hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 83 92

Wir sehen uns

Von der großen Kunst sich wiederzusehen.

In meiner Hosentasche schlägt mein Telefon gegen meinen Oberschenkel. Ich kommuniziere aber gerade mit einer ganzen Hand voll Menschen, die mir was zu sagen haben. Deshalb kann ich nicht schauen, wer mich da unter der Gürtellinie antippt. Die anwesenden Menschen würden es mir übel nehmen, wenn ich ihnen nicht meine volle Aufmerksamkeit schenke. Also vergesse ich das Klopfen bis zur Mittagspause. Als ich dann endlich freie Sicht habe, schaue ich auf das von spitzen Blicken zerkratzte Display. Diese Nummer kennt mein Telefon nicht und zeigt mir deshalb nur die nackten Zahlen. Mitteilung lesen. „Hallo. Ich hab grad an dich gedacht. Wie geht’s dir so? Was machst du? Wollen wir uns mal wieder treffen! Würd mich riesig freuen!“ Die letzten beiden Sätze klingen dringend. Ich frage mich. Kein Name darunter. Scheint so, als hätte ich mit dieser Nummer längst abgeschlossen. Irgendwann wurde diese Verbindung endgültig unterbrochen. Ich vermute zu Recht. Ich überlege, was ich antworte. Ich gebe mir keine Blöße und erzähle kurz von mir. Aber ich gebe mir auch keine Mühe und stelle keine Frage. Die Antwort kommt erst gegen Abend. „Ich bin jetzt auch in Berlin. Vielleicht treffen wir uns ja mal.“ Zwei Wochen später: Speicher voll. Nachricht löschen. Ja, alle!

In einem großen Technikmarkt stehe ich neben einem CD-Player und suche mir mit spitzen Ohren meine Belohnung zum Feierabend aus. Die Augen sind geschlossen, damit mich die grellen Farben um mich herum nicht von den leisen Zwischentönen ablenken. Als ich die CD wechsele, schaue ich kurz nach oben. Ein freudiger Blick fällt mich an wie ein schwerer Bernhardiner. Das Gesicht, aus dem er gesprungen kommt, wirkt bekannt freundlich. Aber es gibt keinen Namen dazu in meinem Adressbuch mehr. Seite rausgerissen. Ich ziehe meine Mundwinkel nach oben und senke dabei den Kopf. Augen zu und unter den Blicken durch. Als gerade das zweite Lied beginnt, tippt mir jemand auf die Schulter. Kein Ausweg. Außer ich kann glaubhaft klar machen, dass ich soeben im Stehen eingeschlafen bin. Kann ich aber nicht. Deshalb Kinn von der Brust nach oben holen und Konzentration. Der nette Bernhardiner begrüßt mich überschwänglich. Er sagt, dass er sich unglaublich freut, mich zu sehen. Und es wäre ja schon lange her, dass man sich das letzte Mal gerochen hätte. Dann leckt er mir das Gesicht mit ein paar Komplimenten ab und fragt, ob ich denn mittlerweile auf die Beine gekommen wäre. Ich hätte ja damals und so. Und wäre ja auch und so. Und eigentlich dachte er immer und so. Ich bin beeindruckt über sein Faktenwissen. Der Bernhardiner scheint ein gutes Gedächtnis zu haben. Ich habe so was leider nicht und auch keine Zeit. Ich stelle keine Fragen. Und klopfe ihm als Rache für den tippenden Finger vorhin zum Abschied mit einer flachen Hand so sehr auf die Schulter, dass es knallt. „Wir sehen uns“, bellt er mir nach. Das werden wir sehen, denke ich.

In meinem alten Kinderzimmer steht ein hellbrauner Schrank, den die Zeit dort vergessen hat. Man sieht dem Stück Möbel von außen an, dass es aus einem anderen Leben stammt. Zerrissene Kleber von Bands, die ich längst überhöre, sind darauf. Kratzer und Schrammen aus Zeiten, in denen man sich noch häufig an Ecken gestoßen hat, überdecken den Baumarktschick. Wenn ich die Schranktür aus ihrem Schloss hebe, finde ich Kisten mit schweren Deckeln. Diese Kisten sind die Schubladen, aus denen die Menschen immer so gern entfliehen wollen. Wenn ich sie öffne, springt die Gedankenmaschine an. Gesichter blicken von Fotos zu mir hinauf. Sie wirken so vertraut, als könnte man sie heute Abend noch auf ein Bier treffen. So wie damals. Menschen tun Dinge darauf so selbstverständlich, als hätte man heute noch genügend Zeit dafür. So wie damals. Die alten Blickwinkel sind für meine Augen eine schnurgerade Überraschung geworden. Man sieht die Sachen eben heute aus einer anderen Sicht. Briefe erzählen mit flüssigen Worten Geschichten aus einer Zeit, in der man noch Fundamente gegossen hat. Die Fundamente, auf denen heute alles steht. An die man nicht denkt, wenn man die Treppen im fertigen Haus nach oben steigt. Da sind Mädchen, an deren Küsse ich mich gern erinnere. Da sind Jungs, deren Schulterschläge ich noch krachen höre. Da sind Orte, die längst ohne mich auskommen. Gefühle werden mit dem Staub aufgewirbelt und machen den Hals trocken. Das Herz wird weit und verschwindet hinter dem Horizont. Bis irgendwann die Zeit sich in Erinnerung bringt und man die Schublade wieder schließt, aus der die schönen Gespenster gekrochen sind. Wenn die Schranktür wieder ins Schloss gefallen ist, denke ich an die leere Stadt, in der jetzt keiner mehr abends auf meinen Anruf wartet. Aber weiß, dass es genau so gut war. Wie es nie wieder sein wird. Auf Wiedersehen.

