16 Minuten mehr mit dir
There are different wells within your heart. Some fill with each good rain, Others are far too deep for that
Keiner mag Abschiede. Ich hasse, dass man sie meistens nicht bewusst erlebt. Plötzlich stehst du da und fragst dich, was du anders gemacht hättest, hättest du gewusst, dass du denjenigen oder diejenige zum letzten Mal siehst.
Wir beide hatten zusammen einige Abschiede: plötzliche, dramatische, resignierte, wütende, schließlich freundschaftliche. Eigentlich habe ich nicht mehr geglaubt, dass wir uns jemals ganz verlieren würden.
Die Frage bleibt die gleiche. In
Gedanken gehe ich immer wieder unser letztes Treffen durch und suche
den Fehler, suche das, was ich übersehen habe.
Du hattest dich
geziert, dich mit mir zu verabreden. Ich habe dich genötigt, habe
dir gesagt „dass du da so nicht raus kommst, Freundchen“. Du
sahst gut aus, der elendige Bart war ab. Du hast seit Wochen keinen
Alkohol mehr getrunken, erzähltest du, treibst jeden Tag Sport und
isst gesund. Ich freue mich für dich.
Du gehst mit mir shoppen, trägst meine Tüten, wir plaudern. Du bist erstaunlich albern. Ich bin froh, dass es dir so gut geht. Schließlich bringst du mich mit der Bahn nach Hause. War es das? Hätte ich es merken müssen? Du wolltest nicht gehen...
Was hätte ich anders gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass ich dich zum letzten Mal sehe? Ich hätte mit dir zusammen auf deinen Bus gewartet. 16 Minuten mehr, mehr mit dir. Ich hätte neben dir gesessen, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien und hätte dir zugeschaut, wie du mit deinem Handy spielst. 16 Minuten. So haben wir uns nur umarmt, etwas länger als normal und haben Grüße an zu hause ausgerichtet für eine Sekunde glaubte ich,du wolltest mich küssen.
Was ich dir gesagt hätte? Vielleicht das:
Danke für FB-Nachrichten morgens nach
dem Aufwachen, für 20.30 Uhr-Telefonate und dafür, dass der
Zahnpastafleck auf deinem Schuh bleiben durfte. Danke für Deiche,
Möwen, Schafe und verregnete Nachmittage im Auto,
Undercover-Hagebaudates. Saltimbocca und Kochwein, Salbei auf meiner
Fensterbank und Petersilie in einer Gefriertüte in meinem
Kühlschrank. Danke für Rotwein im Bett, Best-naked-buddies, für
Pizza essen mit Geschichten über scharfe Chilisaucen. Danke für
Planetarien und die Band Yello. Für Segelboote und Rapsfelder an der
Schlei, Strände und Grillplätze, Fähren und Klappbrücken,
Fischbrötchen, Steinbeißer und Getränkeflaschen in unaufgeräumten
Autos. Orangenlimonade und Butterkekse, die Symphonie eines
Meeresrauschens, Leuchttürme. Danke fürs Steine flitschen, Helge
Schneider auf einem umgedrehten Baum, Sundowngrillen, "Alle
macht geht von Volker aus", für Neujahrsbärte, Kartoffelsalat
ohne Mayonnaise, Einweggrills, die nicht zünden, Zwiebelbaguettes
und Astra-Alsterwasser in Dosen- gekühlt im Handschuhfach, das ist
ja wichtig!
Danke für Schlosspark-Sparziergänge und die Decke
am Straßenrand und sich gegenseitig nach Zecken abzusuchen und
dafür, dass Tomaten nicht in den Kühlschrank gehören.
Danke für
französische Schwarzfederhühner, Maishühner und ökologisches
kochen.
Speicherstadt und Hafencity, Amandus Zuckerspeicher,
Perserteppiche, Thymian, Beifuß und Maissalat mit American Dressing,
eine Zugfahrt mit zwei Möpsen. Ein Orgelspiel im Michel und
unzählige Stufen nach oben, chinesisches Essen auf der Schanze, eine
Kiez-Tour im Auto, Sex in einem Tonstudio, für Elbvororte und Äpfel
im Alten Land.
Danke für Cola und Fanta und ein Tagebuch an der
Fähre in Wischhafen, danke für Ikea, Weingläser und
Gefriertüten.
Danke für Reden bis morgens um 5 Uhr, dein Gesicht
ganz nah an meinem - morgens nach dem Aufwachen, "Guten morgen"
und lächeln.
