Evenstar 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 1

297 - Eine magische Zahl

Der Weg von mir zu dir ist genau 297 Schritte lang. Keine Riesenschritte und keine Zwergenschritte, sondern ganz normale.

Wenn ich sie schnell gehe bin ich drei Minuten vor deiner blauen Haustür. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich den Umriss deines Körpers hinter den blattlosen Bäumen.

Abends, wenn das Licht deiner Nachttischlampe die Dunkelheit dürftig aus deinem Zimmer vertreibt, bahnt es sich den Weg bis zu mir. Ich sitze dann an meinem Schreibtisch und starre in die Bücher, die ich eigentlich lesen sollte, bis die einzelnen Worte und Buchstaben zu einem einheitlichen Brei aus schwarz-weißem Kauderwelsch werden. Immer dann, wenn mein Gehirn wegen chronischer Unterforderung den Betrieb einstellen will, dringt dein schwacher Lichtstrahl an mein Bewusstsein und lässt mein Herz durch die plötzlichen Gedankenströme erzittern. Es zuckt zusammen, verzieht sich schmerzhaft in meiner Brust und knarrt in seinen Angeln. Dieses kleine Licht hinter deinem Fenster erzählt mir, dass auch du noch wach bist. Ich bin nicht der letzte lebende Mensch in dieser Nacht, denn nun sind wir zu zweit. Und die Dunkelheit wird ein bisschen heller.

Wahrscheinlich sitzt du gerade in deinem Bett eingewickelt in deine rot-gelb gestreifte Decke damit die Kälte dich nicht kitzeln kann. Neben dir steht deine Lieblingstasse voll mit vernachlässigtem Tee. Wahrscheinlich ist er kaum angetrunken und schon eiskalt wie die Luft, die draußen an dein Fenster klatscht, weil du – versunken in irgendein Buch – keinen Gedanken mehr an dich und dein Umwelt verschwendest. Vielleicht ist es Kafka, denn seine gedruckten Worte durften zuletzt auf deinem Nachttisch ruhen. Gleich neben der Lampe, zwischen deiner Lieblingstasse und deinem Notizbuch, in das du deine verlorenen Gedanken bannst – ein schöner Platz für ein Buch. Vielleicht der schönste.

Wie immer wird in deiner Stereoanlage deine Lieblings-CD rotieren. Ich stelle mir vor, wie du in diesem Moment zur Fernsteuerung, die auf deinem Polster gebettet ist, greifst und die Lieder Nummer Drei und Vier überspringst. So wie du es meistens tust. „Die machen mich immer so traurig“, höre ich deine oft wiederholte Erklärung durch meine Gedanken hallen. Dabei kratzt du dich immer hinter dem Ohr und deine schmalen Lippen verbiegen sich zu einem verlegenen Lächeln. Dein verlorener Blick und dieses Lächeln haben sich unauslöschlich in meine Seele gebrannt. Ich glaube, seit dem Moment, in dem du Nummer Drei und Vier in meiner Gegenwart zum ersten Mal übersprungen hast, begann ich dich zu lieben.

Ich ertappe mich dabei, wie ich aus dem Fenster starre, durch mein gespiegeltes Häufchen Elend hindurch, zu deinem. Es sind nur 297 Schritte bis zu deinem Haus. Zu deinem Fenster. Darunter ist deine Haustür, die wir im Sommer gemeinsam blau gestrichen haben. Hinter der Tür würden mich nur noch 14 Stufen nach oben von dir und deinem Schlafzimmer trennen. Die Tür wäre wie immer nur angelehnt. „Sonst fühle ich mich so eingesperrt.“ Wieder deine Stimme in meinem Kopf. So selbstverständlich, als wäre sie da immer schon gewesen. Leise hat sie sich in mein Gehirn geschlichen und wohnt jetzt links über meinem Trommelfell. Manchmal kitzelt sie mich. Manchmal flüstert sie etwas in mein Herz. Und manchmal quält sie mich.

297 Schritte, eine blaue Tür und 14 Stufen. Das ist nicht viel. Und doch bist du weiter entfernt, als ich es mir je hätte vorstellen können. Irgendwo auf dem Weg von mir zu dir bist du mir verloren gegangen. Übrig blieb nur noch ich. Nur dein Schatten sitzt manchmal noch bei mir, doch auch er verblasst langsam. Deine Wärme ging mir schon lang davor verloren.