Ich wähle die Nummer eines Mannes, den ich meinen Freund nenne. Es tutet. Es tutet. Es tutet. Es tutet sich nichts. Eine unfreundliche Frauenstimme sagt mir, dass der Teilnehmer, der nicht teilgenommen hat, mit einer Kurznachricht über meinen verzweifelten Versuch informiert wird, ihn zu erreichen. Gut. Ich warte bis zum Abend. Dann versuche ich es noch einmal. Wieder das Tuten. Wieder nur die Frau, mit der ich mittlerweile häufiger spreche, als mit dem geliebten Teilnehmer. Ich lege auf und mich hin. Als ich gerade einschlafe, baut sich das Lied in meinen Traum ein, das mein Telefon spielt, wenn der Teilnehmer anruft. Ich stemme meine Lider einen Spalt auf und sehe, dass die Frau wohl meine Nachrichten übermittelt hat. Er ruft an. Der Teilnehmer ruft an. Und ich gehe nicht ran, weil mein Sprachzentrum bereits im Tiefschlaf liegt und von besseren Zeiten träumt, in denen man reden könnte. Am nächsten Morgen schreibe ich eine Nachricht. Ich schreibe, dass wir mal telefonieren müssen. Wegen Treffen. Und weil es viel zu reden gibt. Viel zu reden über Dinge, die seitdem passiert sind. Seit dem wir uns das letzte Mal vor knapp drei Wochen gesehen haben. Gegen Mittag antwortet er von seiner E-Mail-Adresse aus dem Büro: „Ja, stimmt.“ Während ich von meinem Büro aus zurück schreibe, überlege ich, was ich ihm eigentlich gern erzählen möchte. Und welche Fragen ich habe. Freunde verbindet man ja von jeher mit guten Antworten und einem kalten Bier. Und mir fällt auf, dass sich ein paar Dinge schon erledigt haben, die ich zu erledigen hatte. Ganz von alleine. Ohne seine Hilfe. Aber ich bin sicher, dass es mit ihm besser gelaufen wäre. Da bin ich sicher. Er hat so eine ruhige Art die Dinge zu sehen, die mir gut tut. Und als ich gegen Mitternacht zu Hause ankomme, finde ich ein warmes Gefühl in meiner Brust. Und eine Einladung zum Biertrinken in meinem Briefkasten. Wir sehen uns morgen.

In meinem E-Mail-Postfach liegt eine Mail. Ihr Text ist kurz. So kurz, dass es weh tut. Zumindest wenn ich bedenke, dass ich mit dem Absender früher Stunden lang geredet habe. Da steht: „How are you?“. In der History zum Absender kann ich erkennen, dass meine letzte lange Nachricht an den Absender lange her ist. Knapp zwei Monate. Zwei Monate ohne Antwort. Eine lange Zeit, wenn man wartet. Noch länger, wenn man nicht mehr darauf hofft. Ich lese meine Mail von damals, ich möchte fast „von früher“ sagen. Ich habe viel darin erzählt. In der Hoffnung, dass es ihn interessiert. Aber der Absender ist und bleibt eben ein Absender. Er will kein Empfänger mehr sein. Ich lese die beiden Zeilen und auch dazwischen. Und finde nichts, was darauf hindeutet, dass eine lange Antwort etwas ändern würde. Ich schließe das Programm und konzentriere mich auf meine Arbeit. Aber das wird nix, merke ich schnell. Ich denke an unsere Vergangenheit. Ich bin traurig über unsere Gegenwart. Und sehe keine Zukunft. Ich hab sie mir selbst versaut. Das weiß ich auch. Aber es gibt Dinge, bei denen hilft es nicht, wenn man sie akzeptiert. Die bleiben eine offene Wunde. Da kann man noch so viel Salbe drauf schmieren. Da lässt einen die Zeit mit ihrer Heilkraft im Stich. Der Absender möchte also wissen, wie es mir geht. Aber ich glaube das meint er anders. Ich glaube der Absender will nur sicher gehen, dass ich noch empfange. Weil es so ganz ohne mich eben auch nicht geht. Immerhin. Ich bin auch noch da. Ich sitze hier auf meinem Stuhl und warte. Und alles, was ich dazu brauche, sind zwei kurze Sätze im Abstand von zwei Monaten. Und so wird das auch bleiben, fürchte ich. Solang bis wir uns dort wieder sehen, wo wir uns verloren haben.

92

Diesen Text mochten auch

83 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    wow, verdammt. dein Text ist so unfassbar gut! geht direkt unter die Haut (: fein, fein, feeeein

    15.01.2011, 19:36 von cantyoudream
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wie wahr das teilweise ist.
    traurig eigentlich =(

    24.10.2010, 13:33 von havefaith
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Zum Auszug von farbenkind: Das kenne ich auch nur zu gut. *autsch

    15.06.2010, 09:26 von Lunalisa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sorry, habe gerade gemerkt, dass es das falsche Kommentar zum falschen Text war.
    War eigentlich für den Text "Moreen" gedacht

    14.05.2010, 17:35 von SonnenTaenzer
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gefällt mir sehr gut

    ich merke gerade, wie schwer es ist sich einzugestehen, dass Freundschaften aus Kinderzeiten später einfach nicht mehr das Gleiche sind...
    aber ich weiss Got sei Dank, dass sie ein glückliches Leben haben.

    14.05.2010, 17:31 von SonnenTaenzer
    • Kommentar schreiben
  • 0

    liebe den letzten satz

    05.01.2010, 00:51 von wimpernwunsch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Bei dem Erinnerungskisten-Abschnitt ist mir das Herz ganz schwer geworden! Empfehlung.

    08.12.2009, 15:07 von Seifenblasen.im.Kopf
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 9

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare