Stjaernaflicka 02.01.2018, 23:37 Uhr 8 4

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»Ja«, denke ich, »es ist absurd. Aber schön.«

Jetzt
Es ist Abend und ich liege auf dem Küchenboden. »Scheiße.«, denke ich, aber ich stehe nicht auf. Der Boden drückt kalt und hart gegen meine Wange und ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus - und bleibe liegen.

1008 Stunden früher
Es ist Abend und ich liege in Deinem Arm. »Komisch.«, denke ich, weil ich gerade einfach gar nichts fühle. Aber damit meine ich dieses gute gar-nichts-Fühlen. Dieses gerade-ist-irgendwie-einfach-alles-wie-es-sein-soll-Fühlen. Und das ist komisch. Ich bin es nicht gewohnt nichts zu fühlen. Ich fühle immer alles – so viel und so sehr, dass ich manchmal glaube, ich müsse platzen.
Es ist Abend und ich liege in Deinem Arm. Ich mag das, vor allen Dingen, weil Deine Haut meine berührt und ich die Wärme so direkt spüren kann, weil sie nicht erst durch Stoff gefiltert wird. Ich habe mich auf die Seite gedreht, mein Bein liegt angewinkelt über Deinen Schenkeln, meine Hand ruht auf Deinem Brustkorb und meine Nase gräbt sich in die Mulde zwischen Schulter und Hals. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und bin fasziniert davon, dass der bloße Geruch eines Menschen mein Herz so schnell schlagen lassen kann. »Je suis Grenouille«, denke ich und weiß nicht, ob ich darüber kichern oder verängstigt sein soll, entscheide mich schlussendlich aber für ein stilles Lächeln in das Kissen unter unseren Köpfen hinein.

504 Stunden später
Es ist Nachmittag und ich sitze auf einer Bank, von der ich nicht weiß, ob sie mir nicht vielleicht noch einen Splitter in den Unterschenkel bohren wird. Du sitzt neben mir, unsere Beine berühren sich und trotzdem bist Du fürchterlich weit weg. Ich weiß nicht ob Dir klar ist, dass ich das merke. Ich weiß nicht, ob Dir klar ist, dass ich das schon seit Tagen merke. Ich weiß nicht, ob Dir klar ist, dass das der Grund dafür ist, warum ich noch vor 48 Stunden zu Dir sagte, dass es mir gerade nicht gut ginge und ich nicht wisse, was los sei. Ich weiß nicht, ob Dir klar ist, dass mir klar ist, dass Dir etwas klargeworden ist.
Es ist Nachmittag und ich sitze auf dieser Bank. Kopf und Herz sind in hab-Acht-Haltung, aber Hoffnung schiebt sich vor die beiden und faselt etwas von Konjunktiven, Möglichkeiten, Irrungen und Wirrungen. Und so taste ich mich langsam vor und noch langsamer nach Deiner Hand, um zu sehen, wie Du darauf reagieren wirst. Du reagierst gar nicht und das ist alles an Reaktion, was ich brauche. Du reagierst nicht. Und Du sagst nichts. Die ganze verdammte Zeit sagst Du nichts. Du redest, aber Du sagst nichts. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und finde es erstaunlich, wie man sich gleichzeitig so nah und doch so weit voneinander entfernt sein kann.

