schmisa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 17 11

Wo ist Adam?

Adam und ich waren ein außergewöhnliches Paar. Er war groß, breit, und gelb. Sein Äußeres erinnerte an einen Finanzbeamten. So mein erster Eindruck.

Viel lieber hätte ich zur bestandenen Führerscheinprüfung einen Golf, eine Ente oder einen Käfer gehabt. So wie meine Freundinnen stand ich auf Kleinwagen, am liebsten in lila. Aber ich hatte kein Geld für ein Auto, meine Mutter sah die Notwendigkeit einer solchen Investition nicht, also blieb nur noch Oma und die meinte, ihr alter Benz wäre genau das richtige für einen Fahranfänger. Da stand er nun in unserer Auffahrt. Mein erster Wagen. So gelb und mit seinen silbrig schimmernden Zierleisten auffälliger als jede Zahnspange. Adam soll er heißen, nach dem ersten Mann. Denn schließlich war er irgendwie so was wie mein erster Mann. Wir kannten uns schon sehr lange, Adam war fast so alt wie ich.

Oma hatte ihn kurz nach seiner Fertigstellung in Stuttgart abgeholt. Seitdem erfüllte er ihre treuen Dienste. Doch nun sei es an der Zeit, ihn gegen ein sportlicheres Modell einzutauschen, meinte sie. Mit diesen Worten überreichte sie mir einen abgenutzten Schlüssel. „Wie wär’s mit einer Probefahrt“, forderte sie mich auf. Verlegen steckte den Schlüssel in das verchromte Schloss. Der Türgriff hatte die Eleganz einer Kühlschranktür. Knarrend öffnete sich die Tür und ich nahm auf dem Fahrersitz Platz. Schon oft habe ich in diesem Wagen gesessen, als Kind auch öfter mal reingekotzt, aber irgendwie kam mir heute alles so anders vor. Von innen war der Wagen noch riesiger als von außen und noch gelber.

„Bestimmt werde ich zum Gespött meiner Freundinnen“, war mein erster Gedanke. „Am Straßenrand rückwärts einzuparken wird mir erspart bleiben, denn mit dieser Kiste probier ich das gar nicht erst aus“, mein zweiter. Das Armaturenbrett war aus Eiche rustikal. Überall waren große schwarze Knöpfe angebracht, alle Ränder und Kanten waren silbern eingefasst. Am eindruckvollsten war das Lenkrad. Es war so groß, dass der obere Teil genau in meiner Augenhöhe verlief. Erst ein großes Kissen verhalf mir zum nötigen Ausblick auf die Straße. Ich steckte den Schlüssel ins Zündschlüssel, drehte bis zum Anschlag, aber nichts passierte. Das lag daran, dass der Motor nur angeht, wenn man an dem großen schwarzen Knopf kräftig zieht. So wie bei einem Traktor, glaub ich. Das Ding lebte, war mein erster Eindruck. Adam war eigensinnig, streifte schon mal den Bordstein oder fuhr verdächtig nah am Mittelstreifen entlang. Ich denke, Oma war froh, als ich sie zu Hause absetzte und die Fahrt ohne sie fortsetzte. Nun waren wir allein, mein neuer Wagen und ich.

So lernten wir uns kennen und nach anfänglichen Wirrungen auch schätzen. Er war anders als die Autos meiner Freundinnen, die waren klein, spritzig und bunt. Adam wog 1,5 Tonnen, hatte dafür aber 55 PS. So hielt sich sein Temperament eher in Grenzen. Dafür hatte er viel Platz. Mühelos passten sechs ausgewachsene Menschen und viel Gepäck in sein Inneres. Das ging aber zu Lasten seines ohnehin spärlichen Temperaments. Wir waren schon ein Jahr zusammen, hatten die engen Winkel verschiedener Parkhäuser erkundet und uns ein paar kleine Schürfwunden zugezogen.

