VNNR 30.11.-0001, 00:00 Uhr 21 10

Worte öffnen Türen

Ich bin 18, habe keine Ahnung vom Leben und auch sonst generell nicht so den Durchblick

Ich bin 18, habe keine Ahnung vom Leben und auch sonst generell nicht so den Durchblick, aber als ich eben mit Teo bei Cocktails und Burgern über das Leben sprach, fiel mir etwas auf, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Menschen denken unterschiedlich, drücken sich unterschiedlich aus, nehmen unterschiedlich wahr und dadurch kommt es zu Missverständnissen, die im Grunde schnell geklärt werden könnten. Richtig: könnten, denn die meisten Menschen scheinen ihr Bedürfnis nach einem anständigen Drama einfach mal getrost über ihr Harmoniebedürfnis zu stellen, was mich in meiner kleinen, heilen Welt auf deutsch gesagt ziemlich ankotzt. Wenn ich den Gedanken weiterdenke, bemerke ich nicht nur, dass bislang die meisten meiner kaputten Freundschaften an eben solchen Missverständnissen gescheitert sind, sondern auch dass ich meine Streitpartner in drei Gruppen einteilen kann.

1. Gruppe: Der Ich-bin-wütend-und-warte-auf-eine-Entschuldigung-Typ

Das erste Mal traf ich in der Grundschule auf Vertreter der ersten Gruppe, aber auch ältere Menschen bedienen sich gerne dieser Taktik, wobei sie sich selbstverständlich mehr Mühe bei der Kaschierung geben. In der 3. Klasse war es einfach. Es gab ein Missverständnis und die eine Partei entfernte sich etwa 5 Meter weit, drehte einem den Rücken zu und verschränkte die Arme, so dass man wusste "Aha, es ist Zeit für eine Entschuldigung!". Allerdings wurde mir auch schon damals mein Stolz zum Verhängnis, so dass ich viele Grundschulfreundschaften geopfert habe, weil ich keine Lust hatte mich permanent zum Deppen zu machen, weil die anderen nicht in der Lage sind normal zu diskutieren. Jugendliche oder Erwachsene verwenden besagte Taktik etwas versteckter, wobei sie trotzdem nicht weniger lächerlich ist. Verschwiegenere Typen brechen einfach den Kontakt ab, ohne es dem anderen zu sagen und ersticken fast an ihrem Groll. Weniger Verschwiegene dagegen bedienen sich der sozialen Netzwerke, um der Gegenpartei ihre Gefühle bezüglich des Missverständnisses zu offenbaren, machen allerdings keinerlei Anstalten eine Lösung zu finden. Letzteres konnte ich gut bei meinem kleinen Bruder nach der Trennung von seiner Freundin beobachten, denn die beiden bombardierten die Außenwelt förmlich mit wütenden, melancholischen und philosophischen Statusnachrichten, um dem jeweils anderen den eigenen Groll zu signalisieren. Insgesamt ist eine Bindung zu solchen Menschen nicht nur extrem nervenaufreibend, sondern hat auch eine negative Auswirkung auf das eigene Ego, denn wer hat schon Lust darauf, dem anderen immer hinterher zu laufen?

2. Gruppe: Der Ich-bin-eigentlich-nicht-wütend-aber-will-ein-Drama-Typ

So etwas begegnete mir vor allem auf der weiterführenden Schule erschreckend oft. Man diskutiert, man gestikuliert, man regt sich etwas auf und schon ist es da, das Missverständnis. Eigentlich kein Problem, aber es gibt Menschen, die genau darauf warten. Was als nächstes passiert, betitle ich seit der 8. Klasse als "Überraschungsparty". Sobald ein Mitglied der Gruppe 2 einen Grund für eine Meinungsverschiedenheit gefunden hat, verschließt es sich gegenüber dem Verursacher und öffnet sich gegenüber der gesamten restlichen Welt. Als Verursacher erfährt man meistens erst als letzter, dass es ein Problem gibt, denn die Gegenpartei hat die Geschichte im gesamten Umfeld verbreitet, ausgeschmückt und dramatisiert. Über Dritte zu erfahren, dass man nur durch eine simple Aussage einen Streit entfacht hat, ist nicht schön und musste wohl jeder schon einmal mitmachen. Besonders gewitzte Mitglieder der Gruppe sorgen sogar für eine regelrechte Streitlawine, wenn sie es schaffen Unbeteiligte von der Schuld des anderen zu überzeugen und sie für seinen eigenen Standpunkt zu begeistern. Erschreckend musste ich innerhalb des letzten Jahres außerdem feststellen, dass dieses Phänomen nicht nur eine Eigenart von Teenagern von 12 bis 18, sondern auch von vielen Mitarbeitern jeder Altersgruppe im Einzelhandel ist. Damit möchte ich nicht sagen, dass jeder so ist, denn schließlich zähle ich mich ja auch zu beiden Gruppen und halte mich für einen umgänglichen Streit- oder Diskussionspartner. Warum mich das Ganze an eine Überraschungsparty erinnert, ist ganz einfach: Jeder weiß Bescheid, nur man selbst nicht und wenn das Geheimnis einmal raus ist, geht der Trubel erst richtig los. Ich habe mittlerweile gelernt, dass man sich von solchen Streitpartnern konsequent fernhalten sollte, denn sonst ist man nicht nur ein Außenseiter, sondern vielleicht auch ganz fix seinen Job los.

