FraeuleinEigenbrot 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 6

20 Quadratmeter

Es könnte so einfach sein, wenn du mich nicht alleine gelassen und alles, was wir hatten, in den Müll gekippt hättest.

„Vielleicht sind zwanzig Quadratmeter zum Träumen zu klein“, mutmaßt Casper auf seinem neuen Album. Es ist kaum ein Jahr her, da wäre dieser Satz unbemerkt an mir vorbeigerauscht, geradewegs durch die Abdeckungen der lädierten Boxen deiner Stereoanlage, durch die papierdünne Wand hinweg zu den neuen Nachbarn, die sich Nacht für Nacht ziemlich Heftiges lieferten und offensichtlich nicht damit klar kamen, ihre beiden Leben in einer zugigen Einzimmerwohnung mit Kochnische und Miniaturbad in Gleichschritt zu setzen.

Es ist ein Jahr her, da hätte ich diesen Satz als bloßen Bestandteil eines Songs betrachtet. Jetzt ist er mit einem Mal zur absurden Wahrheit geworden, zum festen Bestandteil meiner Realität, zum Hintergrund für mein komplettes Handeln und Denken der letzten Wochen und Monate.

Du bist weg und ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll.

Neben wem putze ich mir morgens die Zähne, wen rufe ich an, wenn ich im Büro nichts zu tun habe, für wen mache ich sonntagnachmittags Frühstück, wer wechselt von nun an meine Sommer- und Winterreifen, bringt mir Schokolade von der Tankstelle mit, macht mir neue Marmeladengläser auf und sagt mir, dass ich schön bin und mein Hintern in dem Kleid keineswegs zu breit aussieht? Wen brülle ich an, wenn ich Dampf ablassen muss und bei wem entschuldige ich mich hinterher? Mit wem freue ich mich über neue Musik und diskutiere über Filme, wer erinnert mich daran, neue Glühbirnen zu kaufen, wer massiert mir den Rücken und wer ist mein Ansporn, nicht jeden Sonntag vergammelt im Bett zu verbringen.

Wer erträgt mich mit all meinen Eigenheiten und nimmt mich so, wie ich bin? Wer, wer, wer, wer. Wer liebt mich, verdammt? Und wer bringt mich dazu, ihn zu lieben, an mir zu arbeiten, besser, stärker, schöner sein zu wollen? Wer, wenn nicht du?

Es könnte so einfach sein, wenn du noch hier wärst, wenn du mich nicht alleine gelassen und alles, was wir hatten, in den Müll gekippt hättest. Wie den Inhalt eines vollen Aschenbechers oder den verfickten Rest eines labbrigen Cheeseburgers.

Gott, diese Cheeseburger. Andauernd hast du die gegessen, in rauen Mengen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und dabei einfach nicht zugenommen. Es hat mich zur Weißglut gebracht, dir dabei zuzusehen und davon allein schon ein halbes Kilo mehr auf die Waage zu bringen.

Du hast mich so oft zum Rasen gebracht und selten zum Rasten, wenn du mal wieder vergessen hast zu erwähnen, dass mein Hintern in dem Kleid nicht zu breit aussieht. Wenn ich dich zum achtzehnten Mal daran erinnern musste, meine Reifen zu wechseln und immer noch nichts passiert ist. Wenn du meine Musik nicht ernst genommen und dich beschwert hast, dass die Schokolade an der Tanke viel teurer ist, als bei Lidl und Edeka. Wenn du nach dem Zähneputzen deine Spucke nicht aus dem Waschbecken gespült hast und nicht ans Telefon gingst, wenn mir im Büro die Decke auf den Kopf fiel. Wenn angeblich du zu müde warst, um meinen Rücken zu massieren und zurückgeraunzt hast, wenn ich frustriert war, anstatt nach dem Grund zu fragen. Wenn du vergessen hast, mich dran zu erinnern endlich Glühbirnen zu kaufen oder den ganzen Sonntag vergammelt im Bett verbracht hast. Einzig die Marmeladengläser hast du mir geöffnet, und zwar jedes einzelne Mal. Das vergesse ich nicht. Aber vielleicht kann ich das eigentlich auch selbst, wenn ich sie umdrehe und lange genug hinten draufhaue.

Du bist weg und ich glaube, ich komme in Zukunft auch ohne dich klar. Ohne volle Aschenbecher und fettige Cheeseburger.  Vielleicht mache ich mir nachher noch einen Salat.

Aber deine rauen Hände um meine, die vermisse ich wirklich, wenn ich abends einschlafe. Die Unbefangenheit, die mit fortschreitender Zeit entsteht und die Scheu nimmt, Dinge auszusprechen, denken zu können, was auch immer mir in den Sinn kommt und mit dir darüber zu reden und immer, immerzu auf Verständnis zu treffen – oder zumindest auf ein offenes Ohr. Das war mit dir so einfach.

Du bist weg und ich glaube, das Gefühl der Heimatlosigkeit wird noch eine ganze Weile bestehen bleiben. Es wird ein Weilchen dauern, bis ich mich wieder darauf freuen kann, von der Arbeit heim zu kommen und bei dem Wort „Zuhause“ nicht automatisch an dich denken muss. Und nur für den Fall, dass du es dir anders überlegst: Du hast das mit den Marmeladengläsern wirklich toll gemacht … Da kann so schnell kein anderer mithalten. Komm zurück. 

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3 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Nicht einfach, wenn aus Zweisamkeit Einsamkeit wird.

    01.02.2014, 00:26 von Cyro
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  • 1

    Sehr schön geschrieben, du kommst jedoch auch ohne ihn klar. Mach was mit Freunden und hab Spaß, anstatt zu Hause zu sitzen und jemandem hinterher zu weinen, der dir früher immer deine Marmeladengläser aufgemacht hat. Das kannst du auch! ;) Viel glück dabei :)

    31.01.2014, 18:57 von _gedankengut_
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  • 1

    Wunderschön.

    31.01.2014, 18:04 von petitemademoisellefrancaise
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