Dropsknopf 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Zwiebelfisch.

„Ich bin ein Zwiebelfisch“, sage ich plötzlich und rülpse leise in die Verwirrung. „Was ist ein Zwiebelfisch?“, fragt sie kichernd.

"Umgangssprachlicher Begriff (...) für gedruckte Buchstaben innerhalb eines geschlossenen Schriftsatzes, die fälschlicher Weise aus einer anderen Schriftgattung, Schriftart, Schriftgarnitur oder Schriftschnitt stammen."

(Typolexikon.de)

Wir sitzen hier zusammen, schon das dritte Glas Wein. Die Worte perlen schon ein wenig schal über die Lippen, die Herzen schon ein wenig zu offen. "Ich bin ein Zwiebelfisch", sage ich und rülpse leise in die Verwirrung. "Was ist ein Zwiebelfisch?", fragt sie kichernd, und "würde ich nicht probieren." hinterher. Alle lachen. Ich starre. Aus dem Fenster, auch wenn man nichts sieht, weil es schon spät ist, vielleicht zu spät. Zu spät um alles das zu machen, was ich mir vorgenommen habe, damals. Die Abenteuer, die Reisen, das sich trauen, das keine Angst haben. Und eigentlich habe ich Angst. Und eigentlich traue ich mich nicht. Zu Hause ist es sicher, da bin ich stark und selbstbewusst. Da bin ich wie alle anderen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe nichts. Ich schaue in meine Zukunft und sehe nichts. Alles dunkel, alles unbekannt. Angst, Abenteuer, Angst, Abenteuer, Angst, Angst, Angst,...

"Weil ich nicht hierher gehöre.", flüstere ich. Alles dreht sich als ich aufstehe und dann drehe ich mich. Zeige auf alles, zeige auf mich. "Ich muss woanders hin. Guckt mich an, hier ist nicht, wo ich sein sollte." Und schockiert gucken sie mich an, glubschen die Augen hin und her zwischen mir und ihnen. "Du bist ja besoffen!" Ja, ich stürze ab. Ja, ich muss endlich wieder nüchtern werden. Meinen Kater am anderen Ende der Welt ausschlafen. Ich gucke sie an, meine Liebsten, meine Besten, meine kleine heile Welt, die Zuhause ist und Frieden und Glück. Ich liebe euch, denke ich, aber ich bin nicht wie ihr. Ich bin nicht zufrieden mit dem Spatz in der Hand. Ich will den Papagei auf dem Dach. Ihn bei den Füßen packen und mit ihm davonfliegen. Aus meinem Vorstadt-Usus ins Wagnis, dahin, wo man nichts sieht, wo alles unbekannt ist. Da ist, wo ich gerade hingehöre. Ich will meine Augen öffnen und ihnen etwas Neues zeigen, das sie staunen lässt und sich auf ihre Netzhaut einbrennt, für immer. Ich will mein Herz öffnen für neue Leute, die es staunen lässt und die es einschließt und mit nach Hause nimmt.

Irgendwann lande ich wieder hier. Und ich bringe Souvenirs mit, auf meiner Netzhaut, in meinem Herzen. Und dann bin ich anders. Weil ich heute schon anders bin. Ich seufzte. "Morgen geht mein Flug." Allgemeines Lächeln, ein wenig Wehmut. Wir stoßen an. Darauf, dass es nicht zu spät ist für Abenteuer und Reisen und sich trauen und keine Angst haben. Und auf uns. Dass ihr ihr seid und ich ich bin. Und dass ich immer auch ihr sein werde. Momentan bin ich ein Zwiebelfisch. Ein Fragment, das hier nicht hingehört. Das nicht ist wie ihr. Und doch ein Teil von euch, damit wir Sinn ergeben. Und das ist gut so.

Dann stehen wir auf und treten hinaus ins Dunkel, denn die Nacht ist noch jung.


Tags: Reisen, Freundschaft, freunde bleiben, Freunde, Erwachen werden, Abenteuer, Angst, Angst vor der Zukunft, Angst und trotzdem überglücklich, Zukunftsängste, zu Hause, Aufbruch, Auf der Suche, Aufbrechen, für immer, typografie
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