Das Licht in deinem Fenster erlischt und lässt mich zurück in der Dunkelheit meines hell erleuchteten Zimmers. Nur 297 Schritte von mir zu dir und trotzdem darf er jetzt das Licht deiner Nachttischlampe löschen, und nicht mehr ich.

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16 Antworten

Kommentare

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    Es ist vorbei, Du bist nicht wütend und agressiv, sondern bloß voller Melancholie. Das finde ich schön. Es scheint friedlich zu sein in Dir wenn es um ihn geht und das finde ich besonders schön.
    Viel Glück in Zukunft!

    15.03.2006, 14:02 von sternschnuppchen
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    ein toller text...! hat mich total berührt!
    als ich das gelesen hab, hatte ich das Gefühl, als ob ich die Situation selbst schon erlebt hätte. auf jeden fall kann ich das gefühl total nachvollziehen und verstehn. Ich kenne es aus eigener erfahrung und der text spricht mir aus der seele.

    07.03.2006, 21:59 von Die7te
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    Ich kann mich den anderen nur anschließen. Die Geschichte ist wirklich schön geschrieben und man kann einfach nicht aufhören weiter zu lesen..=)

    07.03.2006, 21:11 von Schmunzelhasi
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    Konnte einfach nicht aufhören weiter zu lesen, wobei es vielmehr die Atmosphäre als die Story selbst war, die mich so in ihren Bann gezogen hat.Wirklich sehr schön...

    05.03.2006, 20:20 von Lars.Camera
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  • 0

    Hallo Süße!

    Glückwunsch zunächst zu Seite 1 :o)
    Und: Sehr sehr schöner Text. Schön, dass du wieder in diesem Kreis zu lesen bist.

    Ich grüße Dich.

    Jen

    05.03.2006, 12:57 von KleinJen
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    vernachlässigter Tee, verlorene Gedanken, die angelehnte Tür und die wegen Traurigkeit übersprungenen Lieder. Einfach wunderbar.

    Und dann auch noch 297, eine schöne Zahl. Setzt sich nur aus zwei Primzahlen zusammen. Und dabei sogar noch aus 11 und 3. Tragisch.

    05.03.2006, 11:23 von Haubentaucher
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    das ist so schön....
    mich berührt es, weil es so pur ist, irgendwie so
    aus der seele-toll!

    03.03.2006, 18:43 von naos_cygnus
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    boah.. hier laufen grad ueber stream cranberries und dann das,... *seufz

    echt sowas von schoen... :o
    toll geschrieben. so in details. ich mag das

    02.03.2006, 21:09 von himbeergruen
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    das ist ein echt schöner text.. ich weiß, das habe auch schon viele gasagt.
    aber ich weiß nicht. als ich ihn gelesen habe hatte ich eine gänsehaut.. und irgendwie stiegen mir eben tränen in die angen. weiß auch nicht warum..sie kammen einfach so.
    eigentlich bin ich ja nicht so ein sensiobler mensch, aber der text ging echt unter die haut...echt schön !

    02.03.2006, 19:28 von kiwigold
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    wow...Du schreibst mir aus der Seele. Mein Ex wohnt ungefähr genauso viele Schritte hier im Wohnheim entfernt und ich kann es mir,obwohl die Zeit die Wunde geheilt hat, nicht verkneifen, wenn ich draußen an seinem Zimmer vorbei laufe, zu gucken, ob Licht brennt, mich daran zu errinern, wie wir in der Nacht, in der wir uns kennenlernten vor dem Fenster standen und ich mich entscheiden musste, ob ich jetzt den letzten Bus nehme (damals habe ich noch irgendwo anders gewohnt) oder mit Dir hochgehe...hätte ich damals gewusst, dass ich nicht nur eine Nacht bleiben werde, sondern immer und immer wieder vor Deinem Fenster Deinen Namen rufe würde, dann wäre ich nie so weit gegangen, sondern hätte alleine, aber unverletzt den letzten Bus genommen...

    01.03.2006, 22:43 von La_Wawita
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