Nutellasaft 01.11.2014, 22:40 Uhr 3 26

12 Monate

Das Wissen um die Sterblichkeit und der Tod sind zwei paar Schuh.

Mein Blick fällt auf das Display meines Handys als ich wenige Minuten vor meinem Wecker erwache, was in diesem Zimmer einer doppelten emotionalen Folter gleichkommt, erste Folter: das Aufwachen seit einem Jahr an sich, verbunden mit dem täglichen realisieren dass du nicht mehr da bist, zweite Folter: in deinem Haus aufzuwachen, umgeben von all den Dingen die dich noch in sich tragen. 

Ich hole tief Luft, stehe auf, richte mir das inzwischen viel zu weite T-shirt und gehe ins Bad. Länger als nötig stehe ich unter der Dusche, lasse sich den Raum mit Dampf füllen und das Wasser auf meinen Kopf prasseln, das aufklatschen des Wassers auf meinen Haaren innerlich zu einem solchen Lärm werden dass er meine Gedanken übertönt. 
Nach einem kurzen Klopfen betritt Opa das Bad, öffnet ein Fenster und verabschiedet sich bevor er zum Bäcker fährt, seine neue Marotte, seitdem du weg bist, um den Tag irgendwie zu beginnen, was ihm mit der Zeit zum Glück leichter fällt. Bei seinem Anblick hättest du dich erschrocken, so wie bei meinem auch, mit gespielter Entrüstung und Wut hättest du uns zurechte gewiesen bevor du in der Küche verschwunden wärst um etwas zu kochen.
Der Wasserdampf hat sich gelegt und so sehe ich mich deutlich im Spiegel, die Rippen und Schlüsselbeine hervorstehend, das Gesicht blass und fahl und geschmückt mit tiefen Augenringen.
Ich hasse die Morgende denn an ihnen realisiere ich immer wieder aufs neue das du weg bist, doch diesen heute hasse ich umso mehr. 
Genau 1 Jahr , 12 Monate , 52 Wochen , 365 Tage und viel zu viele Stunden sind vergangen, im großen Lauf der Zeit, im allgemeinen Alltag nicht viel- objektiv betrachtet. Subjektiv betrachtet ein langer und quälender Zeitraum, gefühlt wie eine Ewigkeit. Eine Ewigkeit in der ich mich emotional von der Welt abkapseln konnte, alleine mit meinem Schmerz und meiner Trauer sein konnte, mich von meinen Erinnerungen an dich nähren konnte. 
Während ich Kaffee koche und den Tisch decke wird mir klar das ich diese Trauer nicht teilen will, nicht teilen kann. Ich weiß das nicht nur ich dich verloren habe, jeder von ihnen, Kinder, Schwiegertöchter und -söhne, Enkel, Geschwister hat dich verloren. Jeder auf seine Art, so ist auch jeder genau wie ich alleine mit seinem Schmerz. 
Du hast mir viel erzählt über deine Idee vom Sterben und vom Tod, wir wussten von Anfang an dass wir sterblich sind, du eher als ich aber am Ende gleich. Doch bereitet einen das Wissen um die Sterblichkeit nicht auf den Tod vor, bereitete es mich nicht darauf vor, nicht auf den Schmerz, die Leere, die Wut und Verzweiflung, nicht auf das Kämpfen um wieder auf die Beine zu kommen. 
So sitze ich mit 12 Man am Tisch, frühstückend über Banalitäten redend, jeder gefangen in seinen Erinnerung an dich. Auf dem Weg zur Kirche in der die Andacht stattfindet spüre ich wie Opa an meinem Arm jeden Schritt langsamer, bewusster setzt, er schaut sich um und bemerkt wie sehr doch sogar eine simple Straße mit dir verbunden ist, wie vieles vorher unbeachtetes diese Häuser mit dir und ihm verbinden.
Du hättest uns gedrängt zügiger zu gehen, uns nicht so zu quälen, aber vielleicht brauchen wir, brauche ich genau das um das Gefühl deiner Gegenwart, deines real gewesen Seins aufrecht zu erhalten. 

Die Kirche ist voll mit Leuten deren Gesichter mir auch beim fünften mal umdrehen nicht bekannter vorkommen wollen, alle tragen sie anstandshalber schwarz, du wärst dankbar und hättest dich gefreut dass sie alle hier sind, einerseits bin ich das auch, ihnen dankbar dafür das sie dein Leben bereichert haben, andererseits möchte ich sie nicht hier haben, besonders deutlich spüre ich das als ich als letztes meine Rede halte, mein Blick schweift sie nur kurz, mein Magen krampft sich zusammen während meine Augen unaufhörlich von Tränen gefüllt werden, ich stelle mir vor wie du neben mir stehst, meine Hand festhältst bis ich fertig bin, wie früher immer wenn ich als Kind angst vor etwas hatte. Das Gefühl diesen erneuten Abschied von dir nicht für mich zu haben schnürt mir die Kehle zu, ich teile Erinnerungen mit mir Fremden, Leuten mit denen ich sie nicht teilen will, es scheint sobald ich diese formuliert und laut ausgesprochen habe, verlassen sie mich ein Stück, werden von etwas das ich lebendig erhalten habe in mir drin zu etwas das vergangen ist, nicht mehr ins Heute gehört.

Während dein alter Chor noch einige Lieder singt, scheint es als hättest du mir an diesem Tag deine letzte Lehre geschenkt- die Sterblichkeit ist eine Tatsache, neutral und ohne größere Bedeutung, sie ist wie atmen und geboren werden, ein fester Bestandteil des Seins. Der Tod hingegen ist ein Abenteuer, ein Kampf, eine Erinnerung an die Endlichkeit und Schönheit vor allem aber ist er eine Herausforderung für die, die ihm begegnen. 

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3 Antworten

Kommentare

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    Ich mag den Text! Ich habe vor einiger Zeit ebenfalls einen Menschen  verloren, den ich liebte. Ich finde du hast ein paar Dinge sehr gut beschrieben, was das ganze authentisch macht. Ich kann nachempfinden wie es ist, Tag für Tag aufzuwachen und zu realisieren, dass es X nicht mehr gibt, ich kann nachempfinden wie man für sich trauern möchte und es einen wirklich ankotzt wenn andere diese Trauer " stören" . Ich kann auch aber diesen Moment der " Erlösung" nachempfinden der sich dann   irgendwann einstellt, doch traurig bin ich trotzdem weiterhin, auch wenn es weniger wird. 




    12.11.2014, 22:12 von Jeder-von-uns-ist-Kunst
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    Ich bin dem Tod schon öfter von der Schippe gesprungen. Aber wirklich Angst vor dem Nichts habe ich nicht. Ich habe nur Angst eine Diagnose zu bekommen die absolut ist.

    05.11.2014, 11:57 von DeeplyHi
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    Berührend...

    04.11.2014, 23:19 von Lauralei
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