rupert 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 35

Zehn Teile Schwefel

Der Vogel sah kaputt aus. Wie ein Spielzeug, auf das jemand getreten ist. Die Flügel standen wie seltsam abgebrochene Äste nach oben ab.

Reebok, Größe 42. Der Schuhkarton lag vor uns auf dem großen Stein.
- Na mach schon auf.
Dominik war ungeduldig und schaute mich gespannt an.
- Was ist denn da drin?
- Findest du heraus, wenn du's aufmachst!
Ich beugte mich über den Stein und spürte die Wärme, die von ihm ausging, in meinem Gesicht. Dann nahm ich den Deckel und hob ihn einen Spalt breit an, konnte aber nichts erkennen.
- Kannst ruhig ganz auf machen. Der haut nicht mehr ab.
Ich öffnete den Deckel komplett.
Der Vogel sah kaputt aus. Wie ein Spielzeug, auf das jemand getreten ist. Die Flügel standen wie seltsam abgebrochene Äste nach oben ab. Das Tier zitterte und drehte den Kopf schnell hin und her. Irgendwoher tropfte etwas Blut. Es schimmerte auf den Federn, als hätte jemand sein Marmeladenmesser daran abgestreift.
- Der ist hin. Ist bei uns vorhin gegen das Wohnzimmerfenster geflogen.
Dominik schloss den Deckel wieder, steckte den Karton zurück in seinen Rucksack.
- Was haste denn mit dem jetzt vor?
- Der wird Testpilot.

Ich glaube, dass ich fast mehr mit seiner Playstation befreundet war als mit Dominik, also für diesen Winter und den halben Sommer, in dem wir mal so etwas ähnliches waren wie Freunde. Einmal, also vor dieser Zeit, hat er mir die Brille von der Nase geschlagen. In der Schulpause. Ich habe im Büro des Direktors wegen der blöden Brille rumgeheult und Dominik hat den Direktor und mich mit funkelnden Augen angesehen, so wie er immer jeden angesehen hat, der ihn getadelt hat. Oder provoziert. Oder gehänselt.

Die hohe Stirn, der schmächtige Körper, die lockigen Haare, das leicht verkümmerte Ohr, der eigenartige Geruch. Vorlagen, Ziele. Alle gegen einen, keiner gegen Alle. Und ich war froh, dass es ihn gab. Weil es dann nicht gegen mich ging. Die Federmappe, die auf einmal fehlt. Das Bein, das da im Weg ist. Die Riegen im Sportunterricht, wo einer übrigbleibt. Petze, Petze. Die funkelnden Augen.

Pause. Ich hatte eine Videospielzeitung auf dem Tisch liegen. So eine mit großen Bildern, wenig Text und vielen Cheat-Codes. Dominik stand dann irgendwann einfach hinter mir und begann zu reden. Er fragte nach meinem Computer, den ich mir vom Konfirmationsgeld gekauft hatte, erzählte von seiner Playstation. Und zum ersten Mal habe ich Dominik reden gehört. Wirklich reden gehört. Ob wir uns nicht mal treffen könnten. Eine Runde zocken. Ja. Warum nicht.


Kästen, viele beige Kästen. Oder auch mal weiß. Dazu abgemessenes Grün und Parkplätze, bei denen man die trennenden Linien nur noch ahnen konnte. Viele Parkplätze. Man brauchte hier ein Auto. Ein vergessener roter Ball in einem niedrigen Busch. Braune Fahrräder mit abgebrochenen Leuchten. Klingelschilder mit unaussprechlichen Namen. Dominik wohnte am Stadtrand.

Es war niemand da. Also niemand außer Dominik. Ich lernte später, dass seine Mutter ständig irgendwo unterwegs war und Martin, sein Vater, nein, sein Stiefvater, entweder zur Schicht war oder gerade schlief. Dann war da noch Fabian. Sein Bruder, nein, Halbbruder. Der war aber noch ein Baby. Eins, oder vielleicht zwei.

