k.thrin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 2

Wir sind doch nicht mehr beste Freundinnen, oder?

"Es ist 1996, meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee..."

Du warst mein stärkster Halt. Meine klügste Ratgeberin. Mein kühler Kopf, wenn ich zu emotional war. Du warst meine beste Freundin, mein Kumpel, meine Familie. Die allerbeste Freundin eben.

Mein Leben hat sich mit dir geändert. Banale Kleinigkeiten wohl: Ich wasche mit Coral. Ich benutze diese einen bestimmten Abschminkpads. Kartoffelbrei kann man auch im Topf aufwärmen, dafür braucht man keine Mikrowelle. Hosen dürfen keine großen Hintertaschen haben (das macht laut dir nämlich einen dicken Po). Die Mortadella muss ganz fein geschnitten sein. So viele Lieder sind "unsere Songs". Selbst unsere Handschrift ist sich zufälligerweise so ähnlich, dass ich manchmal denke, meine Einkaufszettel könntest du geschrieben haben.

Unsere gemeinsame Single-Zeit. Disko bis zum Abwinken. Unsere Oma-Urlaube. Natürlich ohne jeweiligen Partner. Am Strand spazieren, schweigen, quatschen. Regelrechte Fressorgien haben wir gemeinsam gestartet und sie unter dem Deckmantel "Mädelsabend" getarnt.


Aber irgendwie ist das alles kaputt. Verschollen hinter dem Gefühl des Hintergangenwerdens. Du wolltest dich nicht auf eine Seite stellen. Nicht auf meine Seite. Ich hätte mir gewünscht, dass es dir weniger wichtig gewesen wäre, mit meiner Ex-Freundin befreundet zu sein. Ich hätte mir gewünscht, dass ihr nicht gemeinsam feiern gegangen wärt, während ich hin- und hergerissen war, ob meine Entscheidung mich zu trennen richtig war. Ich hatte gehofft, dass du sie gemeinsam mit mir verteufelst. Verbündete gegen den "Bösewicht". Du hättest das nur getan um mir ein gutes Gefühl zu geben. Aber macht man das nicht so? Gemeinsam mit der besten Freundin leiden und schimpfen?

Viele Menschen sagen, dass eine Freundschaft wie eine Beziehung sein kann. Auf jeden Fall kann das Ende einer Freundschaft schlimmer sein als eine Trennung. Sehr viel schlimmer.

Zu Geburtstagen und Weihnachten schicken wir uns Karten. Schnell husche ich in deinen Hauseingang und werfe die Karte in deinen Briefkasten. In der Hoffnung, dass du nicht gleich um die Ecke kommst und mich dabei erwischst, wie ich mich feige aus deinem Hauseingang schleiche. Wie sollte ich dann auch reagieren?

Und dann hast du unser stummes Abkommen gebrochen weiterhin irgendwie heimlich still und leise beste Freunde zu bleiben. Du hast mitbekommen, dass ich in den Urlaub fahre und mir eine Nachricht geschrieben:

"Paris ist toll! Ich wünsche dir eine schöne Zeit!

Restaurant-Geheimtipp: Bistrot Richelieu, 45 Rue de Richelieu."

Du warst also plötzlich überall in Paris. Auf dem Eiffelturm. Beim Louvre. Überall bist du vor meinem geistigen Auge aufgetaucht und hast gesagt: "Das ist toll! Da musst du reingehen!"

Also bin ich wieder nach Hause gekommen. Und habe eine Entscheidung getroffen. Wahrscheinlich war ich damals viel zu emotional. Aber du warst ja involviert und konntest mich deshalb nicht ausschimpfen! Ich wollte dir also antworten. Ich wollte dich wieder als Teil meines Lebens! Dich zurück. Wenigstens ein bisschen. Als Freundin. Einfach mal wieder ein paar irre Nachrichten schreiben. Kaffee trinken. Prossecco und Schokolade mit Chips und Pommes. 


Und dann habe ich dein Profilbild gesehen. Gemeinsam mit meiner Ex-Freundin beim Feiern. Ein Bild wie es doch eigentlich nur besten Freundinnen zusteht. In einer Fotobox lachend mit scherzhaften Knutschgesichtern.

Ich weiß nicht, ob ich mich nochmal heimlich in deinen Hauseingang schleichen muss.

Wahrscheinlich ist das kindisch, aber irgendwie hast du mir mein Herz schon wieder ein bisschen gebrochen.





Tags: Beste Freundinnen, Freundschaftsbruch, Hintergangen werden, Herzschmerz
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4 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ach ja....klingt immer wieder grauselig (Mischung aus grausam und gruselig, bewusster Neologismus), wenn die Loyalität flöten geht...

    31.12.2015, 21:26 von Alex.Regensdorff
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  • 0

    Ja, das ist immer schade, wenn solch einst enge Freundschaften auseinander gehen. Schließlich hat man selten welche, die so sind wie von Dir beschrieben.

    18.04.2015, 09:28 von Cyro
    • 1

      Das stimmt. Das macht sie dann natürlich auch wieder gerade deshalb besonders.

      18.04.2015, 11:40 von k.thrin
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  • 1

    Mir gefällt es sehr wie du schreibst. Man spürt beim lesen die Emotionen und die Gefülhle die du vermitteln möchtest und irgendwie denkt man sich: "Fuck, bei mir war das doch genauso!"  


    LG

    17.04.2015, 23:14 von AndHart
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