1344 Stunden früher
Es ist Nachmittag und ich stehe seltsam schüchtern im Flur. Du hast den Mund voll mit Zahnbürste und Zahnpasta und nimmst mich kurz in den Arm. Ich kann die Situation nicht lesen und deswegen auch nicht einordnen und fühle alles auf einmal. Du verschwindest wieder im Bad, während ich Jacke und Schuhe ausziehe und wir uns anschließend über Belanglosigkeiten unterhalten. Du warst weg, gar nicht viele Tage, zwei handvoll, aber Du warst weg und ich tapere Dir durch die Wohnung hinterher, sage ja und achso und mhm, nicke, lächle und bin unangenehm irritiert. Du räumst die Küche auf, weil Du das irgendwie immer tust, weil in der Küche irgendwie immer irgendein Tünkram herumsteht, der da nicht hingehört und ich schaue Dir eine Weile dabei zu, bis ich es einfach nicht mehr aushalte. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus, trete dicht an Dich heran, zupfe mit meinen Fingern verlegen an Deinem T-Shirt und flüstere ein leises »Hallo.«
Du schaust mich an, lächelst und ich schwöre, dass in diesem Moment unzählige Gerölllawinen von meinem Herzen fallen und dann flüsterst Du ein leises »Hallo.« zurück, hebst mich hoch, führst meine Beine um Deine Hüften und trägst mich aus der Küche in Dein Zimmer. Ich presse mich fest an Dich, obwohl ich weiß, dass Du mich nicht fallen lässt - aber ich habe so viel Gewicht und fürchterliche Angst, dass Du mich loslässt und ich denke, dass das so ein kitschiger Filmmoment ist, der sich jetzt in diesem Moment aber gar nicht kitschig und nach Filmmoment anfühlt, sondern einfach nur schön und alles, was ich will, ist, dass jetzt bloß keiner »Danke, aus!« ruft, um die Szene zu beenden.

216 Stunden später
Es ist Morgen. Ich stehe vor dem Spiegel und male rosige Wangen auf mein blasses Gesicht. Ich mache eine Fischschnute, um die Farbe an die Struktur der Wangenknochen anzupassen, während Du noch in meinem Bett liegst und vor Dich hindöst. Dein Telefon spielt Musik und als ein neues Lied beginnt, denke ich, dass ich unbedingt auf den Text hören muss, damit ich es später raussuchen kann, weil es mir auf Anhieb gefällt. Ich konzentriere mich, aber irgendetwas stimmt nicht, ich spüre, dass sich etwas verändert hat und als ich zu Dir gucke, liegst Du noch genauso da wie eben, aber ich kann deutlich sehen, dass etwas anders ist. Du hast den Kopf zur Seite gedreht, so dass ich Dein Gesicht nicht sehen kann, aber das muss ich nicht, denn ich weiß, dass sich gerade Vergangenes so fest an Dich drückt, dass Du das Gefühl hast, Du müsstest ersticken. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und trete ans Bett heran. Zwischen Dir und der Kante ist nicht viel Platz, aber ich lege mich trotzdem hin, zwischen Dich und diesen kleinen Abgrund, und halte Dich einfach fest. Ich sage nichts, ich halte Dich einfach und obwohl die Zeit drängt, halte ich Dich so lange, bis Deine Muskeln sich zu entspannen beginnen und der Moment vorüber ist. Und darüber hinaus.

336 Stunden später
Es ist Nacht und ich liege in Deinem Bett. Ich schlafe nicht durch, keine Nacht schlafe ich durch, ich wache immer auf. Manchmal einmal, manchmal zweimal, manchmal dreimal – ich kenne das schon. Aber jetzt ist irgendetwas anders. Es braucht eine kurze Weile, bis mein Unterbewusstsein die Informationen an mein waches Ich weitergeleitet hat. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und muss lächeln, weil Du im Schlaf liebevoll meinen Schopf geküsst hast und weil Du das noch nie im Schlaf getan hast, sondern wenn schon ins Bewusstsein geglitten bist und ich muss lächeln, weil es sich irgendwie anders angefühlt hat in diesem Moment. So richtig und gut und angekommen, dass es eigentlich nichts Schöneres geben kann, als einen Kuss auf den Scheitel, den man ganz unbewusst geküsst bekommt. Und aus Konjunktiv wird Präsens und aus Präsens wird Futur und ich schließe die Augen und schlafe, bis der Wecker klingelt.

