Ewiges_Kind 26.04.2010, 14:09 Uhr 1 0

Zimmer 490.

Langsam und zögernd nimmst du meine Hand, sie fühlt sich rau an. Abweisend wie eine Mauer die mich einschließt.

Tod. An diesem Geruch kannst du dich noch ganz genau erinnern. Du wirst dich auch immer daran erinnern können, versprochen. Sie haben zwar versucht den Gestank mit Desinfektionsmittel zu übertünchen, aber nur mit mäßigem Erfolg. Es ist, als könntest du den „Duft des Todes“ sogar schmecken.

Der Flur ist sehr dunkel, zu dunkel. Es kostet dich wirklich Anstrengung, die Nummern an den Zimmertüren zu lesen. Du selbst weißt gar nicht, warum du sie überhaupt noch lesen möchtest, du kennst deinen Weg schon genau. Du gehst langsam. Sehr langsam. Am liebsten, würdest du immer weiter gehen, in den unendlichen Flur hinein, in eine andere Welt, eine bessere Welt – Hauptsache, du musst dein Ziel nicht erreichen. Es ist kein schönes Ziel. Früher, früher war es schön, du hast dich gefreut. Aber jetzt wissen wir beide, dass die Freude von kurzer Dauer war…

490. Ein Zimmer wie jedes andere scheiß Zimmer in diesem Gang. Du bist da. Du hast mein Zimmer erreicht. Tief einatmen und anklopfen. Du trittst ein und zwingst dich zu einem Lächeln, welches eh nur du wahrnehmen kannst. Mein Zimmer ist hell und in einem freundlichen Gelbton gestrichen, doch selbst die warme Farbe kann dich nicht trösten. Abweisend und fremd ist das Zimmer, unter der fröhlichen Farbe, das seit Monaten mein Zuhause ist. Reagieren kann ich auf deinen Besuch Heute nicht, aber das hast du auch nicht erwartet.

Gefasst und ruhig setzt du dich neben mein Bett. Neben den Körper der mir eine Last ist und dich immer mehr an ein Gefängnis erinnert. Langsam und zögernd nimmst du meine Hand, sie fühlt sich rau an. Abweisend wie eine Mauer die mich einschließt. Leise beginnst du zu erzählen was du in den letzten Tagen erlebt hast und warum du schon so lange einen Besuch aufgeschoben hast.

Anfangs war es unangenehm zu reden, wer redet schon gerne mit einer massiven Wand? Selbst wenn in ihr eingeschlossen etwas doch so vertrautes lebt… Man weiß nie ob deine Stimme mich erreicht.

Du bist mitten in einem Satz als mein Gesicht eine Regung zeigt, nur ein kleines Zucken. Nichts was an normalen Menschen auffällig wäre.
---
Wir laufen über eine Wiese, die unnatürlich grün zu sein scheint. Ich renne los, auf eine Decke zu, die im Gras ausgebreitet, einige Meter weiter, unter einer mächtigen Eiche liegt. Ich lasse mich überschwänglich auf den braunen, abgenutzten Stoff nieder fallen und beobachte dich, wie du langsam auf mich zukommst und dich neben mich setzt.

Die roten Kirschen haben tiefe dunkle Flecken auf deinem weißen Shirt hinterlassen, aber du musst lachen. Beide sehen wir aus wie Clowns, unsere Münder verziert von dem roten Blut der Früchte. Das Bild wie ich Kopfüber von dem Baum, der uns das Obst brachte, hänge hast du neben deinem Bett aufgestellt. Von meinem Sturz ein paar Minuten später gibt es kein Bild. Wenn eines entstanden wäre, so hätten wir immerhin etwas gehabt, das wir dem Baum-Besitzer im Austausch gegen die süßen Kirschen hätten zurück lassen können.

Du schaust mich an und bemerkst wie ich grinse. Mein „ Raubtiergrinsen“ zum Besten gebe. Ich sehe durch den Sucher meiner Kamera und spanne den Film. Du schüttelst den Kopf, als könntest du mich mit dieser Geste davon abhalten ein Bild zu machen. Du suchst nach deinem Feuer, immer gespannt auf das Geräusch, das die alte analog Kamera beim auslösen macht. Erst als du dich zu entspannen beginnst und alles um dich rum zu vergessen erscheinst, drücke ich ab. Dieses Bild stand neben meinem Bett.

Die Kamera habe ich an dem Tag gekauft, an dem wir bei deinen Eltern eingeladen waren. Ich stand ewig im Laden und habe mir überlegt ob die eine Reparatur sich lohnen würde.

Bei deinen Eltern sind wir nie erschienen, wir haben zulange nach den Autoschlüsseln in deinem Bett gesucht.

Party. Versprechen. Streit. Toleranz. Liebe. Freunde. Gespräche. Leben, leben, leben… Unser Leben zieht an dir vorbei.

DU.ICH.DU.ICH.DU.ICH.WIR.
FREUNDSCHAFT.ZÄRTLICHKEIT.LIEBE.
DU.ICH.DU.ICH.DU.ICH.WIR.

Immer schneller wechselt die Bildfolge in deinem Kopf. Es fühlt sich an,als hätte dich ein Zug überrollt.

Du begreifst was geschehen ist. Soeben ist mein Herz geplatzt und für einen Moment bist du fast in meinen herausströmenden Erinnerungen ertrunken.

Du schlägst die Augen auf und verlässt das Zimmer. Du wirst nicht mehr kommen. Aber jedesmal wenn du mein Bild auf deinem Nachtisch stehen siehst, jedesmal wenn du vor dem Einschlafen daran denkst wie du mich gefunden hast, ohne zu suchen… jedesmal hoffst du nicht in den Erinnerungen zu ertrinken.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare