seek4happiness 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 25

27 Stunden Liebesintervall.

Zwei Minuten, 214 ausgetauschte Worte, keine Aussage stellen also die letzten 372 Tage des nicht Sehens in Frage?

Versunken in der Schnelllebigkeit des Alltags, mit der passenden Hintergrundmusik im Ohr, laufe ich tagträumend die U-Bahntreppen hoch. Mein Blick schweift parallel zur Treppe leicht nach oben geneigt. Geblendet vom Lichtwechsel erblicke ich eine verwischte unscharfe Kontur – es wirkte wie ein fotorealistisches Bild von Richter. Mit dem nächsten Schritt bekommt die Kontur ein Gesicht. Eva.

Der Moment vor dem ersten verbalen Austausch hat diesen gewissen Zauber, eine Art Poesie für die Sinne. Die Geräuschkulisse vergisst ihre Noten, ich vernehme lediglich die akustischen Wellen deines Wimpernschlags. Objekte verlieren ihre Eigenschaft das Licht zu reflektieren, du brichst die Gesetze der Natur. Der Geruchssinn verliert sich im Bukett des Anderen und zerlegt alle Eindrücke in seine chemischen Elemente. Atmung und Herzschlag ändern ihre Rhythmik und wir beide stehen da – wie im Auge eines Hurricanes.

Meine Wahrnehmung reduziert sich für einen Augenblick auf das zusammenziehen deiner Pupillen, ab jetzt läuft alles wie im Zeitraffer. Smalltalk, du bist in Eile, ich bin verwirrt, unsere Wege trennen sich. Zwei Minuten, 214 ausgetauschte Worte, keine Aussage stellen also die letzten 372 Tage des nicht Sehens in Frage? Während ich noch in Gedanken schwelge vibriert mein Handy in meiner Jackentasche. Du. „Ich will dich wiedersehen“. Wir sehen uns noch am gleichen Abend.

Ich betrete die Bar in der wir uns treffen, mein Bauch vermittelt mir ein Gefühl von Euphorie. Unsere Blicke treffen sich während du deine Zigarette rauchst, du machst das mit einer Grazie ohne gleichen. Wir umarmen uns und du hauchst mir ins Ohr: „Heute will ich nur mit dir sein“ und du bist nur mit mir. Der Abend ist geprägt von Rotwein, alles und nichts sagenden Worten und dem dimensionalen Verlust des Zeitgefüges. Wir sind glücklich.

Es ist vier Uhr morgens, ein wir sollten jetzt nach Hause gehen liegt in der Luft. Ein wir möchten aber noch nicht widerspricht dem, dennoch trennen wir uns vor der Bar. Eine lange Umarmung ohne Worte besiegelt den Abschied, ich zögere drehe mich um und gehe schließlich. Ich fühle wie du stehen bleibst – wir beide wissen, dass der Zufall bestimmen wird wann wir uns wiedersehen. Kaum auf der anderen Straßenseite angekommen rufst du mich bei meinem Namen. Du überquerst in einem waghalsigen Akt die Straße und küsst mich stürmisch, wir konnten das schon immer sehr gut.

Der Rest der Nacht gehörte nur uns, am Morgen endet unser Intervall. Alles was bleibt ist eine Erinnerung an 27 Stunden Liebe und dein Geruch in meinem Bett – bis zum nächsten Mal. 

Jedes unserer Treffen verläuft nach einem vordefinierten Schema ab, aber wir finden immer einen Grund aus dem Intervall keine Versuch zu machen – Timing.   


Tags: Timing, Momentaufnahme
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