480 Stunden früher
Es ist Nachmittag. Wir haben uns mit Kaffee in kalten Händen den Wind um die Nasen pusten lassen. Das sollte man viel öfter tun als man es eigentlich macht, vor allen Dingen, wenn man dort wohnt, wo der Wind gut und gerne pustet. Jetzt sind wir bei mir und wärmen uns auf. Es ist komisch Dich in meiner Wohnung zu haben. Nicht, weil es sich komisch anfühlt, nein, sondern weil wir sonst irgendwie nie in meiner Wohnung sind, immer nur bei Dir. Das habe ich durchaus bemerkt, aber eigentlich stört es mich nicht und gerade weil ich morgens viel früher los muss als Du, erscheint es mir die sinnvollere Lösung zu sein. Und trotzdem stichelt da manchmal dieses Zweifelmonster und kneift mir in Bauch und Herz, zischelt und zischt und konstruiert ein Kopfkino, bei dem selbst das Popcorn ungenießbar ist.
Wir haben eingekauft, aber Du bist müde und möchtest Dich ein wenig ausruhen bevor wir kochen und so liege ich zusammengerollt an Deiner Seite und schaue zu, wie sich Dein Brustkorb hebt und senkt. »Wollen wir mal über uns reden?«, sagst Du und mein Herz macht einen Purzelbaum, während mir der Schreck das Blut in die Wangen schießen lässt. »Können wir«, sage ich, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich das wirklich will, hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und frage mich, wie sechs Worte es schaffen, mich so aus der Bahn zu werfen.

8 Stunden später
Es ist Nacht und ich bin angenehm beschwipst. Bier und Zitronenwodka. Wobei Letzteres keine so gute Idee war, wie ich feststellen muss, als ich mich auf mein Fahrrad setze, um zu Dir zu fahren. Es ist absurd: Seit der Gedanke ausgesprochen ist, dass Du und ich kein Wir sein könnten, dass Ferne eine Option ist, sind wir uns näher, als vorher. Und während mein Fahrrad und ich in Schlangenlinien zu Dir fahren, frage ich mich, ob das einen Sinn ergibt. Aber bevor ich zu einem Schluss kommen kann, ergebe ich mich dem Wunschwollen diese Nähe zu halten, steige alle Stufen hoch zu Dir, lege meine Hand in Deine und mich zu Dir ins Bett. Und ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus, schmecke Dich und uns und nach Bier und Zitronenwodka und Kopf und Herz fahren Schlangenlinien, wie mein Fahrrad und ich und wie Deine Hände, die über meinen Körper gleiten. Und dann kommen wir uns immer näher, bis wir kommen und bleiben uns nah darüber hinaus. »Ja«, denke ich, »es ist absurd. Aber schön.«