Danke für "Naa?" nach zweimal klingeln,
für "mach dir einen schönen Tag", "Bis bald"
und "Liebste". Für Säugetiermassagen, alles, was du mir
so gönnst, für "Ich muss kacken, bevor ich morgens das Haus
verlasse" und geplante Verschickungen zur brasilianischen
Botschaft nach Berlin.
Tee und Croissants im Bett und Morgensex,
Lily Allen und Edith Piaff, beinahe Rehunfälle auf kurvenreichen
Strecken, für Nichtenfotos und Elternhäuser.
Danke für Küsse
auf die Stirn, für deine Liebe und dafür, dass ich für eine kurze
Zeit keine Option sein musste. Danke für Gitarren-Freunde und
Pflaumenkuchen, Klaviermusik um Mitternacht, Spiegel offline,
Fensterfronten mit Blick auf den Hafen, ein hässliches Sideboard und
eine verregnete Nacht auf einer Matratze. Kerzenlicht auf der
Fensterbank, Love actually und Playing by heart, Loriot, Musikhören
und Bier trinken auf dem Sofa. Danke für "Ich müsste mal
dringend wieder..." und es trotzdem nicht tun, fürs Gras
ausrupfen und für "Warte, dass muss ich mal eben bei Googlemaps
nach schauen...".
Danke für Schüttelreime, ungewöhnliche
Ortsnamen, das Bekennen zur Farbe blau für Zahnbürsten und
Handtücher, für Musik, die Gänsehaut hervorruft.
Danke für
dein Vertrauen, deine Liebe und deine Freundschaft.
Danke für „welcher Ton ist das?“ , für Weihnachtsmarktbummel und Rotwein in deiner Badewanne.
Für „Ziemlich beste Freunde“, Urlaubsplanungen. Tee, der etwas nach Gulasch schmeckt und Puppenhausbasteleien.
Eine Nacht voller Sternschnuppen am
Strand und ein Steg ins Nirgendwo.
Danke für Nylonstrumpfhosen,
für sanfte Worte nah an meinem Ohr, nackt und eng umschlungen.
Danke
für türkise T-Shirts und 5-Tage-Bärte, für
Weißnäschen-Geschichten, pädophile Zahnputzlieder.
Für
"wundervoll", "unglaublich" und allem voran
"großartig".
Danke für Eisessen, Flugzeuge schauen und zählen, wie oft man schon geflogen ist. Für Tierparks und Waldspaziergänge und Eicheln für die Rehe.
Danke für eine Segellektion und Zwiebelkuchen mit deinen Eltern. Danke für deine Eltern!
Ein verregneter Nachmittag im Ferienhaus, als ich mich am Ende fühlte. Scrabble vorm Kamin, nackt und in Decken gehüllt und ein 2 Stunden-Dinner à la Julia Child.
Danke für Jason Mraz, dafür dass dich
meine Spontanität begeistert hat und für Jazzplatten und eine
Matratze vor dem Ofen. Danke für Haarforum.de und die Klärung der
Frage, auf welcher Seite Hitler seinen Bart getragen hat.
Danke
für so viel was ich noch tun und erleben möchte, für die Erfahrung
zu lieben ohne Berechnung, dafür, dass du auch mitten in der Nacht
mein Freund warst und dafür, dass wir immer auf gleicher Augenhöhe
waren.
„Hast du gewusst, dass es ein Abschied ist?“, frage ich dich in Gedanken.
Du schweigst.
„Warum hast du mir
nichts gesagt?“
“Ich dachte, es müsse auch mal um dich gehen“
“Aber wenn du mir etwas gesagt hättest, dann hätte ich vielleicht etwas besser machen können!“
Du schweigst.
„Wir hätten
zumindest einen wunderbaren letzten Tag haben können“
“Aber den hatten wir doch!“
Ich nehme mein Telefon in die Hand, deine Mailbox springt sofort an, als ich deine Nummer wähle. „Hallo, hier ist die Mailbox von...“ Noch einmal deine Stimme hören. Ich muss weinen.
Ich schreibe dir eine letzte sms, niemand wird sie je lesen: Du fehlst mir, Scheißkerl...
Und eine allerletzte: Ich liebe Dich, du Bastard :)
Tags: Abschied nehmen




Kommentare
Sehr schöner Text.
11.08.2012, 08:32 von Jackie_Grey