3. Gruppe: Der Für-mich-ist-die-Sache-klar-Typ

"Für mich ist die Sache klar, wir sind geschiedene Leute!" sagt sich eigentlich nicht so leicht, vor allem nicht nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit, aber den Anhängern der dritten Gruppe scheint dies sehr leicht von der Hand zu gehen. Es bedarf keinerlei Diskussion, es darf nichts erklärt werden und auch der Streitpartner, der in dem Fall ja eigentlich keiner ist, weil es ja gar nicht erst zum wirklichen Streit kommt, hat keine Chance die Situation aufzuklären, egal wie lachhaft sie auch sein mag. Ich habe mittlerweile gelernt, dass es keinen Sinn hat, Menschen der dritten Gruppe halten zu wollen, denn es wird immer und immer wieder passieren und im Endeffekt geht es eh übel aus.

Insgesamt finde ich es sehr erschreckend, dass es tatsächlich so viele Menschen gibt, die es vorziehen ein Drama heraufzubeschwören, anstatt ein paar offene Worte zu sprechen und sich ein paar klärende Worte anzuhören. Meine Reaktion auf solche Fälle ist immer gleich: Erst Entsetzen, dann Enttäuschung und schließlich Verarbeitung. Und schließlich bleibt mir noch die Hoffnung darauf, dass viele Menschen wissen, dass einfache Worte Türen öffnen, die nie hätten geschlossen werden sollen und dass ich bisher nur mit den falschen Leuten aneinander geraten bin.

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21 Antworten

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    " huch "

    mein name kommt vor ...
    wunderbar wunderbar, mal wieder voll ins schwarze.

    empfehlung

    16.03.2011, 13:54 von MisterPeerJade
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    du sprichst mir aus der seele! der artikel ist echt gut.

    06.10.2010, 19:39 von neon-cookie
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    liegt sicher auch daran, dass man auf gleicher wellenlänge seien sollte was die eigene wertvorstellung etc. betrifft *daumen hoch*

    04.10.2010, 23:38 von explicit
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    klasse ;)

    03.10.2010, 11:52 von Rueschi
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      @the_eye Umgekehrt natürlich.

      30.09.2010, 16:34 von sailor
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    Ich find die Darstellung der 3 Typen recht gut, jedoch gibt es wohl noch mehr Schubladen - Typen die zu bedienen wären. Daher ist der Text zwar ganz nett geschrieben, aber am Ende auch nur ein Absatz von einem viel größeren Thema.

    29.09.2010, 17:25 von Das_Kruemmel
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      @Tiger.Ente Immer diese doofen anderen...

      29.09.2010, 16:20 von sailor
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      @sailor echt ey! die konnt ich noch nie ab...

      29.09.2010, 20:39 von AnnaEcke
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      @AnnaEcke Hab ich gerad heut noch was drüber gelesen. Die doofen anderen führen einem erst die eigene Individualität ins Bewusstsein, weil man erst dadurf gewahr wird, daß man ganz anders doof ist als die anderen...
      Graduell zumindest.

      30.09.2010, 10:45 von sailor
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      @Surecamp naaa, möchte ich ja gar nicht. ist nur ne feststellung, dass es bei mir bislang irgendwie erschreckend oft so gelaufen ist.

      29.09.2010, 20:12 von VNNR
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