sophie_servaes 12.07.2005, 12:54 Uhr 0 1

Zu viele Erwartungen

Schwer zu finden und leicht zu verlieren: FREUNDE. Wir haben Autoren gebeten, für uns die Geschichte einer verlorenen Freundschaft aufzuschreiben.

Als ich mit meinem Freund gerade eine Waschmaschine aussuchte, rief sie an und begann zu erzählen: von ihrer kranken Mitbewohnerin, von ihrem Ex und dem stressigen Job bei der Lufthansa. Ich war verwirrt. Seit einem Jahr hatte ich Anna nicht gesehen oder gesprochen, alle meine Anrufe waren unbeantwortet geblieben. Jetzt stand ich in diesem Laden und bekam den Mund kaum auf, aber es war ja mein Geburtstag, und sie hatte immerhin daran gedacht. Dass sie nur an meinen Geburtstag denkt, hätte ich ihr gern gesagt. Was war vor einem halben Jahr, als meine Mutter im Krankenhaus lag und ich immer und immer wieder ihre Mailboxansage hörte? Ich hatte auch oft an sie gedacht, als mein Opa gestorben war, nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte und sie mich doch trösten sollte. Einen schönen Geburtstag wünschte sie mir noch »und bis ganz bald!« Da verstand ich: Die Anrufe waren von der Erinnerungsfunktion ihres Handys gelenkt. Es gab keine Gespräche mehr zwischen Tür und Angel und kein nächtliches: »Was machst du gerade?« Ich klappte mein Telefon zusammen und wusste plötzlich, in dem Laden zwischen all den praktischen Geräten, dass unsere Freundschaft nicht mehr da war. Weil sie mir nicht geben konnte, was ich brauchte, und weil ich ihr gab, was sie nicht brauchte. Einen Tag später sitze ich auf dem Sofa, mein Daumen drückt die »Löschen«-Taste auf der Handytastatur, elf Mal, und die Zahlen verschwinden rückwärts.


Tags: Freunde verlieren
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