich setze mich an meinen Schreibtisch, fahre das Notebook hoch.

9:31, Itunes.Play.Zufällige Wiedergabe. Fun schmettern „Some Nights“. Der Kaffee schmeckt bitter, aber wir haben keinen Zucker mehr. Ich schlage das Buch neben mir auf und blättere darin, wie jeden Morgen. Fun verabschieden sich mit „It´s for the best we get our distance...“

9:34, plötzlich steigt Rivo Drei ein mit „Bist du da, wenn der Regen fällt, bist du da, wenn alle anderen mir den Rücken kehren?“ und plötzlich bist du wieder da!

9:35, „weil du gnadenlos herrlich bist, weil es keinen Grund gibt, weil wir uns vertrauen.“ Ich lache höhnisch auf und drücke auf den kleinen Pfeil, der Rivo Drei mit ihren schmerzenden Worten verstummen lässt.

9:36, ich blicke ins Leere, das Müsli hat sich mittlerweile mit der Milch vollgesogen und ist jetzt eher ein Brei aus Haferflocken, Kokosstücken und Rosinen. Ich halte die Kaffeetasse in meiner Hand und puste den imaginären Dampf fort. Mein Magen kribbelt. Mein Herz meldet sich klopfend zu Wort „Ha! Da hastes...., du kannst mich nicht ignorieren!“

9:37, oh doch. Ich lehne mich zurück, denn heute hat es ganze 34 Minuten gedauert, bis ich an ihn denken musste. Gestern waren es nur 27.

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Kommentare

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  • 0

    "
    hat es ganze 34 Minuten gedauert, bis ich an ihn denken musste. Gestern waren es nur 27."


    Der Satz stimmt irgendwie so traurig... mag die Textidee, aber ganz gepackt hat es noch nicht, deswegen bleibts herzfrei :)

    09.10.2012, 23:47 von independentdreamer
    • 0

      eigentlich sollte es optimistisch klingen, nach dem motto "hey, gestern warens noch 7 minuten mehr, die ich an dich denken musste!" das hat dann ja nich so gut geklappt :D vielen dank für deine kritik

       

      10.10.2012, 11:38 von cociduh
    • 0

      Ja, das habe ich mir schon gedacht, aber ist es nicht irgendwie traurig, dass man sich über "nur 7 Minuten" dann doch irgendwie so freut?

      10.10.2012, 11:41 von independentdreamer
    • 1

      Ja klar, stimmt, so habe ich es noch nicht betrachtet. Dann hast du absolut Recht!

      10.10.2012, 11:44 von cociduh
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  • 0

    Schöne Idee, toll umgesetzt :-)

    09.10.2012, 14:33 von sheenamy
    • 0

      Vielen Dank :)

      09.10.2012, 14:49 von cociduh
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