Den Möbeln in Dominiks Zimmer fehlte jede Stabilität und sie schienen nur von dünnen Metall- oder Holzstiften zusammengehalten zu werden. Überall Spalten. Alles wackelte. Das wellige Poster von Lara Croft über dem kleinen Fernseher, die unfertige Cola-Dosensammlung, die Bettwäsche von Michael Schumacher. Das Fenster und der Blick auf einen dieser Hauskästen. Und die Playstation.

Meine Daumen haben immer noch Tage später weh getan. Tekken 2 gegeneinander bis spät in die Nacht, früh in den Morgen hinein. Manchmal auch Final Fantasy VII. Dominik hat dann gespielt und ich habe zugesehen. Nur zugesehen. Stundenlang. Wir haben nicht viel miteinander geredet und doch war es irgendwie in Ordnung so.


Ich weiß bis heute nicht, ob die Pistole echt war. Dominik war ganz aufgeregt, da unten im Keller. Wollte mir etwas zeigen, hatte er gesagt. Die Pistole lag in einer einfachen schlosslosen Box aus Holz. Vom Vater oder Opa seines Stiefvaters, oder so. Noch aus dem Krieg. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glauben sollte. Dominik konnte sehr gut lügen. Er hat die Pistole aus der Box genommen, in der rechten Hand gewogen, auf mich gezielt und dreimal abgedrückt.
-Du bist tot.
Dann hat er sie wieder eingepackt und ich habe das Ding nie wieder gesehen.

Einmal hat es an die Fensterscheibe seines Zimmers geklopft. Zwei Mädchen. Dominik öffnete das Fenster und die Mädchen fragten, ob er nicht Zigaretten für sie hätte. Dominik ist aufgesprungen und irgendwo in der Wohnung verschwunden und ich saß da und sah zu den beiden Mädchen hinüber und konnte nicht hören, was die eine zur anderen gesagt hatte, was da so witzig war, dass sie beide loslachen mussten, dort auf dem Rasen im Raum zwischen den Kästen.

Dominik kam mit drei Zigaretten zurück, die sicher nicht seine waren. Er gab den Mädchen zwei und steckte sich die dritte in den Mund. Ein Bein war schon fast aus dem Fenster, da drehten sich die Mädchen einfach um und liefen davon. Und Dominik saß da, so halb drinnen und halb draußen und nahm die Zigarette und warf sie an die Wand, von wo sie dann bröselnd hinter dem Bett verschwand.

Ein anderes Mal wollte Fabian nicht aufhören zu schreien. Hat gebrüllt wie am Spieß. Wir sollten mal eben aufpassen, während seine Mutter raus war und Martin seinen seltsamen Schichtarbeiterschlaf schlief. Fabian brüllte und brüllte. Dominik brüllte zurück. Und irgendwann hat er ihn gepackt und von seiner Decke hochgenommen und geschüttelt und seine Augen haben wieder so seltsam gefunkelt.
- Halt's Maul! Halt die Fresse!
Ich hatte Martin in gar nicht in der Türe bemerkt. Mit einem großen Schritt war er bei Dominik, eine Hand am Hals, die andere am Gürtel, und in Sekundenbruchteilen hatte er ihn erst hoch in die Luft gehoben und dann gegen Wand mit dem Lara-Croft-Poster gedrückt.
- Du hässliche Mißgeburt!
- Ich töte dich! Ich töte dich!
Dominiks Arme ruderten in der Luft herum und er versuchte seine Zähne in die Hand an seinem Hals zu schlagen. Chancenlos.
- Aufhören!
Meine dumme, sich überschlagende Stimme. Martin sah zuerst mich an und dann Dominik. Dann ließ er von ihm ab und Dominik rutschte an der Wand hinunter. Martin griff nach der Playstation, riss sie aus dem Regal und warf sie gegen die gleiche Wand, gegen die Dominik vor ein paar Wochen noch die Zigarette geworfen hatte. Dann war er verschwunden. Dominik stürzte auf sein Bett und seine Finger tasteten die Playstation ab, als könne er sie so reparieren.
- Meinst du, die funktioniert noch?
- Geh jetzt besser.

Im Chemieunterricht saß Dominik ganz vorne. Weil die Lehrerin ihn da besser sehen konnte, nach der Sache mit der Salzsäure im letzten Halbjahr. Wir destillierten gerade Alkohol aus Rotwein und ich konnte zwischen Liebigkühlern und Bunsenbrennern nicht alles erkennen, aber ich sah, wie Dominik unsere Lehrerin etwas fragte. Sie schien sich zu freuen, dass sich jemand für Chemie interessierte, verschwand für einen Moment im Hinterzimmer und kam dann mit einem dicken Buch wieder. Dann schlug sie eine Seite auf und Dominik übertrug etwas daraus in sein Heft.

- Sind das Kerzen?
- Schrotpatronen. Also Schrotpatronenhülsen. Leergeschossen, oder so.
Ich hatte aufgehört, Dominik zu fragen, woher er den Kram immer hatte, den er hatte. Wir standen draußen auf einem der vielen leeren Parkplätze vor den vielen Kastenhäusern und Dominik hatte mit einem Mal drei dieser Hülsen aus seiner Cargohose gezogen und in der Hand. Er gab mir eine. Ich staunte über sein handwerkliches Geschick. Er hatte die einst offene Oberseite mit Gips verschlossen, dann ein Loch hineingebohrt, in dem dann wiederum ein Wunderkerzenstummel steckte. Ich schüttele die Patronenhülse.
- Was ist da drin?
- Schwarzpulver. Hab ich selbst gemacht. Wenn du noch Metallsplitter reinpackst, ist das eine Handgranate.
Wie um mir zu zeigen, dass er nicht übertrieb, zündete er einen der Wunderkerzenstummel an und schleuderte sein Wurfgeschoss in hohem Bogen quer über den Parkplatz. Wir hielten uns die Ohren zu. Warteten. Nichts.
- Funktioniert vielleicht nicht?
- Vielleicht nicht mit werfen? Warte!
Er sammelte den Blindgänger ein, lief vielleicht zwanzig Meter weiter, legte eine der anderen Kapseln auf den Boden, hielt sein Feuerzeug daran. Dann rannte er los. Noch ehe er wieder zurück war, gab die Kapsel ein lautes Ploppen von sich und drehte sich einmal um sich selbst. Dominik schien enttäuscht.
Der dritte Versuch gelang. Es hörte sich an wie ein Chinaböller. Vielleicht auch ein Kanonenschlag. Die Gesichter von ein paar alten Damen erschienen in den Fenstern der Kastenhäuser. Dominik schien zufrieden und wir feierten den Erfolg, indem wir das Schwarzpulver aus dem ersten Blindgänger auf dem Gehsteig in einer dünnen Linie zerstreuten und es dann anzündeten. Dominik lächelte.


Er würde das Schuljahr nicht überstehen, das war schon so gut wie sicher. Fünf in Mathe, fünf in Physik, fünf in Englisch. Das war aber auch eigentlich egal.
- Martin hat einen Job in Thüringen. Da ziehen wir hin, im Sommer.
- Scheiß.
- Wird schon nicht viel schlimmer als hier. Haste Lust auf ein Abschiedsfeuerwerk? Mittwoch?

Die felsige Stelle im Wald, zwei oder drei Kilometer von den Klotzhäusern entfernt. Die verbrauchte, schwüle Luft. Gewitterfliegen. Das leichte Brennen in der Lunge, wenn man zu tief einatmet. Ich hatte den ganzen Weg bis hierhin versucht, ihm auszureden, was ich annahm, dass er vorhatte.
- Willst du lieber einen Stein nehmen und ihm den Rest geben? Wär dir das lieber?
War es mir nicht. Wusste ich nicht.
Dominik griff in seinen Rucksack und legte den Reebok-Karton auf einem der Felsen ab. Dann fasste er noch einmal in den Rucksack und holte sehr vorsichtig eine Konservendose hervor. Oben schaute eine ganze Wunderkerze heraus. Wertvolle Meter.
- Alter!
- Geil, ne? Jetzt überleg dir das mal mit ein paar Schrauben drin. Das ist besser als jede Rohrbombe.

Er legte die Konservendose in den Karton in dem der Vogel seltsam zuckte. Dann nahm er sein Feuerzeug und setzte den Rucksack wieder auf.
- Da vorne, die Felsen kurz vor der Baumreihe.
- Okay.
Dominiks Augen funkelten. So intensiv, wie ich es noch nie gesehen hatte. Er entzündete die Spitze der Wunderkerze und wir rannten los. Es war ganz leise. Keine Actionfilmmusik, keine tickenden Uhren, keine Schüsse in der Luft. Nur wir und die gedämpften Schritte auf den Blättern. Wir liefen nicht einmal geduckt. Das hatte ich mir immer anders vorgestellt. Das war alles was mir einfiel. Dabei wollte ich doch an den Vogel denken und ihm irgendwie auf Wiedersehen sagen oder so etwas Dummes. Aber da war nur die Stille und ein paar Vogelstimmen oben in den Bäumen, die Gewitterfliegen und das Autobahnbrummen hinter dem nächsten Hügel.
An der Baumreihe angekommen, warfen wir uns ungelenk über die Felsen und hielten uns die Ohren zu. Dominik spähte über die Kante. Ich sah nur auf den Boden und presste die Hände auf meine Ohren und konnte nur noch meinen Puls hören. Badumm. Badumm. Badumm.

Ich habe Dominik nie wieder gesehen. Habe ihn nie wirklich vermisst. Ein paar Jahre später dachte ich kurz, das da im Fernsehen, das wäre Dominik. Neunzehn Tote in Erfurt. Irgendwann haben sie den Namen des Täters veröffentlicht. Es war nicht Dominik. Sie haben Blumen gezeigt und weinende Menschen mit Schildern. Warum?
Und ich dachte wieder an Dominik und die Playstation und an den einen Winter und den halben Sommer, in dem wir mal so etwas ähnliches waren wie Freunde und das gerade irgendwie in Ordnung war, an die Federmappe, an die Riegen, an seinen Stiefvater und an die funkelnden Augen. Und dann wollte ich auch ein Schild malen und mich neben diese Leute im Fernsehen stellen. Darum!

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23 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Echt klasse, das ist großartig.

    28.08.2016, 01:52 von An_Alle
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    Respekt! Sehr gerne gelesen.

    17.08.2016, 19:31 von jetsam
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    Hätte ich die Kommentare nicht gelesen, hätte ich nach 2 Absätzen aufgehört. Erschien mir zu sehr Klischee. Jetzt bin ich froh, dass ich zu Ende gelesen habe. Das Ende reißt es raus und überrascht.

    09.08.2016, 21:04 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    Wenn ich dich mit dem Schild bei der Beerdigung sehen würde, würden wir glaub ich keine Freunde werden.

    09.08.2016, 19:37 von Nem
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    • 0

      Werauchimmer es toll findet bei der Beerdigung von Amokopfern ein Schild mit der Beschriftung "Darum!" hochzuhalten, wird es schwer haben in mir Freundschaft zu erzeugen.

      09.08.2016, 20:29 von Nem
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vorhin hast du noch geschrieben, daß gerade nur das Sinn ergeben würde, aber wie du willst

      09.08.2016, 22:12 von Nem
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Echt, fiktive Figuren antworten einem nicht? Oh Mann, hätt ich das nur vorher gewußt, danke das du mich aufgeklärt hast.

      10.08.2016, 09:53 von Nem
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    • 0

      Falls im Kindergarten wieder die Frage aufkommt, obs den Weichnachtsmann gibt oder nicht, können sie dich anrufen, ja?

      10.08.2016, 19:39 von Nem
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      wie du willst

      11.08.2016, 08:31 von Nem
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  • 0

    Chapeau für diesen Text

    09.08.2016, 19:19 von Bender018
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    Gut !

    09.08.2016, 14:19 von Dr_Lapsus
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    Ende berührt, super schön zu lesen!

    09.08.2016, 14:09 von SinByZen
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    mok i.

    09.08.2016, 13:09 von Agmokti
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  • 1

    garumms!

    09.08.2016, 12:24 von ga
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    Toll geschrieben!

    09.08.2016, 12:10 von zprsz
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