Wir waren unzertrennlich...
Kann eine so enge Freundschaft einfach aufhören? Ausgelöscht werden? Hätte sie mehr versuchen sollen? Nein, das wäre nur zwanghaft gewesen.
Es war mitten im Sommer. Lina und Anna saßen außerhalb ihres Lieblingsclubs und waren euphorisch. Der Alkohol hatte sie auf ein angenehmes Ausgehlevel gehoben und sie hatten beide einen Lebensabschnitt hinter sich gelassen, den sie zum Großen Teil als beste Freundinnen durchgestanden hatten. Sie hatten nun ihr Abitur. Bald würden sie anfangen zu studieren, beide hatten schon die Zusagen. Auch diese positiven Zukunftsaussichten machten sie euphorisch. Sie waren nun noch einen Schritt weiter. Etwas Neues würde kommen, es war Zeit, dem Schülerdasein endgültig den Rücken zu kehren. Dass Lina in München und Anna in Augsburg studieren würde, war beiden bewusst, doch diese relativ geringe Distanz sollte nicht ihre Freundschaft zerstören. Sie hatten schließlich so viel zusammen erlebt. Hatten sie nicht zusammen die Lehrer in der neunten Klasse um den Verstand gebracht? Hielten sie nicht immer zusammen während gemeinsame Freunde kamen und gingen?
Der Abend sollte ausgelassen und lustig werden, sie wollten nur noch feiern, so wie sie es schon seit Wochen taten. Sich selbst, das Leben und ihre Freundschaft feiern.
Lina hielt Annas Hand. „Ich hab dich so lieb, mein Schatz, du bist die Beste. Uns trennt nichts. Ich werd mit niemandem sowas erleben wie mit dir!“ Anna umarmte Lina. „Ich dich auch. Da kann kommen wer will, is mir scheißegal, wir halten zusammen.“
So saßen sie da. Drinnen tobte die Party im Club, außen tobte die Party der Raucher und Vorglüher. Mittendrin waren Lina und Anna. Sie hielten sich mindestens eine Minuten lang nur im Arm. Ihnen war egal, was die anderen sich dabei dachten. Sie waren beste Freundinnen, da war das normal. Als sie händchenhaltend nach drinnen gingen und auf die Tanzfläche stürmten kam sich Anna vor wie mit 13. Alles war aufregend und neu. Nur ihre Freundschaft würde bestehen. Da war sie sich sicher.
Ein halbes Jahr später sitzt Anna zu Hause am Esstisch. Sie hat Geburtstag, wird 20. Sie wartet. Auf eine Nachricht von ihrer besten Freundin. Von Lina. Konnte man das noch so nennen? Sie hatten sich schon zwei ganze Monate nicht mehr gesehen. Davor hatten sie es immer irgendwie geschafft, sich zumindest an den Wochenenden einmal zu sehen, wenn Lina wieder in Augsburg war. Sie waren per SMS oder Facebook in Kontakt geblieben, doch seit zwei Monaten herrschte eine eigenartige Funkstille. Anna wusste nicht wieso. Sie hatten keinen Streit gehabt. Der Kontakt war nur irgendwie plötzlich abgebrochen. Beide hatten Klausuren und viel Stress durch die Uni.
Nachmittags kam dann tatsächlich eine SMS von Lina. „Hi, ich wünsche dir einen schönen Tag und alles Liebe und Gute zum Geburtstag“. Keine „Liebe Grüße“ oder „Hab dich lieb“ oder das sonst für Lina übliche Herz am Ende der SMS. Nüchtern und irgendwie fremd war das. Das war nicht mehr ihre beste Freundin. Anna spürt es. Irgendetwas war da passiert und sie weiß nicht, was.
Einige Tage später schreiben sie per Messenger, aber es fühlt sich an, als wären sie nur flüchtige Bekannte. Sie haben sich nichts mehr zu erzählen. Anna bricht das Gespräch nach einiger Zeit ab, sie merkt, dass Lina nun mit anderen Dingen beschäftigt ist. Natürlich wird sie andere Freunde gefunden haben in München, dachte sich Lina, aber was haben wir uns damals so innig geschworen im Sommer? Waren wir nicht beide überzeugt davon, dass wir gute Freundinnen bleiben würden? Neue Freunde ersetzen ja trotzdem nicht die alten guten Freunde. Oder etwa doch? So hatte Anna das eigentlich nie gesehen und so wollte sie auch nicht, dass es endet für Lina und sie. Waren sie wirklich davon überzeugt gewesen, dass es nicht doch auseinandergeht? Anna denkt nach. Doch, irgendwo, tief in ihr, hatte sie gewusst, dass die Freundschaft zerbricht. Früher oder später. Und sie muss es zulassen, sie wird nichts tun können. Das wusste sie nun.




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