6 Stunden früher
Es ist Abend und wir stehen am Herd. Wir kochen nicht, Du kochst. Ich darf beihelfen, aber mitkochen darf ich nicht, obwohl doch eigentlich die Küche in der man kocht bestimmt, wer den Löffel in der Hand haben darf. Ich habe meinen abgegeben. Ich bin zu aufgewühlt, ich fühle und denke und denke und fühle und Kopf und Herz fahren Autoscooter, rammen und rempeln sich gegenseitig an, schneiden sich den Weg ab und lassen meine Ohren dröhnen. Dass Du nicht weißt, ob Du das kannst, hast Du gesagt. Dieses Zusammensein. Dieses sich-auf-einen-Menschen-Einlassen. Dass es Dich nachdenklich gestimmt habe, als ich sagte, ich habe Dich vermisst, als Du zwei handvoll weggewesen bist. Dass Du nicht weißt, ob Du Dich festlegen möchtest. Dass da immer noch diese Person ist, die Dein Herz gebrochen und ein paar Stücke davon einfach eingesteckt hat, als sie ging. Da ist so viel dass Du, dass ich gar nicht weiß, wohin mit mir und all dem, was in mir stürmt und tobt – aber ich bin gut darin so etwas nicht zu zeigen und obwohl alles in mir zittert und die geplatzten Seifenblasen in meinen Augen brennen, antworte ich Dir ruhig und bedacht, schaffe sogar ein Lächeln, das nicht so schief hängt, wie mein Herz in diesem Augenblick und ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und versuche die beiden Stimmen, die in mir und die, die zu Dir spricht, voneinander zu trennen. »Ich will diese ganze Scheiße nicht hören!«, denke ich. Immer der gleiche Mist, immer diese Angst vor dem Verpassen und das konträre sich-nach-nichts-mehr-Sehnen-als-anzukommen. Das Zweifelmonster schnaubt und wütet und weiß gar nicht, was es am lautesten rausbrüllen soll. Eigentlich sollte ich Dir sagen, dass Du gehen musst. Dass Du so nicht bei mir bleiben kannst und dass das zwischen uns so nicht bleiben kann. Aber Hoffnung, Du und ich finden drei Möglichkeiten: Eins – Du gehst, nicht nur jetzt, sondern für immer und uns hat es nicht gegeben; Zwei – Du gehst, aber nur jetzt und Du bleibst in meinem Leben, wir schrauben alles auf Anfang und küssen uns einfach nicht mehr; und Drei – Du bleibst, nicht nur jetzt, sondern für wir-wissen-nicht-wie-lange. Du bleibst und es bleibt die Möglichkeit der Möglichkeit und wir, Du und ich, ein Wir, das sich aber eher wie ein halbes-Wir, weil nicht-halb-nicht-ganz, anfühlt, schauen, was diese Möglichkeit der Möglichkeit mit uns macht. Und weil Eins und Zwei für uns nicht mehr möglich sind, weil da schon zu viel ist, wir uns zu oft geküsst haben und viel zu gerne neben- und miteinander schlafen, ist, was bleibt, Tor Drei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich gewonnen oder doch den Zonk gezogen habe. Ich bin kein gebranntes Kind, ich bin kohlrabenschwarz. Und ich weiß nicht recht, ob ich nicht zu Staub zerfalle, wenn ich das nächste Mal berührt werde. Und weil das so ist und weil die Möglichkeit der Möglichkeit eben nur das ist, die Möglichkeit einer Möglichkeit, weiß ich, dass ich das Alles nur können kann, wenn Du ehrlich zu mir bist. Wenn Du mich durch Deine Gedanken leitest, wenn Du sie mir mitteilst und nicht erwartest, dass ich sie Professor-X-esk lesen kann. Vor allen Dingen aber möchte ich wissen, was Dein Zweifelmonster am Liebsten isst, wann sein Hunger am Größten ist und überhaupt wenn und wann es zu murren beginnt. Dann und nur dann, weiß ich, kann ich auf mich aufpassen. Bis auf Letzteres sage ich Dir das. Aber ich weiß auch, dass das komplett gelogen ist. Dass ich nicht auf mich aufpassen werde, weil Du mich in diesem Moment packst und küsst und wir Essen Essen sein lassen, um uns zu spüren und Du mich so fest und sicher hältst, dass meine Ratio resigniert die Schultern hochzieht, weil sie ganz genau weiß, dass sie verloren hat.

792 Stunden früher
Es ist Abend. »Hier.«, sagst Du und hältst das Kabel hoch. Ich gucke Dich an. Du hast mir ein Ladekabel für mein Telefon besorgt und es so gelegt, dass mein Handy auf dem Nachttisch neben Deinem Platz findet und ich mein Ladekabel, das ich nur zu gerne vergesse, so gar nicht mehr mitbringen brauche. Und obwohl das sehr pragmatisch ist, ist das der Moment in dem ich weiß, dass ich mich in Dich verliebt habe. Weil Du mir ein Ladekabel legst. Und weil Du mein Brötchen nimmst und es aufschneidest, weil Du weißt, dass ich es wegen meiner Hitzeempfindlichkeit sonst nur mit den Ärmeln meines Oberteils anfassen kann oder warten muss, bis es ausgekühlt ist. Weil ich meine Füße auf Deinen abstellen darf, wenn wir am Küchentisch sitzen, weil sie, trotz dicker Socken, immer kalt sind. Weil Du zwar ein leidendes Geräusch von Dir gibst, wenn ich besagte Füße unter der Decke zwischen Deine Beine schiebe, um sie zu wärmen, es aber trotzdem jedes Mal wieder zulässt. Weil ich meine Socken anlassen darf. Weil Du mir ein Glas Wasser auf die Fensterbank stellst, damit ich morgens noch vor dem Aufstehen meine Tabletten nehmen kann. Und weil sich die schönste kleine graue Zahnbürste der Welt im Zahnputzbecher an Deine lehnt, um nicht umzufallen.
»Hier.«, sagst Du und hältst das Kabel hoch. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus, reiche Dir mein Handy und denke an Muff Potter: Das könnte was werden, ich könnte ihn lieben.

