Hazeline 18.09.2009, 20:23 Uhr 10 11

15 Minuten

Es gab eine Zeit, da war mein Leben schön und aufregend, so glaubte ich zumindest. Jetzt nicht mehr.

Es ist einer dieser Momente, in denen das Leben richtig weh tut, wo es von innen ganz langsam und eindringlich schneidet, ich glaube keine Luft mehr zu bekommen und das Gehirn sich taub anfühlt. In diesen Augenblicken bin ich schier verzweifelt, obwohl das eigentlich noch zu milde ausgedrückt ist, glaube nicht mehr an Gott oder nur dann. Ohnmacht macht sich langsam breit und nistet sich ein. Ich möchte, dass dieser nagende Schmerz im Inneren aufhört, nur aufhört.

Ich kann es kaum ertragen hier zu sitzen und zu warten. „15 Minuten, dann wissen Sie es“, sagte sie, rauschte davon und ließ mich hier alleine zurück. Der Umstand, dass ich alleine bin, ist allerdings das einzig Positive an der ganzen Situation, denn Menschen könnte ich jetzt nicht ertragen. Ich könnte es nicht ertragen in ihre dummen, ausdruckslosen Gesichter zu blicken und dahinter keine Substanz, keine Gedanken und Gefühle mehr zu sehen, nur eine tote Masse, so ist es leider bei den meisten. Sie leben einfach, Tag für Tag und immer weiter. Sie finden sich ab mit ihrer Arbeit, ihrer Ehe, ihren Kindern, ihrem Leben, lechzen nicht nach mehr, spüren nicht die Vielfalt und merken doch ganz tief drinnen, dass sie unglücklich sind, traurig und einsam.

Ich dagegen liebe und lebe die Vielfalt des Lebens, versuche immer alles in mir aufzusaugen, jeden Moment zu genießen und alles intensiv zu erleben. Vielleicht wird mir genau das, die Liebe und Leidenschaft für das Leben, heute zum Verhängnis, wer weiß...noch 10 Minuten, ich warte.

Meine Gedanken gleiten weiter, und ich frage mich wann ich mich das letzte Mal so elend, so machtlos, so einsam gefühlt habe wie jetzt. Ich muss nicht lange überlegen. Viele Situationen kommen mir in den Sinn, von Traurigkeit zerfressene Momente, in denen ich keinen Halt mehr hatte. Ich denke an Tage, die viel zu langsam vergingen und mich quälten mit ihren Stunden. Die Zeit fühlte sich an wie zähflüssiges Wachs auf meiner Seele. Eine klebrige Substanz, die jede Art von Bewegung hemmte. So vieles hat hässliche Narben hinterlassen, dicke wulstige Narben, die niemals ganz verschwinden werden und mich immer erinnern an diese Momente der Ohnmacht.

Doch kein Augenblick war so elendig verseucht von Angst, von Todesangst, wie dieser. Ich habe einen schalen Geschmack im Mund und verspüre den Drang mich auf den Boden zu werfen, mich vor Schmerz zu winden, zu schreien, zu weinen und das Geräusch von zerreißendem Stoff zu hören. Ich möchte mir selbst und anderen weh tun, ich will die Welt verantwortlich machen für meinen Schmerz, obwohl ich genau weiß, dass es nur meine Schuld ist, meine ganz alleinige Schuld. Diese Erkenntnis ertrage ich kaum. Ich werde fast wahnsinnig, habe das Gefühl die Kontrolle zu verlieren, merke wie meine Sinne beinahe schwinden. Ich gucke auf meine Uhr, noch 5 Minuten, ich warte stumm.

Ich war immer auf der Suche nach Erfüllung und letztendlich nach der Liebe, so abgedroschen es sich auch anhören mag. Doch ich habe immer nur das Falsche gefunden, war nie bei mir selbst, hatte eigentlich schon aufgegeben, weil ich dachte, dass mich nie jemand glücklich machen wird, weil ich es nicht zulassen kann. Zu viele Enttäuschungen, zu viele missglückte Beziehungen oder so etwas Ähnliches. Dieses kurze aufkeimende Glücksgefühl nach einer Nacht mit einem mehr oder weniger schönen Mann war es, wofür ich lebte. Alter egal, Charakter egal, gezählt hat für mich immer nur die Nähe, die vermeintliche Nähe zu einem wildfremden Menschen, andere würden es vielleicht die Sucht nach Selbstbestätigung nennen. So lebte ich ziemlich lange und dachte ich sei glücklich, doch manchmal schlich sich für ganz kurze Augenblicke so etwas wie Einsamkeit oder Trauer in mein ach so unabhängiges, freies Leben. Ich ließ diese Gefühle nicht zu und machte weiter, lebte weiter mein einsames Leben, um das mich viele beneideten, zu Unrecht, wie ich nur zu gut wusste.

Mit der Verhütung nahm ich es nie genau, ich nahm die Pille, das reichte. Ich hatte immer größere Angst davor schwanger zu werden als mir irgendetwas einzufangen, warum, kann ich nicht sagen. Heute denke ich, vielleicht wollte ich mich insgeheim für mein Leben bestrafen, das ich führte, und vielleicht auch die Männer, die genauso lebten. Vielleicht konnte ich es nicht ertragen, dass es mir Spaß machte mit Männern zu schlafen, die ich nicht kannte und auch nie kennen lernen würde und trotzdem mit ihnen das Wertvollste, das ich besitze, teilte. Vielleicht wollte ich mir selbst damit zeigen, dass es doch alles nicht so einfach war, wie es sich darstellte.

Es blieb immer ein Restzweifel, ob es dieses Mal vielleicht schief gegangen war. Doch ich verdrängte diese Gedanken. Spätestens, wenn ich betrunken im Arm eines mindestens genauso betrunkenen Mannes lag und wir im Taxi zu ihm nach Hause fuhren. Dann hatte ich meine Trophäe für diesen Abend wieder einmal gewonnen. Noch 3 Minuten.

So ging es weiter bis sich von einem Tag auf den anderen alles komplett veränderte. Es geschah das Unmögliche, meine zerstörerische Suche hörte auf, ich war endlich angekommen, es passierte einfach so, ich fand sie: die Liebe. Ich war wieder auf Streifzug und wollte die Nacht wie gewöhnlich im Bett eines Unbekannten beenden. Ich unterhielt mich lange mit ihm, für meine Begriffe zu lange, das war ich nicht gewohnt. Meistens kamen meine Bekanntschaften ziemlich schnell zur Sache, zahlten unsere Getränke, um endlich gehen zu können. Doch nicht so dieses Mal. Als ich dann irgendwann erste Andeutungen machte, blickte ich in traurige, enttäuschte Augen. Er wolle nicht mit mir schlafen, sagte er, sondern mich kennen lernen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, fühlte mich ehrlich gesagt gekränkt und nicht etwa geschmeichelt wie jede andere halbwegs vernünftige Frau.

So fing unsere Geschichte an. Wir trafen uns oft und lernten uns kennen. Ganz langsam und behutsam öffnete sich mein verkapseltes Herz, und ich erinnerte mich mit der Zeit wieder an das Gefühl frei atmen zu können. Mit den Gefühlen kamen auch die Gespräche, ich erzählte ihm nicht alles, das hätte er nicht ertragen, aber viel, sehr viel. Ich war so ehrlich wie noch nie zuvor. Ich erzählte ihm von meiner Suche nach Nähe, davon, dass ich mich nie schützte, dem Gefühl der Einsamkeit und der Angst. Er gab mir keine guten Ratschläge, es hagelte keine Vorwürfe, er hielt keine Moralpredigten, er hörte mir einfach zu und nahm mich in den Arm, aber er blieb hart, auch noch nach mehreren Monaten. Wenn das mit uns eine Zukunft haben sollte, dann müsste ich einen Test machen, vorher würde er nicht mit mir schlafen, so sagte er es, und so meinte er es auch.

Ich brauchte lange, um überhaupt zu realisieren, in welche Gefahr ich mich selbst und andere gebracht hatte, wie schlecht ich mit mir umgegangen war, und dass ich vielleicht im Begriff war den Mann, der als einziger zu mir hielt, wieder zu verlieren. Ich hasste mich so sehr, dass ich mehrere Wochen lang handlungsunfähig war. Ich saß ohnmächtig da und weinte, oft leise, manchmal laut, starrte an die Wand und hasste mich noch mehr. Doch er hielt weiter zu mir und wir kämpften jeden Tag zusammen gegen den unglaublichen Schmerz und die große Angst an. Noch eine Minute.

Ich frage mich gerade das erste Mal, was ich mache, wenn das Ergebnis positiv ist. Ich weiß es nicht. Ich weine stumm.

Ich werde aufgerufen, gehe in das kleine Besprechungszimmer und setze mich. Ohne Umschweife sagt sie: „Es tut mir sehr leid, das Ergebnis des Schnelltests ist positiv.“ Ich spüre nichts, kein Ton kommt aus meinem Mund, kein Gefühl regt sich in mir, nichts, Leere.
Ich gehe hinaus auf die Strasse und lasse mein Handy die mir wohl bekannte Telefonnummer wählen. Ich höre seine tiefe Stimme am anderen Ende.

Ich sage: „Negativ“.

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Kommentare

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    Richtig!

    28.10.2009, 10:56 von Hazeline
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    Zitterzeilen, Angstschweißtext, ein Zerplatzen in der Nähe jedes Wortes.

    26.10.2009, 20:42 von what_if
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    Wahnsinniger Text, sehr gut geschieben, ich bin beeindruckt!

    21.10.2009, 22:41 von Plutarch
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    vielen dank! freut mich sehr, dass der text dir gefällt.
    eigentlich habe ich es so gemeint, dass sie ihren freund anlügt, um ihn nicht zu verlieren und ihm endlich nahe sein zu können.
    aber es sind natürlich verschiedene deutungen denkbar.

    19.10.2009, 18:02 von Hazeline
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    Hm,.. ist es nun so gemeint das sie ihren Freund belügt, dann wäre es unfassbar..oder versteht sie das Ergebnis falsch,..dann ist das Ende irgendwie erleichternd..oder.. es ihr nun sowieso egal und sie belüt sich und ihren Freund?

    Sehr schöner Text, ich saß am Ende kurz sprachlos da
    ..

    19.10.2009, 17:48 von VanilleSchaum
    • 0

      @VanilleSchaum oder sie will es nicht wahr haben und um die Sehnsucht nach Nähe zu stillen sagt sie ihm "negativ" um diese eine Person die sie wirklich liebt das eine mal ganz nah zu spüren?

      verwirrend..

      19.10.2009, 17:49 von VanilleSchaum
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  • 0

    krass.man sieht das ende kommen.das ist ein wirklich eindringlicher text.empfehlenswert

    27.09.2009, 14:47 von ParticularlyPeculiar
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  • 0

    Eigentlich beschreibst du in deinem Text doch einen entscheidenden Wendepunkt in deiner Selbstwahrnehmung, die nur zum positiven führen kann. Weshalb aber der einleitende Satz, dass das Leben nun nicht mehr aufregend und schön sei? Eigentlich sollte es jetzt richtig los gehen!

    23.09.2009, 17:26 von King-Lube-III
    • 0

      @King-Lube-III ???

      Nachtrag am 27.09.2009 - 14:17 Uhr:

      25.09.2009, 15:31 von Hazeline
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