FrediMagdalena 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 11

You are here and now your heart will remain

Von Zeit zu Zeit bin ich nicht da und gehe in meinem Gedankenlabyrinth verloren.

>> Das Schöne daran einen Moment zu beenden, ist ihn als Erinnerung zu haben und ihm Wert und Sinn zuordnen zu können. Das sind die Momente, die so schön sind, dass man ihren Glanz nicht riskieren will.
An Portos letztem Tag bin ich einem verwaschen Graffiti begegnet, welches im Ausdruck so simpel, aber wahr ist, dass ich mich seiner nicht erwehren konnte:
"You are here
And now your heart will remain“ <<

Ich lese Bens Nachricht und das Graffiti klingt in mir nach, stößt an gedankliche Ecken und findet ausgewaschene Kanten. Im großen Gewirr zweigen kleine Nebengedanken ab und es ist fast zu leicht die Orientierung zu verlieren. Ich schließe die Augen. “And now your heart will remain“ klingt wie ein Echo in mir, groß erst und dann kleiner werdend. Leiser, vertrauter und handlicher, so dass ich es mitnehmen kann. Es wird ein Teil meines Gedankenlabyrinths und geht verloren. Und ich antworte ihm das, was bei dem Irrgang in meinem Kopf den Weg zurück gefunden hat:

>> Das ist total schön, aber auch etwas, dass mir Angst macht. Was wenn ich mein Herz an zu vielen Orten, bei zu vielen Menschen und Ideen und Ideen von Menschen lasse und immer wieder etwas hergebe. Was bleibt dann eigentlich? Bin das dann noch ich?<< , ich zögere, schließe kurz die Augen: >> Oder sammele ich die Stücke der Herzen anderer auf, während ich meins fallen lasse und baue etwas neues daraus? Ist es denn wichtig man selbst zu bleiben oder immer man selbst zu werden, bis man nicht mehr kann? Und was ist, wenn es immer schwieriger wird etwas zu geben und damit auch nichts mehr finden kann?. <<  
Wieder muss ich innehalten und meine Gedanken auch. >> Was, wenn man stehen bleibt, weil man den Ort nicht mehr findet, an dem man sein Herz zerrissen und in die Winkel der Welt verteilt hat? Und was, wenn die Angst zu groß davor wird sich zu verschenken und man beginnt das Geben aufzurechnen mit dem was man bekommen hat und damit das Ende beginnt? Was wenn die Rechnung nicht aufgeht? Was macht man dann? <<

Am nächsten Morgen lese ich:
>> Die Idee sein Herz aus den Stücken anderer zu bauen, finde ich seltsam schön.
In meiner Vorstellung muss man diese Stücke erst bilden, bevor man sie vergeben kann. So erweitert man sich ständig und kann sich nicht auflösen.<<
Und ich stelle mir vor wie er Nachts, nachdem er zurück ins Hotel gekommen ist, einen Moment Ruhe findet. Wie er meine Nachricht liest, vielleicht lächelt, vielleicht eines dieser, seiner ruhigen, irgendwie traurigen Lächeln, er ausatmet und sich setzt. Bestimmt ist es dunkel und er ist allein - das ist einfach, weil er auch in einem Raum voller Menschen kurz allein sein kann. Er schaut nach innen und geht in seinem eigenen Labyrinth auf die Suche. Irgendwie verloren und doch vollkommen dort. Ob ich ihn je unbedacht erlebt habe, weiß ich nicht -sonst antwortet er auf Nachrichten nicht. Seine ganze Größe kann er Zusammenfalten und sich unsichtbar machen, manchmal. Wie ein Understatement steht er da und Unaufmerksame werden nicht sehen, wieviel größer er eigentlich ist. Seine hellen Haare werfen ein Stück des verbleibenden Lichts im Raum zurück. Da er in Porto ist, schiebt sich bestimmt gerade eine dicke Sturmwolke verschlafen vor den Mond. Nachtblau gefärbt ist der Raum, die Tapete und das Bett und passen sich dem sturmgrauen Himmel an. Die Nacht klopft von draußen an die Scheibe und säuselt mit dem Wind, sie verspricht all die grauen Gedanken und auch die Klarheit, die sie mit sich trägt.
Leise ausatmend schreibt er: >> Was mir Sorge bereitet ist ein Stück zurückzubekommen und festzustellen, dass es sich fremd anfühlt, weil es bereits einmal verbaut wurde und diese Form nirgendwo anders mehr reinpasst und man sie auch nicht weitergeben kann. Was macht man dann damit? <<

Ja was macht man dann?
Und mir fällt nur ein, was meine Erfahrung mir bisher immer geraten hat.
>>Ich vergrabe das zurückgegebene Stück unter vielen, älteren und neueren, größeren und kleineren Stücken. Stücken, die ich in der Jugend verloren habe, die zerbrochen sind, die kein Teil mehr sind von mir, aber aber ein wichtiger Teil von „Ich-war“. Dort bleibt das kleine bisschen „Ich“, das Stück Herz, das zurück kam, weil jemand anders seinen Wert nicht sah. Es bleibt, bis es glatt geschliffen ist, so glatt wie eine Scherbe am Strand, flaschengrün und trüb. So rund, dass ich mich nicht mehr schneiden kann an ihm, wenn es durch Zufall an die Oberfläche kommt. Und wenn ich es wieder auspacke, hervorhole unter all den anderen, dann glänzt es nur und schneidet nicht mehr. <<
So machen wir das. Versprochen? Damit jeder Gedanken, der unverloren geht im Labyrinth, jede Erinnerung über die ich stolpere, wenn ich etwas anderes suche, einen Wert haben, der unabhängig steht von seinen scharfen Ecken. Damit auch schöne, runde Erinnerungen bleiben, aus Zeiten, die so rau waren, dass jedes vorherige Denken an sie mit aufgerissenem Herzen endete. So können sich unsere Herzen aus dem Fenster lehnen und Sonnenstrahlen auf dem Gesicht sammeln - auch an den stürmischen Tagen.


Tags: Herz verschenkt, Nachrichten bei Nacht, Sonne und Stürme, Nachtgedanken
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