benedicthh 02.02.2011, 13:43 Uhr 24 8

Wie getroffen, so geaddet

Über Halbfreunde und geteilten Müll.

Es war nur ein Klick. "Nicht jetzt" bot facebook mir an. Besser gepasst hätte "Niemals". Aber auf facebook ist das meiste ohnehin höchstgradig unverbindlich, also ist es auch die Ablehnung einer Freundschaftsanfrage. Dachte ich zumindest. Julias spätere Reaktion war allerdings sehr verbindlich, um nicht zu sagen: angepisst.

Es war die typische Situation mit der Party, dem Smalltalk und dem abschließenden "Hasse eigentlich facebook?" gewesen. Prinzipiell könnte man ja einfach den eigenen Namen falsch buchstabieren oder sagen, man hätte kein facebook. Das ist aber irgendwie gerade heraus arschig. Etwas subtiler ist es doch, später die Freundschaftsanfrage einfach abzulehnen. So ehrlich, direkt und letztendlich aufrichtig, jemandem "Sorry, aber echt nicht" mitten ins Gesicht zu sagen, ist ja nun wirklich fast niemand. Anscheinend fand Julia meine Variante aber doch nicht so subtil. Das stellte ich fest, als sich die olle Kamelle "Man sieht sich immer zweimal" wieder mal als richtig erwies. "Achja, Julia von neulich ne?" - "Ja und du hast mich bei facebook geblockt!"

Wieso projizieren Menschen auf etwas, das mit einem Klick beginnt und ziemlich oft ohne Intermezzo auch wieder mit einem aufhört, allen Ernstes etwas auch nur ansatzweise Bedeutsames oder sogar Freundschaftsähnliches? Natürlich gibt es Freundschaften, die wegen räumlicher Distanz größtenteils auf facebook stattfinden. Oder reale Freunde, die es einfach lieben, sich online gegenseitig Musikvideos oder insidergetränkte Kreativitätsergüsse auf der Pinnwand zu hinterlassen. Aber im Hintergrund steht hier eine Freundschaft im wirklichen Leben und eben mehr als nur eine Begegnung auf irgendeiner Party.

Mit derartigen Halbbekanntschaften und Freunden von Freundesfreunden möchte man nicht dieselben Dinge teilen wie mit engen Freunden. Am facebook-Freundeskreis der meisten User haben sie dennoch einen beträchtlichen Anteil. Man darf täglich ihre Lebensupdates begutachten, mal ganz abgesehen von den selbstverständlich für alle freigegebenen Partyalben und dem Ergebnis der letzten Badezimmer-Selbstportrait-Session. Wenn man diese ganzen Infos nicht haben will, muss man die Person eben löschen. Um die unabdingbare partielle Analogie zwischen Freundschaften und facebook-Verbindungen zu bemühen: Einem realen Freund, mit dem man keine Gemeinsamkeiten mehr hat, kündigt man ja auch irgendwann die Freundschaft, explizit oder schleichend. Aber das Schleichende funktioniert auf facebook eben nicht zwangsläufig, weil es auffällt, von einer Person diese automatischen Infos nicht mehr zu bekommen. Auf facebook ist man per "für alle freigeben" pausenlos in indirektem Kontakt.

Darf man die Löschung bei facebook aber ebenso als Aufkündigung einer realen Freundschaft verstehen? Ist es angemessen, beleidigt zu sein, weil jemand auf einen Pinnwand-Eintrag partout nicht antwortet? Wie viel Freundschaft steckt letztendlich in einer "Verbindung" auf facebook? Sieht man tatsächlich, woraus die eigene Beziehung zu einem Menschen grundsätzlich besteht, wenn man "Freundschaft anzeigen" klickt?

Wahrscheinlich entscheiden die meisten User, wenn sie sich denn mal ans Aussortieren wagen, vor allem nach eigenem Vorteil. Um opportunistisches Adden und Adden-Lassen und egoistisches Vorteilsfreunde-Ansammeln geht es zum Beispiel bei Xing im Sinne von ökonomischem Vitamin B fast ausschließlich. Auf facebook spielt sich dasselbe in einer anderen Dimension ab: Man möchte weiterhin Nägel für Farmville geschenkt bekommen, die Möglichkeit einer kostenlosen Unterkunft in Barcelona offenhalten, sich fremdschämen wegen peinlicher, aber eben lustiger Fotos oder gepostete Musiktipps genießen. Man kann sich jederzeit durch das Online-Leben der fast vergessenen Menschen klicken.

