lalina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 12

Zu viel für ein Leben

Zuletzt hatte ich ihn am Bahnsteig gesehen. Er nickte mir zu, wir sprachen kein Wort. Verstohlen blickte ich zu ihm hinüber, während wir beide auf denselben Zug warteten. Für eine Sekunde hatte ich seinen Namen vergessen, aber dann fiel er mir gleich wieder ein.

Er war der große Bruder von einem früheren Freund. Ein Freund aus ganz alten Zeiten. Wir kannten uns, als ich lernte, wie man mit Zunge küsste, den ersten Liebeskummer überwand und seine eigenen Eltern zum ersten Mal hinterging.

Paul hieß er. Und während sein Bruder Severin, mein Freund, gute Noten mit nach Hause brachte, glänzte er vor allem mit Abwesenheit in der Schule. Manchmal bekam ich mit, wie es deshalb bei ihnen zuhause Streit gab. Wie die Eltern die Tür zur Küche hinter sich schloßen und sich anzischten wie zwei Schlangen, die sich bedroht fühlen. Die Mutter kam dann oft mit roten Augen aus der Küche, während der Vater die Wohnung verließ. Er wohnte nicht mit ihnen. Oft bat mich die Mutter nach so einem Streit zu gehen. Severin schämte sich dann oft dafür und strafte seine Mutter mit einem bösen Blick.

Ich nicht, ich hatte irgendwie Verständnis für sie. Bei mir zuhause bildeten meine Eltern eine Einheit. Sie waren ein Team. Bestrafungen wurden immer gemeinschaftlich vorgetragen, wenn ich mich mal wieder nicht angemessen verhalten hatte. Was zu dieser Zeit ziemlich oft passierte.

Manchmal war es Paul, der mir die Tür öffnete, wenn ich am Nachmittag kam. Er fragte immer, wie es mir ging und ob ich etwas trinken möchte. Er war stets höflich und sehr gut erzogen. Ich fragte Severin oft danach, was denn eigentlich das Problem mit ihm sei. Er hätte Ängste. Das Wort Schulphobie fiel auch manchmal. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, wie das wohl für Paul gewesen sein muss. Damals.

Als ich ihn auf dem Bahnsteig wiedersah, machte er einen positiven Eindruck auf mich. Bestimmt zehn Jahre hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Und mindestens zwölf Jahre hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Sie waren dann plötzlich weg. Eine Woche vor dem Umzug fand Severin erst den Mut, es mir zu erzählen. Seine Mutter hatte ein Jobangebot erhalten, was sie nicht ausschlagen konnten. Endlich würden sie wieder in einer großen Wohnung leben können. Halt nur 450 Kilometer entfernt. Ich war sauer und wütend und gleichzeitig freute ich mich für die drei. Ich hatte seine Mutter selten so fröhlich gesehen. Oft nahm sie einen ihrer Söhne in den Arm und auch mich drückte sie ab und zu. Jetzt wird alles besser, sagte sie oft und blickte dabei zu Paul. Ihrem Sorgenkind. Weder Paul noch Severin freuten sich damals. Oft wurden die Türen geknallt, und ihr Vater tobte in der Wohnung. Wie sie ihm das antuen könnte, seine Kinder, so weit weg!

Es war ein Samstag, als die Mutter mit Freunden das Auto belud. Ein anderer fuhr den Möbeltransporter. Severin und ich hatten uns fürchterlich gestritten. Ich denke, weil wir wussten, dass wir dies nicht überstehen. Wir waren zu jung. In unserem Alter waren 450 Kilometer eine halbe Weltumrundung. Ich war gekommen und stand nun zwischen anderen, die die drei vermissen würden. Severin hielt meine Hand ganz fest, bis der Moment gekommen war. Wir gaben uns einen letzten zaghaften Kuss unter den Augen der anderen. Tränen liefen über unsere Wangen. Seine Mutter zerrissen zwischen Freude und momentanem Leid warf Luftküsse in die Runde. Paul saß bereits im Auto, guckte in die Luft und hob noch nicht einmal mehr die Hand zum Gruß. Er war am Ende. So schien es damals.

In dem ersten Jahr schrieben wir uns noch Briefe. Dann folgten immer seltener SMS und irgendwann, mit einem neuen Handy, löschte ich Severins Nummer. Es war vorbei.

Wie gerne wäre ich auf dem Bahnsteig einfach zu Paul rübergegangen und hätte gefragt, wie es weitergegangen ist mit ihm und wie es Severin ging und was er überhaupt hier machte. Aber als unser Zug einfuhr, war es nur noch ein letzter Blick auf sein braunes, gelocktes Haar, den ich erhaschen konnte, als er sich einfach fallen ließ.

12

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    schreib doch mal wieder.

    22.05.2015, 21:27 von hib
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das kam unerwartet. 

    Wow... ich bin... sprachlos.

    06.08.2014, 06:45 von Lia89
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wunderbar!

    Trifft genau meinen Geschmack =) 

    26.05.2014, 11:57 von FinsterLicht
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Aber Hallo. Das kam wirklich unerwartet. Ich hätte jetzt das Gegenteil erwartet. Zur Zeit weiss ich noch nicht, wie ich das finden soll ... ist das Ende zu sehr die Erfüllung eines negativen Klischees oder .. ach ich weiss nicht. Aber ich mag wie lalina schreibt, und so möchte ich auch keinen Buchstaben anders sehen.

      25.05.2014, 00:21 von Cyro
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare