anamydala 18.10.2007, 14:59 Uhr 2 4

"Zum Mitnehmen, bitte!"

„Frechheit!“ Lea stapft stürmisch durch den Flur, schleudert ihre Schuhe von den Füßen und entert mein Zimmer. „Was glaubt der denn, wer er ist?“

Während sie sich den Schal vom Hals zerrt und ihre Lederjacke einmal quer durch die Luft in Richtung Sessel fliegt, zünde ich mir noch eine Zigarette an.
Lea hat den Herbstwind mitgebracht. Lea IST der Herbstwind!

Lea liebt das Leben und an den meisten Tagen ist das Leben auch schwer verliebt in Lea. Sie ist der Typ Mensch, dem irgendwann in frühester Kindheit mal eine Sternschnuppe auf den Kopf gefallen sein muss und dem seitdem alles gelingt, was er nur anpackt. Wirklich alles. Ekelhaft!
Und trotzdem ist sie eine der unsichersten Personen, die ich kenne. Meistens kann sie diese Unsicherheit ziemlich gut verstecken – in den Taschen ihrer dunkelbraunen Lederjacke, unter der schwarzen Wollmütze, hinter verschränkten Armen. Aber manchmal, in den seltenen Momenten, in denen es jemandem gelingt sie wirklich und wahrhaftig aus der Fassung zu bringen, blitzt er hervor, der Selbstzweifel. Wie ein Stück nackter Haut im Winter, die man eigentlich vor der Kälte schützen wollte. Unter dem dicken Pullover, den man auch ganz schnell wieder zurechtrückt, bevor der eisige Wind sich seinen Weg bahnt und jeden der winzigen Muskeln, die für das Aufrichten der kleinen Härchen zuständig sind, einzeln zum Leben erweckt…
In diesen Momenten, in denen scheinbar beiläufige Kommentare ihr Selbstbild ins Wanken bringen und sie das Gefühl hat sich unbedingt vor der ganzen Welt und ihren Bewohnern rechtfertigen zu müssen, wird ihr bewusst, wie viel sie auf die Meinung anderer Leute gibt und wie sehr sie sich dafür verabscheut.

„Dieser Arsch! Ständig diese anzüglichen Bemerkungen, dann wieder n bisschen Seelenstriptease – Herz ausschütten unter Kollegen und so. Blablabla…“

Ich kenne Lea seit dem ersten Semester, der ersten Vorlesungswoche, dem ersten Seminar. Ich weiß nicht mehr, wer vor uns stand oder was er erzählt hat. Aber was ich noch ganz genau weiß, ist, wie sie den Platz links von mir in der letzten Reihe eingenommen hat. Wie ’nen Aussichtspunkt. Wie ein Kundschafter, der erst einmal alles ganz in Ruhe beobachtet. Mit verschränkten Armen selbstverständlich und der schwarzen Wollmütze, die für den spätsommerlichen Oktober viel zu warm war, fast bis über beide Augen gezogen. Die Jacke hatte sie angelassen – jederzeit bereit zu flüchten, falls ihr die ganze Veranstaltung und ihre Teilnehmer nicht zusagen würden. Blitzschnell und möglichst unbemerkt.
Dabei war sie längst schon aufgefallen…

„Pauli… Krieg ich auch eine?“ Der Hundeblick – gelernt ist gelernt!
Seufzend reiche ich ihr meine Zigarette, fische Tabak und Papers aus der Sofaritze und dreh mir eine neue.

Lea ist dann doch geblieben – im Seminar, hat sich eines schönen Morgens dazu herabgelassen mir hallo zu sagen und in einer Freitagnacht im letzten März – sturzbetrunken im schlechtesten Club der Stadt – beschlossen, mit mir zusammenwohnen zu wollen.

„Danke! Du bist ’n Schatz!“ Sie lässt sich neben mir aufs Sofa fallen, streicht sich flüchtig eine Strähne ihrer dunklen Locken aus der Stirn und nimmt ’nen tiefen Zug. Für einen kurzen Moment entspannen sich ihre Züge, um gleich darauf der Empörung ein Gesicht zu geben. „Ey, da sagt der einfach so zu mir, ich wäre doch bestimmt eine, die man als Mann mal so mitnehmen kann. Nix Festes. Aber eben mal mitnehmen. – Geht’s noch?!“

Leas Launen sind wie das Wetter. Ihre Männergeschichten der Wetterbericht. Und ich? Ich bin dann wohl die Wetterfee – nur ohne die großen Brüste, dafür mit breiteren Schultern und mehr Haaren an den Beinen.
„Guten Abend meine Damen und Herren, der Wettergott hat es in den letzten Monaten gut mit uns gemeint, doch leider müssen wir uns heute von Dauerhoch „Carl“ verabschieden – strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und Temperaturen um 32°C gehören vorerst der Vergangenheit an. Tief „Martin“ erscheint auf dem Satellitenfilm. Stürmisch, mit monsunartigen Regenfällen, einzelnen Sonnenstunden und einem vorher nie da gewesenen Temperatur-Auf-und-Ab gestaltet es die Herbst- und Wintermonate, bevor es sich zunächst nach Süden verabschiedet. Hoch „Alex“ bringt Schneeschmelze und Frühlingsgefühle. Leider ist diese Wetterlage nur von kurzer Dauer und der Winter meldet sich noch einmal zurück. Außerdem nähert sich aus dem Süden Tief „Martin“ und liefert sich einen erbitterten Stellungskrieg mit Hoch „Carl“, das sich bisher noch nahe der östlichen Landesgrenze gehalten hat, von dem wir uns nun wohl aber endgültig verabschieden müssen.
Nach überstandenen Turbulenzen können wir nur für kurze Zeit die Ruhe vor dem nächsten Sturm genießen. Über uns türmen sich die Wolken auf – im Moment noch unentschlossen wie genau sie sich formieren sollen. Schönwetter-Schäfchen oder dunkelgraue Gewittermonster?“
Wahrscheinlich könnte ich ein komplettes Abendprogramm mit Wetteranalysen und Vorhersagen füllen…

Lea schlingt die Arme um die angezogenen Beine, legt das Kinn auf die Knie und seufzt. „Dabei bin ich doch gar nicht so eine. Was kann ich denn dafür, dass das immer so kompliziert sein muss mit euch Männern?“

Wer der ominöse „Er“ ist, der soeben ihren geballten Zorn auf sich gezogen hat, ist eigentlich egal. Von Bedeutung ist, dass er Lea mit seinem rotzfrechen Kommentar wieder einmal dazu gebracht hat über sich selbst nachzudenken – nein, an sich selbst zu zweifeln!

„Paul, bin ich wirklich so eine? Eine zum Mitnehmen? Nee, oder?“
Lea runzelt nachdenklich die Stirn.
„Sag mal, wer bin ich eigentlich?“

Frag mich was Leichteres, Lea! Im Moment bist du der Herbstwind…

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2 Antworten

Kommentare

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    toller text und schöne metaphern :) und eine romantisch schöne sichtweise für einen "mann" :)

    grüße

    18.10.2007, 16:58 von Jane_Doe
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    phu, hab für einen moment gedacht du kennst mich.., unseren namen gibts eigentlich relativ selten, dachte ich zumindest! interessante Liebeserklärung übrigens, vielleicht checkt sies

    18.10.2007, 15:40 von Balalaika
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