Dass die Online-Selbstdarstellung nicht repräsentativ ist, weiß dabei jeder. Es gibt Menschen, die kronloyal als politische Ausrichtung angeben, "Kann man das essen?" als Kommentar in der Kategorie Lieblingsbücher schreiben, ein Fotoalbum mit dem Namen "Me, Myself and I" in ihrer Sammlung haben oder "Wenn jeder an sich selbst denkt ist irgendwann jedem gedient" als Lieblingszitat angeben. Das alles sagt etwas aus. Aber was? Und ist das letztendlich relevant für eine reale Freundschaft?

Facebook gibt jedem eine Plattform, aber eine Gebrauchsanweisung ist im Lieferumfang nicht enthalten. Dadurch ist es schwer, die richtigen Grenzen zu finden. Es kann allerdings auch niemand behaupten, es gäbe keine Orientierungshilfen.

Wer sich an die Regel "Lade nur Bilder hoch, die deine Mutter freigeben würde" hält, erspart sich und seinem facebook-Umfeld schon mal einiges. Partybekanntschaften, die "Wenn deine Anfrage nicht akzeptiert wird, akzeptiere es einfach" als Regel anerkennen, lassen das adden vielleicht gleich oder reagieren zumindest nicht so inadäquat wie Julia. Dann verkommt die Floskel "Ich adde dich mal" nicht weiterhin zur Drohung, sondern bringt einen online mit den Leuten zusammen, die einem nicht nur das Gemüse auf der Farm düngen und Nichtinfos unterschieben."Wichtige Links zu diesem Text"
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Tags: Freundschaft, Facebook, Web 2.0, Soziale Netzwerke, Freundesfreunde, Adden, Online
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24 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Mir persönlich geht es nicht um Selbstdarstellung...das ist aus der Sicht der menschlichen Psychologie absolut nachzuvollziehen.
      Hier geht es um die Art und Weise wie Facebook deine Daten weiterverarbeitet und da ist z.B. personifizierte Werbung noch der kleinste Fisch im Becken. Bei einer Milliarde Umsatz im Jahr 2010 und tausenden von Menschen die für Facebook arbeiten, kannste dir mal sicher sein, dass die extrem viele Ideen haben wie man deine Daten weiterverarbeiten könnte um damit noch mehr Gewinn zu machen. Teilweise werden die durch Gesetzsprechungen in den einzelnen Ländern blockíert, aber da das Netz ja bekanntlich Länderübergreifend funktioniert, ist das ein unüberschaubar. Für mich sind damit die Menschen die solch einen Dienst benutzen verantwortlich für die Weiterentwicklung der Dienste im Netz. Was abgelehnt wird, verschwindet in der Versenkung. Was angenommen wird, ist über allen Zweifel erhaben...selbst teilweise über den Zweifel der Gerichte.

      09.02.2011, 13:54 von JamesConway
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    ich liebe facebook, trotzdem schadet es eher als es hilft, besonders was weniger enge bekanntschaften/freundschaften angeht.

    08.02.2011, 20:50 von paleica
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    Ich finde in der ganzen Facebook-Debatte sehr spannend, wie wenig die Menschen sich mal auf ihre eigene Medienkompetenz berufen. Und zu Kommentaren, die ich nicht lesen will, fällt mir nur ein : "If something annoys you, just hit the "Ignore"-Button."

    08.02.2011, 16:52 von Dookie1703
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    Grandios: ich bin Generation E-Mail :)

    08.02.2011, 11:31 von FAQs
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      @FAQs
      Danke. Ein Freund von mir ist Eltern-Medien-Trainer und erzählte, daß heutige Jugendliche oft gar nicht mehr nach ihren Emails schauen. Wenn du die erreichen willst, dann nur über soziale Netzwerke.

      09.02.2011, 14:49 von LudwigMartin
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    Ich dachte beim Facebook geht es darum soviele Kontakte wie möglich zu sammeln, um anschließend damit anzugeben wie viele "Freunde" man hat.
    Ich denke wohl nicht, dass es viele Menschen gibt die 200 echte Freunde haben.

    07.02.2011, 10:16 von WurstModem
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    Praktisch bei Facebook ist ja die Funktion, die "Freunde" in Gruppen zu sortieren.

    Sehen die Leute eigentlich, in welche Gruppe sie von mir eingeteilt wurden?

    04.02.2011, 16:42 von keinohrhaesin
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    Es gibt zwei ganz tolle Funktionen bei FB. Entweder man sperrt die Pinnwand, um nicht nervige Kommentare des ungeliebten Freundes ertragen zu müssen, kann ihn aber trotzdem adden, um das Drama zu vermeiden.
    Oder man sperrt die Beiträge dieser Person für die eigene Pinnwand.
    Ansonsten verstehe ich diese elende FB Kritik nicht mehr. Ich kenne keinen, der FB zur Selbstdarstellung benutzt. Es ist einfach praktisch und billiger als Telefonieren. Ich schreibe lieber. Und ja, manchmal sogar trotzdem noch echte Briefe.
    Also, so what ?

    03.02.2011, 18:28 von cosmokatze
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    Herrlich
    Ein wirklich erfrischender Beitrag. der gehört in die c't oder in eine Leserkolumne. NEON, hört ihr mich??
    Wenn der Typ, der uns sagt, was er sich nicht kaufen wird, ne Kolumne haben darf, dann geht auch das hier!

    03.02.2011, 14:49 von dyschromatopsia
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    naja, übers adden lassen sich ja auch Freundschaften aufbauen^^ also so "reale" und so...aber nur so eine Idee von mir :0)

    Mit dem Wort "Selbstdarstellung" kann ich auch nicht viel anfangen. Ich persönlich hab mich im Ausland auf Facebook verirrt und finde es ehrlich gesagt super praktisch. Man hat nicht immer Zeit sich bei allen zu melden und sieht trotzdem, wenn einer einen schönen Urlaub oder was auch immer macht.

    03.02.2011, 12:17 von DasDing
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      @DasDing wahrscheinlich wäre ein längerer auslandsaufenthalt der einzige grund, da beizutreten. obwohl... nee. ich hab einfach immer die fiese fresse von zuckerberg und seine geldgeierige scheißegal-haltung vor augen. und dann würd' ich wohl doch eher mails schreiben. dann bin ich eben auch mal richtig weg. und muss mich nicht mit dem kram von zu hause abgeben:-)

      03.02.2011, 12:33 von lavish
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    Ich hab eine einfache Regel: Ich adde nur Menschen, die ich mindestens 3x gesehen habe. Wenn ich jemanden lange nicht mehr gesehen habe und nicht das Bedürfnis habe, ihn wiederzusehen, dann lösche ich ihn. Punkt. Damit hält sich meine FB-"Freundeskreis" in übersichtlichen Grenzen.

    03.02.2011, 11:25 von Enigami
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      @Enigami achja und beleidigt habe ich damit auch noch nie jemanden. hat bis jetzt jeder verstanden.

      03.02.2011, 11:26 von Enigami
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      @Enigami sowas ähnliches hab ich kürzlich gerade in irgendeinem blättchen (war's der "stern"?) im wartezimmer gelesen...
      ich les das aber immer gerne, denn mir ist dieses ganze trara um "facebook" überaus suspekt, ich finde, zuckerberg ist ein narzisstisch gestörter arsch und wenn ich meine freunde sehen will, dann ruf ich die an und wir gehen was trinken (oder so).
      wer wen privat ablehnt, ach gottchen, ja, es gibt sicher größere dramolette im leben. aber am witzigsten finde ich die leute, die sich im sturzbesoffenen kopf mit bekotztem t-shirt oder wüst knutschend (so dass man bei zumindest einer beteiligten person fast die rachenmandeln erkennen kann) haben ablichten lassen und später panik kriegen, "huuu, ich hab mich grad beworben und wenn die chefs das jetzt sehen, dann nehmen die mich nicht!" ja. das ist dann wohl so. vielleicht kann man den chef aber später "adden". quasi die "black adder"-funktion:-)
      mannmannmann, DAS sind nöte.

      03.02.2011, 12:07 von lavish
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      @lavish ja, manche menschen haben echt kein gefühl dafür, was man posten sollte und was nicht. eine kollegin schrieb fast täglich, ob sie am abend alleine ins bett geht oder nicht. alle leute aus der firma konnten mitlesen. ich hab sie von der startseite verbannt, ich will so etwas gar nicht wissen.

      ... zu meinen freunden, die in meiner stadt leben, habe ich anderweitig kontakt als über FB. aber ich habe früher in amerika studiert, und mit den "internationalen" freunden kann man leider nicht mal einfach so auf ein bier gehen. daher ist FB schon recht nützlich, wenn man mit leuten von china bis mexiko in kontakt bleiben möchte.

      03.02.2011, 15:02 von Enigami
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