Zu Besuch
Immer wieder findet er zurück und begreift von Neuem, warum er die Reise auf sich nimmt.
Es ist Anfang Juli und er mitten auf der Fahrt zu seinen Großeltern. Bäume mit sattem grün und Felder von sonnigem gelb ziehen an ihm vorbei sowie ab und zu einige Fahrradfahrer. Das Wetter ist schön, so öffnet er das Fenster einen Spalt und während er vor sich auf den laufenden Asphalt blickt, fragt er sich, warum er eigentlich immernoch diese eine Woche im Jahr bei seinen Großeltern verbringt. Dieser Ritus, den Beginn des Julis bei ihnen zu erleben, vollzieht er seitdem er denken kann. Früher mit seinen Eltern, heute allein.
Er erinnert sich nur zu gut an die damaligen Besuche. Diese öden Nachmittage mit Kaffee und Kuchen und die fehlenden Spielsachen. Omas Kuchen war super und die Geschichten seines Großvaters unglaublich, doch war er damals einfach zu klein, um die Aufenhalte wirklich schätzen zu können. Er denkt viel an seinen Großvater. Immer trifft er ihn in seinem gemütlichen Ohrensessel im Wohnzimmer mit seinen viel zu großen Kopfhörern auf den Ohren vor seiner riesigen GRUNDIG-Stereoanlage an. Dabei nimmt der alte Mann Live-Konzerte verschiedener Interpreten vom Radio auf Cassette auf, hört sich Stücke seiner Sammlung an oder sortiert seine Tapes nach Datum. Noch heute liebt er es, sich neben seinem Opa auf den Boden zu setzen und ihn zu beobachten. Die träumenden Augen des alten Mannes, deren Blick sich im Raum verliert, wenn die Musik ihn einnimmt und die langsamen, doch eleganten Gesten zum Takt der Musik. Er freut sich, wenn sein Opa ihm tief in die Augen sieht und sagt :" Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen, kennen keine Lieder." Darauf wartet er jedes mal.
Ein plötzliches Aufblinken im Seitenspiegel reißt ihn aus seinen Gedanken. Ein telefonierender BMW-Fahrer zeigt sein Missverständnis für den Fahrstil des Enkels und überholt nach lautstarkem Hupen seinen alten Toyota. Jemand scheint die Proleten im Land verteilt zu haben, stellt er mit leicht erstaunter Miene fest und sieht das Richtungsschild seines Zielortes. Noch 8 Kilometer.
Er stellt sich vor, dass seine Großmutter wahrscheinlich gerade in der Küche ist und die Speisen vorbereitet. Das Sonnenlicht wird in die friedliche Stille des Raumes fallen und sich auf das Goldrand-Geschirr, welches sich vorsorglich auf dem Küchentisch mit der Plastiktüschdecke befindet, legen und es zum Leuchten bringen. Nur das Wirken seiner Oma wird zu hören sein. Wie sie den Kuchen mit ihren slebstgemachten Topfhandschuhen aus dem Ofen nimmt. Mit skeptischem Blick wird sie ihr Werk begutachten und dann mit unscheinbarem Lächeln das Gebäck auf einem Teller servieren. Er mag die traditionellen Gerichte seiner Oma. Auch, wenn sie ihn mästet. Die Fürsorge und Liebe, die sie in ihre Kreationen steckt, schmeckt er mit jedem Bissen. Er liebt seine Oma und ihre, manchmal übertriebene Herzlichkeit.
Der alte Toyota passiert das Ortsschild. Nun muss er nur noch an der ersten Bushaltestelle vorbei und die zweite Straße rechts ab. Dann nur noch ca. 500 Meter und er ist da.
Seine Großeltern sind nun seit fast 60 Jahren verheiratet. Eine unvorstellbar lange Zeit, denkt er. Seine längste Beziehung hielt gerade mal drei Jahre. Wie haben diese alten Menschen das nur geschafft? Es ist niedlich anzusehen, wenn sein Opa mit klappriger Hand die seiner Ehefrau nimmt und sie sanft tätschelt oder ihr einen kleinen Kuss gibt und sie verschmitzt anschaut. Zwei, seit mehr als 50 Jahren frisch verliebte Turteltauben oder eher Turteleulen. Es ist das grenzenlose Vertrauen, das sie sich schenken und die unbendige Zuneigung, die sie für einander empfinden. Daraus entsteht ihre Liebe und dadurch resultiert ihre Treue.
Er parkt den Wagen direkt an der Straße vor ihrem Haus. Die Tasche mit seinen Sachen entnimmt er dem Kofferraum und wendet sich dem Gebäude zu. Er weiß, warum er jedes Jahr wieder hierher kommt. Er hat hier einen Platz, den er niemals verlieren wird. Er hat hier Menschen, die ihn bedingunglos lieben. Er erfährt Werte, die für ihn so wichtig erscheinen und so oft nicht erkannt werden.
Er schreitet zur Tür und klingelt.




Kommentare
es lohnt sich! diese reise! erst dachte ich: pfff.. ein text über großeltern..ui.. aber es ist ein gutes thema. der text gibt mir das gefühl, als wäre man angekommen,weil man für den besuch ein teil von ihnen ist, von ihrem leben und sie sind angekommen, so fühlt es sich zumindest an. nach 60 jahren ehe. wahrscheinlich nimmt man diese reise gern auf sich, weil man selbst irgendwann da sein will...
25.04.2009, 10:33 von Aalaaleh