408 Stunden später
Du möchtest nicht mit. Überhaupt möchtest Du nie mit, wenn ich eingeladen bin. Du kennst unzählige Geschichten zu Menschen, die Du noch nie kennengelernt hast. Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich enttäuscht bin. Ich lade Dich jedes Mal wieder ein, einfach, um Dir jedes Mal wieder zu zeigen, dass Du Willkommen bist und jedes Mal wieder bleibst Du Zuhause. Auch heute. Dabei hätte ich Dich so gerne geküsst, wenn um uns rum die Stadt explodiert. Wenn es knallt und funkelt, glitzert und raucht und nach Schwefel riecht. Wenn sich alle betrunken in die Arme fallen, sich herzen und fremden Menschen auf der Straße Glück zugrölen. Das ist kitschig, ich weiß. Aber, verdammt nochmal, das darf es auch sein. Ich will ja nicht nur um Mitternacht mit meinen Händen Dein Gesicht einrahmen, mich auf die Zehenspitzen stellen und Dich küssen, ich will Dich immer küssen. Ich bin Dich nicht leid, ich kriege nicht genug von Dir. Manchmal muss ich aufstehen, wenn wir frühstücken, weil ich Dir nicht mehr gegenüber sitzen bleiben kann, weil meine Arme zu kurz sind, um Dir von der anderen Seite des Tisches durch die Locken zu streichen.
Aber Du möchtest nicht mit. Nie. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus, schlucke meinen Wunsch hinunter und male mir ein Lächeln mit knalliger Farbe auf meine Lippen. Später werde ich den Wunsch wieder vergessen haben, weil Du die Farbe wegküssen wirst und es mir egal ist, dass wir jetzt nicht mehr Mitternacht, sondern drei Uhr morgens haben. Aber ganz vielleicht ist es auch nur dem Gin egal und ich, ich werfe einen kurzen Blick zu Hoffnung, die den Lippenstift bereithält, um die Farbe neu aufzutragen.

600 Stunden früher
Es ist später Abend und es ist so warm hier drinnen, dass die Scheiben von Innen beschlagen sind. Alle reden durcheinander. Ich habe einen vollen Magen und außerdem einen exorbitant riesigen Hut auf dem Kopf, weil irgendjemand dem Personal Bescheid gegeben hat, dass heute mein Geburtstag ist. Weil ich deswegen auch gleich zwei Bier vor der Nase stehen habe, lasse ich den Hut eine Weile auf, obwohl es sich recht schwierig gestaltet, damit zu trinken.
Du sitzt mir schräg gegenüber und eigentlich hatte ich Dich längst vergessen. Eigentlich haben wir uns nämlich schon einmal getroffen: im Sommer vor über einem Jahr, in einer Küche, die keinem von uns gehörte, mit Kuchen, der uns beiden schmeckte und ein paar Tagen, die Du in meinen Gedanken bliebst. Und im letzten Sommer noch einmal – obwohl ich auch da schon nicht mehr wusste, woher wir uns kannten und bis jetzt brauche, um die Teile zusammenzuführen. Du sitzt mir schräg gegenüber und eigentlich hatte ich Dich längst vergessen, aber jetzt kann ich an nichts Anderes denken, als dass ich Dir gefallen möchte. Aber da ist dieser exorbitante Hut und die Tatsache, dass ich es eigentlich auch bin, auf der Hut nämlich. Aber Du ziehst Deine Brauen hoch und Du lachst und ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und mir rutscht der Hut vor die Augen und ich werde blind.

