dasgehtvorbei 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 49

Zehn

Ich denke daran, dass wir vielleicht nicht die geworden sind, die wir werden wollten, aber dass wir genau die sind, die wir sein sollten.

Es ist Sommer und immer im Sommer um diese Zeit denke ich daran zurück, wie wir 19 waren und durch Wiesen und Wälder gefahren sind und davon geträumt haben, in die Großstadt zu ziehen. Ich denke daran, wie wir unseren Führerschein bestanden haben (na gut, ich erst nach dem fünften Anlauf), wie wir an den geheimen See fuhren und dort ganze Tage, Nächte, ganze Sommer verbrachten. Ich denke daran, dass um uns herum eigentlich immer sehr viel Wald war, sehr viel Wiese, sehr viel Himmel. Heute kommt es mir vor, als seien wir eigentlich immer draußen gewesen.

Ich erinnere mich an unseren ersten Vollrausch, an das Lachen über den ersten Kuss und an das Schwänzen, an das Bier im Park und an die ersten Tränen wegen einer Liebe, von der wir damals manchmal mehr verstanden haben, als heute – bloß haben wir das nicht gewusst. Ich denke an unsere Fahrräder, an unsere Hände, an unsere Beine in der Sonne, ich denke an offene Fenster, während ich meinen Arm in die Nachtluft hielt und mich gefragt habe, wie lange wir uns wohl alle noch kennen werden.
Ich denke daran, wie wir uns unser Leben in 10 Jahren vorgestellt haben. Wie wir von WGs träumten, von Büchern und Liebschaften, von den Nächten, in denen wir endlich einmal tanzen gehen können, ohne, dass um zwei das Licht angemacht wird. Ich denke daran, wie wir uns uns selbst vorgestellt haben: unsere erwachsenen Ichs, unsere Ichs, die in eine eigene Wohnung ziehen, eigene Leben haben, an Küchentischen mit Fragen hadern, mit der Telefonrechnung und dem Briefkasten, mit dem Ich, das nicht versteht, warum immer der Falsche einfach geht.

Ich denke an die Jahre danach, an das Taumeln und das Fallen, vor allem aber an das Finden von Plätzen, die wir Zuhause nennen können. Ich denke an die Verluste und an die Tränen, an die Erfolge und an uns, wie wir uns in den Spiegeln der Welt älter werden sahen. Ohne, dass wir verstanden hätten, dass es so, genau so am Ende sein wird: ohne großen Knall und ohne Konfetti, ohne plötzliche Erkenntnis. Die Jahre schleichen sich durch unsere Lebensläufe, durch Studiengänge und Wahlheimaten, durch Sehnsüchte und Ängstlichkeiten. Damals dachten wir noch, dass wir eines Tages aufwachen und plötzlich Erwachsene sind. Dass das einfach mit uns geschieht. Wie sehr wir Recht damit hatten und wie sehr wir uns geirrt haben.

Ich denke an die letzten zehn Jahre und an all unsere Kämpfe, an das Warten und das Aufgeben, an das Verstecken und das Schreien. Ich denke an uns und dass wir ganz anders sind, als wir immer dachten und dass das eigentlich viel besser ist als das Gegenteil. Ich denke daran, wie sehr wir geliebt haben, wie viel wir schon geschafft haben, wie viele Male wir aushielten, was nicht festzuhalten war, wie oft wir gelacht haben, getanzt und gevögelt, gezittert und geschwommen, losgelassen und verloren, angekommen und ganz verzagt, gesucht und gefunden haben. Ich denke daran, dass wir vielleicht nicht die geworden sind, die wir werden wollten, aber dass wir genau die sind, die wir sein sollten.

Jedes Mal, wenn ich den Fuß das erste Mal in einen kalten See setze, dann denke ich an dich, an euch, an uns alle. An unsere Nachmittage mit Cola und Chips, an unsere Abende mit billigem Sekt und geklauten Kippen von der Tanke. Ich denke daran, dass ich sehr glücklich war, ohne es zu ahnen. Und ich hoffe, dass wir das heute ein bisschen besser können, das Ahnen von Glück, wenn es da ist. Aber wenn ich es mir recht überlege, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass wir ganz gut darin geworden sind.
Alles Gute zum Geburtstag, auf uns, auf die letzten zehn Jahre, auf unsere Ichs, die so oft eigentlich keinen Tag älter als neunzehn geworden sind. Auf den See und jedes Meer der Welt, auf unsere bescheuerten, wilden Herzen und auf die Hand, die deine jetzt nachts hält.

49

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr sehr schön!

    19.07.2014, 18:34 von frl.prusseliese
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Mega Text! Super geschrieben und du sprichst super aus was ich mir so oft denke :)

    18.07.2014, 16:10 von nix_wie_weg
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich mag einfach, wie du schreibst und dabei Bilder in meinem Kopf malst.

    16.07.2014, 10:43 von schmetterlingslachen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mag ich gerne;)

    15.07.2014, 12:30 von FinchenMagLachen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ganz toll! Spricht mich richtig an!


    14.07.2014, 13:59 von Dini02
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so in etwas gefunden habe. 

    14.07.2014, 01:12 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Einfach bezaubernd schön...

    13.07.2014, 15:16 von Schmuistmeinname
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare