M_Kleemann 22.08.2008, 15:15 Uhr 3 3

Wo immer auch das Gras wächst

wird die Kuh gekitzelt und die Grille spielt Geige

Es soll Freundschaften geben, die halten ein Leben lang. Und, es soll Freundschaften geben, die beginnen dort, wo Kinderwünsche hinter einer Scheibe liegen: an dem Schaufenster eines Delikatladens, wo Peter, die Nase tief und die Hände fest an die Scheibe gedrückt, mit glänzenden Augen an der süßen Auslage klebte, und Klaus dahinter, auf Zehnspitzen stehend und mit einen Arm tief im großen Glasbehälter wühlend, eine Hand voll Konfekt packte, das sie sich dann später, noch beim Laufen oder auf den Stufen einer Treppe, teilten. Schon damals, als beide noch im Regen tobten, ihnen Wind und Wetter ins Gesicht klatschte, und beide jeden Morgen gemeinsam mit der Straßenbahn zur Schule fuhren, als sie immer und überall nebeneinander saßen, um sich die Stöpsel des einen Kopfhörers zu teilten ... zu einer Zeit, als sie ihre schuldlosen Kinderüberlegungen noch aufs Butterbrotpapier malten, da ahnten beide im Entferntesten noch nicht, dass auch in Seife und Seide immer ein wenig Daseinsberechtigung steckt und, dass das Leben manchmal wie eine Telefonleitung an den Schienen der Eisenbahn auf und niederschlägt.

Nun, viele Jahre sind verschwunden, die Züge sind schneller geworden, und die Tauben sind ausgezogen aus den großen modernen Bahnhöfen, haben sich zurückgezogen, um ihre Nester in den rostigen Dächern der einsamen und staubigen Bahnhöfe zu flechten. Klaus und Peter sind inzwischen so oft mit dem Zug gefahren, dass sie irgendwann aufhörten aus dem Fenster zu schauen. Sie fuhren nicht immer gemeinsam mit dem Zug, doch da waren Tage, an denen die Leitungen in solch einem Tempo an den beiden vorbeirauschten, dass es keine Rolle spielte, ob sie in Abwesenheit oder in Begleitung des anderen fuhren, so sehr waren sie manchmal in die Gedanken der Erwachsenen versunken, dass, hätte der eine den anderen angestoßen, man meinen konnte, eine Taschenlampe wurde angeknipst ... und wenn das Unglück wie Gießharz an den Füßen klebte; und auch die Telefonleitungen bis hinunter ins Gras hingen, ausgeleiert und über alle Maße gedehnt, wie der kraftlose Sack einer alten Kuh, und nimmer würde sich daran etwas ändern, haben Klaus und Peter doch nie aufgehört im Gras zu lümmeln, denn es gab auch immer ein Konzert der guten Gründe. Natürlich hat die Zeit auch Klaus und Peter gestreift, doch sind die Spuren, die mit flüchtigem Blick zählbar sind, nur an Haut und Stimme, an Haar und Haltung sichtbar. Klaus trägt mittlerweile eine Lichtung auf dem Kopf, und Peter steht leicht schief und reibt sich den Rücken. Wenn sein Rücken nicht schmerzen würde, dann würden beide auch heute wieder nebeneinander sitzen. So steht Peter, und Klaus sitzt.

Das Band noch hält, der Peter gebückt, welch' Glück, dass nur die Scheibe drückt - hihi, sagt da der Erzähler, der auch gleich den Augenblick nutzen möchte, um ein paar Worte über die arithmetische Mitte des Lebens und die Umstände zu verlieren, die diesen noch in den Federn liegenden Morgen in zwei Teile spalten. Doch zu erst nur die Umstände, denn die arithmetische Mitte als Aufsummierung der gezählten Tage von Klaus und Peter gehört in eine andere Geschichte, und würde mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Länge erhalten, die an keine Schiene passt.

Klaus konnte schon als Kind erklären, warum der Himmel blau und die Banane krumm ist. Mit Freude und Ehrgeiz absolvierte er Schule und Studium. Danach erwarb er die Doktorwürde, und war das, was man in akademischen Kreisen als hoffnungsvolle und vielversprechende Fachkraft bezeichnen würde, und da nun der Zeitpunkt, an dem er mit seinen beruflichen Zielen und Pflichten brach, auf den Tag genau ein Jahr zurückliegt, sollte auch das Wörtchen "gewesen" nicht fehlen. Denn damals, nach Ablauf einer fristgerechten Kündigung, und den erforderlichen Meldungen bei Behörden und Ämtern ("Das gibt's doch nicht! Und das in der heutigen Zeit!", meinte eine Verwaltungsdame, für die die bewusste Aufgabe des Arbeitsplatzes und die fehlenden Aussicht auf eine neue Anstellung einer Verwandlung von Seide in Baumwolle gleichkam), packte er seine Koffer und wurde ab da nur noch an den Ausläufern des Dueros gesehen. Bis gestern nur, denn Klaus ist zurückgekehrt, und der Erzähler verbietet es sich, bei Anwesenheit über die Abwesenheit zu sprechen.

Peter war schon immer ein Herumtreiber, für den die Grenzen der Eltern ein gar zu kleines Rechteck aufspannten. Schon als Kind flanierte er in seinem Bezirk und war bekannt wie ein bunter Hahn. Später dann, aber immer noch im zarten Mannesalter, war er bei den jungen Damen als Aufreißer bekannt ("Komm? bald zurück!", raunten ihm die Damen hinterher, wenn er mit seinem Boot in See stach). Sportlich und elegant manövrierte er sein Boot durch die wildesten Wässer, behutsam und zärtlich nahm er die Beiboote, räumte das Feld für die wirklich dicken Fische oder mimte gar das Rettungsboot. Doch immer mit der größten Achtung und auf Sicherheit bedacht, egal ob Kutter oder Paddelboot. Für Tage, für Wochen verschwand er manchmal auf See - immer suchend nach den Begegnungen der ersten Lust. Aber auch hier will der Erzähler erwähnen, dass es sich bei Peters Seefahrt um etwas Abgeschlossenes handelt, denn Peter ist sesshaft geworden; für ihn hat die Romantik begonnen, und nur noch die unerwartete Annäherung einer Frau und seiner Sehnsucht soll für ihn die Geige spielen ... dann, wird er die Blumen nur noch selber pflücken.

Und so sitzen Klaus und Peter eben an diesem Morgen auf jener Bank, an der sie sich vor einem Jahr verabschiedeten, und nur die Grille weiß, ob nun gebaut oder immer noch gepflanzt wird.

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Kommentare

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    also es ist schön nach langer zeit wieder einmal etwas von dir zu lesen. aber ich weiß nicht, irgendwie klingt es uninspiriert, so als hättest du dich zum schreiben gezwungen. dabei fließen die worte doch sonst so leicht bei dir.

    07.09.2008, 15:05 von odradek
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      @odradek Gruß odra ... ja, Du hast Recht: der Text ist konstruiert. Ich habe im letzten Jahr wenig geschrieben, was von Anfang bis Ende (m)einer Inspiration folgt. Ich habe viel geschrieben, viel konstruiert, kleine Erzählungen nur, bei denen am Anfang eine Inspiration stand, und in denen ich versuche gesellschaftliche Ereignisse oder Entwicklungen einzubeziehen ... das liegt mir nicht so, und schwups, bin ich eher beim Basteln als beim Fließen.

      Aber ich arbeite daran ... hat Dir der Text trotzdem ein wenig gefallen (von der Empfehlung abgesehen) ... ich wollte am Anfang noch drunter schreiben: "Only für Odradek" Mein Hallo an Dich. Peace.

      08.09.2008, 14:00 von M_Kleemann
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    Fantastisch.

    22.08.2008, 22:08 von N0ra
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