120 Stunden später
Es ist Abend und wir sitzen nebeneinander. Deine Hand liegt mit so einer Selbstverständlichkeit auf meinem Oberschenkel, dass ich mich gar nicht darüber wundern kann, dass es diesen Moment des vorsichtigen Näherrückens von Beinen, Knie, Händen oder Fingern nicht gegeben hat. »Ist alles okay?«, fragst Du und ich sage »Ja.«, meine aber: »Um Himmels Willen, was passiert denn hier und wieso geht das so schnell und warum stört mich das nicht?!« Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus, drehe meinen Kopf zur Seite und küsse Dich.

2856 Stunden später
Es ist Mittag. Wir reden über alles und nichts und vor allen Dingen das Nichts dröhnt mir in den Ohren. Ich habe geweint. Deinetwegen. Ein ganzes Wochenende lang habe ich geweint. 72 Stunden nachdem ich auf dieser Bank mit den Splittern gesessen habe, hast Du geschrieben, als ob nichts gewesen sei. Ich habe das Spiel mitgeschrieben, verwirrt und mit Hoffnung, die sich nach einer Verirrung sehnt, gesagt bekommen will, dass Dein Zweifelmonster einfach viel zu laut gewesen sei und Du Dich deswegen selbst nicht mehr hast hören können. Und jetzt gehen wir nebeneinander her und ich kann Deine Augen nicht sehen, weil Deine verspiegelten Sonnenbrillengläser es nicht erlauben.
Du fragst nach meiner Arbeit und nach meinen Plänen und erst, als Du Letzteres tust, wird mir bewusst, dass Du das nie getan hast. Mich nach meinen Plänen gefragt. Und nach meinen Träumen. Wir spazieren um den heißen Brei herum, spazieren und spazieren, aber wir kommen kein Stück voran. Ich bin zum Zerreißen angespannt und so angestrengt davon, dass wir nicht weitergehen. Wir setzen uns hin und als das Nichts auch noch zu jaulen beginnt, weiß ich, dass wir so auch nicht weitergehen können und werden. Ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus und stecke Dir den Finger in den Hals, damit die Wortkotze sich in einem Schwall entleeren kann.
Ich fühle nichts. Und alles. Ich warte, bis Du gegangen bist. Dann lasse ich mein Herz zerbrechen.


½ Stunde später
Es ist Nachmittag und ich weiß nicht, wie ich es nach Hause geschafft habe. Ich weiß nur, dass es gut ist, dass ich endlich in meiner Wohnung angekommen bin, denn im nächsten Moment liege ich zusammengekrümmt auf dem Boden und frage mich, was das für Laute sind, bis ich, irgendwo ganz weit weg, realisiere, dass ich diejenige bin, die klingt, wie ein verendendes Tier. Der Schmerz schüttelt und lähmt mich gleichermaßen, lässt mich krampfen. Über meine Wangen laufen Tränen und aus meinem offenen Mund der Speichel. Ich bin mir sicher jeden Moment ersticken zu müssen. Nur die Tatsache, dass ich unaufhörlich wimmern kann, lässt mich begreifen, dass das mit der Atmung doch zu funktionieren scheint. Aber ich will nicht tief Luft holen, will nicht durch die Nase ein und durch den Mund ausatmen – alles, was ich will, ist, dass mein Brustkorb endlich aufspringt, um die Splitter, die mal mein Herz waren, endlich raus zu lassen. Es ist absurd: Alles, wovor Dein Zweifelmonster Dich zischelnd gewarnt hat ist das, was ich jetzt erlebe. Dabei habe ich vor einiger Zeit angefangen aufzuhören zu glauben, dass Du mich fallen lässt. Und ich habe mich dadurch so viel leichter gefühlt.

2976 Stunden früher
Es ist Nacht. Meine Absätze klackern über den Asphalt und während wir die Straße entlanglaufen, berühren sich unsere Arme. Wir haben nur ein kurzes gemeinsames Wegstück, aber wir stopfen es voll mit Musik und Filmen, mit Geschichten und Gelächter. Als wir an der Kreuzung stehenbleiben, drehst Du Dich zu mir und nimmst mich zum Abschied eine Spur zu lange in den Arm. »Sehen wir uns bald?«, fragst Du und ich hole tief Luft, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus. »Ja«, sage ich, »das fänd‘ ich schön.«

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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ganz großartiger Text! Würde ihn auch genauso lassen mit den Zeitsprüngen. Sehr gerne gelesen.

    07.03.2018, 13:42 von smillalotte
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  • 1

    diese starken Zeitsprünge verwirren einen ganz schön...

    03.01.2018, 14:29 von LifeLoveLust
    • 1

      Ist ja auch eine ganz schöne Verwirrung.

      Zur Hilfe: Guck' einfach, ob da "früher" oder "später" steht - ein Folgeabschnitt bezieht sich jeweils auf den vorangegangenen in der Stundenrechnung, nicht auf das Jetzt. Kurz vor Ende habe ich überlegt, ob ich es doch auf das Jetzt beziehe, aber das 1-Punkt-Matheabitur und ich haben uns dann dagegen entschieden.

      03.01.2018, 16:44 von Stjaernaflicka
    • 0

      achso, danke. gut zu wissen. Habe beim lesen das ganze immer aufs "jetzt" bezogen und nicht wirklich verstanden...Trotzdem sind ständig große Zeitsprünge drin und ich frage mich, ob ein bisschen mehr chronologie besser wär`?
      ansonsten spannend geschrieben ;)

      05.01.2018, 09:15 von LifeLoveLust
    • 1

      Ja, wie gesagt: Ich bin da auch drauf gestoßen und werde nochmal drauf rumdenken, wie ich das federn kann. Deswegen danke für das Feedback, es ist gut zu hören, dass etwas, das mir auch in den Kopf kam, tatsächlich doch nochmal  von mir überdacht werden sollte.

      Ich wollte keine Chronologie, weil Erinnerungen nicht chronologisch sind. Und mir geht mir hier um Fragmente und Erinnerungen - und um (Herz)Sprünge. Die können unterschiedlich weit sein und vor allen Dingen mal erfreulich sein und dann auch enttäuschend. Da fand ich eine Chronologie nicht passend. Ich verstehe aber, dass es chronologisch einfacher wäre, dem Ganzen zu folgen.

      Ich freue mich, dass Du Dir die Zeit genommen hast, den Text zu lesen und bedanke mich für die Gedankenanstöße :)

      05.01.2018, 14:32 von Stjaernaflicka
    • 0

      Die relativen Angaben sind wirklich sehr irreführend und hemmen den Lesefluss immens.

      Wenn du sie tauschst gegen konkrete kalendarische Daten (Freitag, 12.03., irgendwann mittags), umgehst du dieses Problem auf einfache Weise und musst den jeweiligen Abschnitt auch nicht mit einer Zeitangabe beginnen. Diese Wiederholungen binden den Text zwar, ermüden aber auch schnell.
      Deine Gliederung ist sicherlich eleganter, funktioniert aber schlecht. Konkrete Daten erfasst der Leser intuitiv, und erfahrungsgemäß erhöhen solche Angaben Spannung und Einlassungsbereitschaft des Lesers auf die Kapitel.

      06.01.2018, 10:58 von JackBlack
    • 0

      Auch Dir danke für Input und Lösungsvorschläge! 


      PS: Ich mag die Harmonie unserer Stinkefinger

      07.01.2018, 15:42 von Stjaernaflicka
    • 0

      Den Text würde ich gerne in geänderter Fassung lesen. So, wie JackBlack geschrieben, ist er mir persönlich auch nicht flüssig genug. Auf mich wirkt er wie ein Katenblatt auf der Hand, welches nach dem Aufnehmen noch geordnet werden muss. Mein Kopf liest schon den nächsten Absatz, während mein Hirn versucht zu ergründen, ob sich der Zeitensprung auf das Jetzt bezieht, oder noch mit dem vorigen Absatz verbunden ist. So verliere ich den Faden.

      Guter Versuch und von der Schreibweise interessant.

      10.01.2018, 18:19 von jetsam
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