Kurz vor den Ferien kam meine Freundin Ellen auf die Idee, nach dem ganzen Prüfungsstress einen Trip nach Paris zu machen. Ich war begeistert. Adam und ich waren noch nie in Paris. Außerdem ist das nicht viel weiter als 500 Kilometer. Wir sparten, planten und sprachen nur noch von Paris. Das Gerede war ansteckend. Mein Bruder wollte mit seinem Kumpel mitfahren. Warum nicht, teilen wir das Spritgeld durch vier, wobei Adam nie sehr durstig war. Meine Mutter konnte unsere Begeisterung nicht wirklich teilen. „Lass doch Deinen Bruder zuhause, dann habe ich wenigstens noch ein Kind“, meinte sie pragmatisch zum Abschied. Wir blickten nicht mehr zurück und fuhren Paris entgegen, der Stadt der Liebe, der aufregenden Weltmetropole. Ich fühlte mich sicher, schließlich war Adam bei mir. Wir hatten schon einige Touren hinter uns, da war Paris eine willkommene Abwechslung. Mit seiner lachenden und gut gelaunten Ladung schuckelte er behäbig auf der Autoroute. Ich war schon fast 300 Kilometer gefahren, als wir uns zu einer kleinen Pause entschlossen. Ich parkte Adam auf dem Parkplatz der Raststätte und wir gingen ins Restaurant. Ein paar bittere Kaffees und fettige Croissants später sollte es weiter gehen.

Ich steckte den Schlüssel in das Zündschloss, aber er passte nicht mehr. Ich wusste, weshalb. Mischa, der Freund meines Bruders hatte was aus dem Kofferraum geholt und diesen mit dem Zündschlüssel aufgesperrt. Das war ein Fehler. Adam hatte nämlich mal eine kleine OP am Hinterteil, dabei hatte man ihm ein anderes Schloss transplantiert. Seitdem gab es für den Kofferraum einen anderen Schlüssel. Das hatte ich zwar schon mal erwähnt, aber interessiert hat es wohl niemanden. Mischa hatte den Zündschlüssel gründlich verbogen. Wir stiegen wieder aus und überlegten, was wir tun sollten. Ich hatte nur einen Schlüssel für das Zündschloss. Kurzschließen gehörte nicht zu meinen Talenten. Also machte ich mich unter lautem Fluchen daran, den Schlüssel mit einem Stein wieder einigermaßen gerade zu klopfen. Das gelang nach einer halben Stunde stetigen Klopfens und Fluchens. Adam war glücklicherweise keines von den verwöhnten elektronischen Schnickschnackautos, die schon den Dienst verweigerten, wenn man nur mal laut hustete. Die Reise ging weiter.

Am frühen Freitagabend erreichten wir Paris. Stolz fuhren wir über die Stadtautobahn, geradewegs in den nächsten Stau. Der reichte fast bis in unser Viertel. Auf diese Weise musste ich mir nicht viel Gedanken über Verkehrsregeln machen, sondern mich einfach nur treiben lassen. Unweit von unserem Hotel, vor einem kleinen Laden war, welch ein Glück, ein Parkplatz frei. Wir holten unser Gepäck aus dem Kofferraum und schleppten es ins Hotel. Es war schäbig und ungemütlich. Der Portier war schmuddelig und rauchte ständig Gras mit seinen schmuddeligen Kumpels. Ein Telefon gab es nicht. Unsere Zimmernachbarn waren farbenfroh gekleidete, baumlange Schwarze, die uns verwundert betrachteten. Irgendwie schienen wir hier am falschen Ort, aber was soll’s, zwei Nächte halten wir durch.

Wir warfen die Taschen in die Ecke und gingen gleich auf die Pirsch. Adam stand zufrieden an der nächsten Straßenecke und döste friedlich. Ein letzter Blick, wir machten uns auf den Weg in die Stadt, natürlich mit der Metro. Adam wollte ich die nächsten Tage nicht bewegen, denn mit der Metro kamen wir schnell und billig voran. Wir schlenderten über die Champs-Elysees, aßen Hamburger für verschwenderische 12 Mark das Stück, tranken Cola für 6 Mark und waren froh, überhaupt hier sein zu dürfen. Es riecht nach Großstadt, nach Kultur, nach Haute Couture, eben nach Welt. So verbrachten wir den Abend. Am nächsten Tag besuchten wir den Triumphbogen, kletterten auf den Eiffelturm, schlichen in den Montmartre, schlenderten durch den Louvre und taten alles, was Touristen eben so tun. Währenddessen harrte Adam geduldig auf seinem Platz.

Samstagmittag, wir kamen von einem unserer Ausflüge, ich warf einen Blick auf Adam und er war nicht mehr da. Man hatte ihn geklaut. Omas letzte Worte vor unserer Abreise kamen mir ins Gedächtnis. „Jeden Tag werden in dieser Stadt mehrere tausend Autos geklaut“. „Aber bestimmt nicht einer wie Adam“, entgegnete ich. Wer stiehlt schon eine betagte Limousine. Doch jetzt war es offensichtlich geschehen. Bestimmt war er schon auf dem Weg an die Elfenbeinküste. Nein, so durfte es nicht enden. Die anderen sahen das nicht so dramatisch. „Du wolltest Dir doch sowieso eine neue Kiste kaufen“, meinte Ellen. „Ja, aber“, versuchte ich meine Panik zu verbergen, „doch noch nicht jetzt“. Wir fragten im Hotel nach der Nummer der Polizei. Ich wollte Anzeige erstatten. Unser bekiffter Pförtner beschrieb uns den Weg zur nächsten Polizeistation. Wir fuhren mit der Metro in die Rue de Nollet, betraten das uralte mufflige Gebäude. Der zuständige Gendarm schien gelangweilt. „Routine“, „nie mehr wieder sehen“, entnahm ich dem französischen Buchstabensalat, den er uns servierte. Das konnte ich nicht akzeptieren. Ich wollte Adam zurück haben. Gestern hätte ich ihn noch gegen einen x-beliebigen Kleinwagen eingetauscht, aber jetzt wollte ich ihn wiederhaben. Ich dachte an die schönen Stunden, die wir gemeinsam verbrachten, an das Kissen, dass ich unter dem Schonbezug versteckte, weil ich sonst nicht aus der Scheibe sah. An meine Kindheit, als ich seine Polster voll kotzte. Ich wollte ihn und keinen anderen, das wurde mir in dem Moment bewusst.

Der Gendarm redete und tippte auf seiner alten Schreibmaschine. Ellen übersetzte, weil mein französisch nicht reichte, um eine Diebstahlmeldung zu formulieren. „Farbe?“ fragte der Gendarm. „Gelb“ schluchzte ich. Er hämmerte unaufhörlich auf die Tasten. Nur mühsam konnte ich meine Enttäuschung verbergen. Wie ein geschlagenes Kind ging ich an diesem Abend zurück ins Hotel. Nichts konnte mich aufmuntern. Ich musste mich zusammen reißen, um etwas zu essen. Mir war schlecht. Nicht der Gedanke, wie wir jetzt nach hause kommen machte mich fertig. Denn das war kein Problem. Wir würden mit dem Zug fahren. Nein, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen schmerzlichen, unwiederbringlichen Verlust erlitten. Ich litt.

Es wurde eine unruhige Nacht. Am nächsten Morgen wachte ich zerknittert auf. Ich fühlte mich wie überfahren. Meine gedrückte Stimmung hatte sich auf meine Reiseteilnehmer übertragen. Wir zogen uns an, packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg zum Bahnhof. Wenn sie was erführen, würden sie uns unterrichten, meinte der Gendarm noch zum Abschied. Aber das war nur eine Floskel. Wer sollte schon nach meinem alten Adam suchen. Wir erreichten den Bahnhof und erkundeten den Fahrplan nach dem nächsten Zug nach Hause. Noch mehr als 2 Stunden bis zur Abfahrt. Gerade soviel Zeit, noch einmal zur Polizeistation zu schlendern und nach Adam zu fragen. Ich betrat den Raum, und der Gendarm blickte mich unfreundlich an.

„Was ich mir dabei gedacht hätte“, meinte er. Ich wusste nicht, was er meinte. Der Wagen war jetzt seit 24 Stunden verschwunden. Zuletzt hatte er am Straßenrand vor dem kleinen Geschäft gestanden. „Ja“, meinte der Gendarm, „eben, dies war der private Parkplatz des Geschäftsinhabers, der den Wagen am Samstagmorgen abschleppen ließ“. Gegen eine Gebühr, die in etwa dem Preis für 4 Fahrkarten entsprach, konnte ich Adam abholen, natürlich am anderen Ende der Stadt. Dort stand er, breit, groß und gelb zwischen unzähligen, anderen Wagen. Dies war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Und für einen kurzen Augenblick meinte ich, Adams Erleichterung zu spüren, als ich ihn umarmte.

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17 Antworten

Kommentare

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    furchtbar schön. hatte schon fast nasse augen.

    27.03.2008, 15:54 von landhausprinzessin
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    fantastisch !

    dankesehr

    26.03.2008, 18:24 von impulsive
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    "Ich litt"- Das kann ich so gut nachvollziehen. Ich war vor einigen Tagen mit meinem Toyota Hiace Van (Baujahr 77) in der Werkstatt-Urteil: Schrottreif!
    Ich war so traurig! Bin aber zum Glueck noch zu zwei anderen Werkstaetten gegangen und es stellte sich raus: Alles halb so wild, nur ein paar Kleinigkeiten.
    Hurra! Man traue also nie einem Mechaniker.
    Ich koennte es nicht uebers Herz bringen "Wild Thing" aufzugeben. Sie hat uebrigens auch ein Eigenleben und moechte nach kalten Naechten nicht losfahren, aber mit Elektroschock und schoen viel Gasgeben da schnurrt sie wie ein Kaetzchen...
    Ich versteh gar nicht, weshalb man sich ein neues Auto kauft, die haben doch gar keine Seele und sind alle gleich.
    Ich mag deinen Schreibstil!

    26.03.2008, 05:13 von trollkind
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    Ich hab meiner Mutter ihren alten Wagen abgekauft - ein Toyota Starlet. Klein, schon etwas älter, aber es würde mir das Herz brechen, wenn er mir geklaut werden würde.
    Ich kann Dein Schock-Gefühl gut nachvollziehen. Habe einmal vergessen, wo ich geparkt hatte und natürlich gleich gedacht, mein geliebtes kleines rotes Auto sei gestohlen worden. Seitdem versuche ich immer direkt vor der Tür zu parken, um hin und wieder einen liebevollen Blick auf meinen kleinen Wagen zu werfen!

    24.03.2008, 13:07 von Zaubermaus
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    Tolle Geschichte.

    24.03.2008, 12:49 von derbarsch
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    Aaaaaaaah, wunderbar, herrlich, erleichternd, lustig, traurig, herzzerreißend ...
    Danke für deinen Text.
    Ich hätte auch so gerne einen Benz gehabt. Ich fuhr fast jeden Tag an einem wirklich tollen, altem Daimler vorbei. Und eines Tages war er nimmer da - ich hatte das Gefühl, jemand schnürt mir die Kehle zu ...
    Gibt es ein Foto von Adam?
    Mein erstes Auto war übrigens ein 2erGolf, 19Jahre alt und hieß Agathe - wie musste ich leiden, als ich sie in den Friedhof begleitet hab ...

    22.03.2008, 19:34 von chiaramadita
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    frauen merken immer erst was sie hatten, wenn sies verloren haben :)
    wie kann man einen kleinwagen nur nem benz vorziehen?
    nich das ich auf mercedes steh, abr... ford Ka, *bibber

    22.03.2008, 10:14 von der_Fabi
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    Hast du ein Foto? Ich will Adam auch einmal sehen :]

    21.03.2008, 22:17 von Der_Muenzer
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      @Der_Muenzer Ich muss mal suchen, ich glaub, es gibt noch eins aus dem Fundus meiner Oma....*lach

      21.03.2008, 22:25 von schmisa
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    meiner heißt knut wir kennen uns erst seit zwei monaten doch ich iebe ihn heiß und innig. Er ist wie der echte knut jetzt alt und schmuddlig und auch sonst sieht er aus wie ein eisbär gott sei dank ist uns sowas noch nicht passiert und ich freu mich schon auf unsren ersten urlaub

    21.03.2008, 19:33 von estheresther
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    Ein schöner Text. Erinnert mich an den schönen grünen W123, der mich für ein paar 1000 km durch Polen begleitet hat. Die Kiste ist mir immer noch lieber als jeder Kleinwagen, groß und ehrlich. Eine Spritschleuder ohne Kat ... Spitzname "Frosch"

    20.03.2008, 02:04 von DerVermummteHerr
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